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Sharing a Vision

Unter dem Motto Sharing a vision machen viele Partner aus der Nordwestregion in China gemeinsame Sache. Foto: WFB Wirtschaftsförderung Bremen
Unter dem Motto "Sharing a vision" machen viele Partner aus der Nordwestregion in China gemeinsame Sache. Foto: WFB Wirtschaftsförderung Bremen

Kooperationen und Netzwerke machen den Nordwesten zu einer bedeutenden Region für Zukunftstechnologien

Sie hatten eine Vision: Als sich Esel, Hund, Katz und Hahn an einem dunklen Abend irgendwann im 19. Jahrhundert zu den "Bremer Stadtmusikanten" zusammentaten, wollten sie nach einer entbehrungsreichen Zeit eine bessere Zukunft finden. Bis heute zählt diese Geschichte aus der Sammlung der Brüder Grimm zu den beliebtesten Fabeln in aller Welt, die Ideenreichtum, Wagemut und das visionäre Verbinden unterschiedlicher Fähigkeiten beschwört.

Am Originalschauplatz des Geschehens, der Nordwestregion Deutschlands rund um die Freie Hansestadt Bremen, ist aus der märchenhaften Erzählung fakten- und facettenreiche Wirklichkeit geworden. "Sharing a Vision" lautet darum das Motto des Gemeinschaftsstandes, mit dem sich Bremen, Bremerhaven und Oldenburg auf der Expo 2010 präsentieren. Es bedeutet für die regionale Wissenschaft und Wirtschaft, Kompetenzen zu bündeln und an Lösungen für die großen technologischen Herausforderungen in den Ballungsgebieten rund um den Globus zu arbeiten. Eine sichere sowie umweltverträgliche Energieversorgung und deren effiziente Nutzung, der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und insbesondere des Klimas sowie der Erhalt der individuellen Mobilität gehören zu den Kernthemen der Region.

Sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen, ist alte Bremer Tradition. Im Mittelalter zählten die Kaufleute an der Weser zu den Initiatoren der Hanse als erster grenzüberschreitender Handelsorganisation Europas. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschritten die Bremer mit der Gründung Bremerhavens einen für die damalige Zeit höchst innovativen Weg zum Erhalt der eigenen Stärken.
Heute ist das kleinste deutsche, aus zwei Städten bestehende Bundesland der Kern einer Region, in der auf knapp 12.000 Quadratkilometern Fläche rund 2,4 Millionen Menschen wohnen. In der Mischung aus urbanen und ländlichen Strukturen steckt eine ungeheure Wirtschaftskraft: Rund 763.000 Arbeitsplätze in einem breit gefächerten Branchenmix sorgen jährlich für eine Bruttowertschöpfung von rund 55 Milliarden Euro.

Führend in Windkraft

Die Windkraft-Industrie hat mittlerweile eine führende Rolle eingenommen. Experten messen ihr bereits stärkere Bedeutung bei, als der Schiffbau jemals hatte. "Die Branche der erneuerbaren Energien hat sich auch in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise als stabil, innovativ und beschäftigungsintensiv erwiesen", unterstreicht Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Zugleich attestiert er der Nordwestregion, sie biete "eine hohe Dichte von Unternehmen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, Netzwerken und Kraftwerken".

Technologische Impulse und technische Innovationen gehören zu Bremen und der Region seit dem Beginn der Industrialisierung. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden auf den Werften an der Weser die ersten großen Dampfschiffe; in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts starteten Bremer Luftfahrtpioniere zum ersten Nonstop-Atlantikflug in Ost-West-Richtung. Auf dieser Tradition fußend entwickelte sich Bremen zum Ende des 20. Jahrhunderts zu einem der führenden Raumfahrtstandorte Europas.

Wie ein roter Faden zieht es sich durch Vergangenheit und Gegenwart dieser von Technologie geprägten Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte, dass die Bremer – ähnlich wie die Stadtmusikanten – immer wieder die unterschiedlichen Kräfte zusammenzuführen verstehen. Die öffentlichen und privaten Universitäten und Hochschulen des Landes bewegen sich in den verschiedensten Disziplinen, die sowohl in den technologischen als auch in den natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern zu den führenden Institutionen gehören. Aus der engen Kooperation entstehen so Projekte wie beispielsweise die Entwicklung von Systemen mit künstlicher Intelligenz oder von selbst steuernden Prozessen in der Logistikkette für die internationalen Warenströme.
Vielleicht liegt es daran, dass Bremen als politischer Einheit selbst enge räumliche Grenzen gezogen sind: Zu den wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Hauptthemen der Region gehören vor allem Felder, die den großen urbanen Regionen in aller Welt beim Überwinden der Grenzen des Wachstums helfen sollen.

Zentrