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"Das Plakatmalen hat nur auf mich gewartet"

Abpausen in großem Stil: Katrin Wulfers malt in ihrem Atelier am liebsten in der Dunkelheit.
Abpausen in großem Stil: Katrin Wulfers malt in ihrem Atelier am liebsten in der Dunkelheit. Foto: Jörg Sarbach

Handgemalte Kinoplakate sind selten geworden. Die in Bremen lebende Katrin Wulfers ist vermutlich als einzige Frau in Deutschland in dem Metier.

Es ist Dienstagabend, kurz nach 21 Uhr: Katrin Wulfers steckt in einer türkisfarbenen, mit Farbe beklecksten Hose und einem schwarzen Pulli. In ihrem Atelier breitet sich allmählich abendliche Dunkelheit aus, die wichtigste Lichtquelle ist ein spezieller Projektor. Dieses Episkop projiziert ein Plakatmotiv auf eine ungefähr anderthalb mal zwei Meter große Leinwand. Dann schraubt die ausgebildete Grafikdesignerin umfunktionierte Marmeladengläser auf und mischt die erste Farbe. Mit einem sehr feinen Pinsel zeichnet Wulfers die Konturen des Bildes auf der ansonsten völlig weißen Leinwand nach. Hier entsteht ein Kinoplakat.

Katrin Wulfers hat einen seltenen Job. Außer ihr gibt es noch einige wenige Männer, aber sie soll die einzige Frau im Land sein, die beispielsweise Brad Pitt als "Inglorious Basterd" auf die Plakat-Leinwand gebracht hat. Allzu viele Kinos leisten sich den Luxus des handgemalten Plakats heute nicht mehr. Über die, die noch ein gemaltes Plakat wollen, sagt Wulfers, dass "die Kino-Inhaber dann meistens nostalgisch veranlagt sind".

Vergängliches unter der "Käseglocke"

"Wenn ich male, dann tauche ich da so richtig ein, dann bin ich wie unter einer Käseglocke", erzählt sie. Als Mutter von zwei Kindern malt sie in den Abendstunden, wenn die Kinder im Bett sind, dann kann sie ungestört arbeiten. Außerdem wäre ihr Arbeitsraum sonst zu hell. Als Perfektionistin betrachtet sie sich nicht, aber "ich will das so gut wie möglich machen. Da fließt viel Herzblut rein."

Gleichzeitig ist klar, dass ihre Werke vergänglich sind: Denn immer, wenn ein neuer Film anläuft, übermalt Wulfers ein altes Plakat mit neuer Acrylfarbe. Sie ist auch schon gefragt worden, ob sie ihre Plakate verkauft, hat aber erst zwei dieser Werke auch zu Geld gemacht. Das "Soul Kitchen"-Motiv, in dem ungewöhnlich viele Arbeitsstunden stecken, will sie auf jeden Fall feilbieten. Derzeit sucht sie den besten Online-Vertriebsweg für zukünftige Plakate.

"Oder willst Du das machen?"

Ein Blickfang nicht nur für Nostalgiker und Cinephile: Die handgemalten Plakate an der Bremer Schauburg.
Ein Blickfang nicht nur für Nostalgiker und Cinephile: Die handgemalten Plakate an der Bremer Schauburg. Foto: Jörg Sarbach

Zum Plakatemalen ist Wulfers zufällig gekommen: Vor gut einem Jahr, als sie mit ihrem Freund und ihren beiden Söhnen ins Szenequartier "Viertel" gezogen ist, ist sie einem alten Schulfreund über den Weg gelaufen, der gerade eine zusammengerollte Leinwand zum damaligen Plakatemaler des Programmkinos "Schauburg" bringen wollte. Für ihn suchte das Kino schon seit geraumer Zeit eine Nachfolge, aber trotz Anfragen auch an die Bremer Hochschule für Künste wollte niemand diesen Job übernehmen.

"Vielleicht hat sich das auch niemand zugetraut?", überlegt Wulfers heute. Mit der spontanen Frage auf der Straße "Oder willst du das machen?" an ihre Adresse nahm die Geschichte ihren Lauf. "Ich hatte das Gefühl, das Plakatmalen hat nur auf mich gewartet", erinnert sie sich mit einem Lächeln. "Ich hatte schon so oft vor dem Kino gestanden, die Plakate angeguckt und gedacht: "Schade, das macht schon jemand anderes. Und auf einmal durfte ich das machen." Seitdem hat sie gut 20 Motive auf die drei immer wieder übermalten Leinwände der Schauburg gebannt.
Bevor Wulfers mit dem Malen beginnt, plant sie sehr genau, wie sie das Originalmotiv auf die Leinwand ihres Kunden, das "Schauburg"-Kino im Bremer Szeneviertel Steintor, bringt. Denn: Die ist ein Querformat, das Motiv aber meist ein Hochformat.

Per Diaprojektor quer durch die Wohnung

Außerdem muss sie sich überlegen, wie sie die besten Kontraste erzielt, "damit man das Bild auch aus der fahrenden Straßenbahn sofort erkennen kann". Dann kommt das Episkop zum Einsatz. Früher hat sie mit einem Diaprojektor gearbeitet, aber der erfordert einen sehr großen Mindestabstand von der gegenüberliegenden Wand. Dafür war ihre Wohnung arg klein. Der Projektor stand am Ende des einen Zimmers, die Schiebetür zum Nebenzimmer war geöffnet, im Nachbarraum stand die Leinwand an der am weitesten entfernte Wand - dann reichte der Abstand so gerade eben. Mittlerweile malt Wulfers in einem Atelier, das sie sich mit einem Kollegen teilt, direkt unter ihrer Wohnung.

Mit feinem Pinselstrich entstehen die Konturen des Plakatmotivs auf der Leinwand. "Das ist das Langwierigste", erklärt sie. Kein Wunder: Wulfers arbeitet die Schatten heraus, die bei einer Figur mit schwarzer Hose, dunkelrotem Pullover und dunklem Haar stellenweise kaum zu erkennen sind. Auch ein geringelter Pullover, karierte Sofabezüge oder gemusterte Tapeten im Motiv-Hintergrund sind zeitaufwändig. Danach, wenn es daran geht, die Flächen zu füllen, wird sie schneller. Dann greift Wulfers zu dickeren Pinseln oder zu einem Haushaltsschwamm. "Ich hatte mir mal einen speziellen Pinsel für viel Geld dafür gekauft – und beim ersten Einsatz ist der auseinandergefallen. So ein Küchenschwamm ist viel besser."

Anspruchsvoll – aber auch erst richtig interessant – wird es, wenn etwa bei einem Portrait "nicht nur die Formen erkennbar sein sollen, sondern auch der Charakter. Ganz viel davon machen Licht und Schatten aus." An diesem Abend konturiert sie erst ein Kindergesicht, dann das einer Katze mit sehr genauen, feinen Linien, von denen man sich fragt, wie viel davon später noch auf viele Meter Entfernung zu sehen ist. Für ein Plakat braucht sie, je nach Schwierigkeit, etwa vier bis fünf Stunden. Für "Soul Kitchen" waren es acht.

Jedes Kino-Plakat, das Wulfers malt, muss vor dem Aufhängen vom Filmverleih abgesegnet werden. Das ist in der Regel eine reine Routinesache: Ein Foto vom fertigen Bild mailt sie an den Verleih, dann bekommt sie die Freigabe. "Zum Glück ist noch nichts richtig schief gegangen", sagt Wulfers erleichtert. Ja, es sei schon mal vorgekommen, dass die Farbe in einer Ecke nicht so richtig stimmte: Dann hat sie die Stelle noch mal schnell übergemalt, die frische Farbe mit dem Föhn getrocknet, und der Plakatabholer der "Schauburg" musste ein paar Minuten warten. Da ist es umso unproblematischer, als dass Wulfers direkt um die Ecke "ihres" Kinos wohnt, zu Fuß etwa zwei Minuten entfernt. "Wenn das Plakat dann hängt, ist das wie eine Belohnung für mich", sagt sie und lächelt.

Mehr unter www.katrinwulfers.de

6.207 Zeichen, Autorin: Ulrike Bendrat

Pressekontakt:

Katrin Wulfers

E-Mail: katwulf[at]web.de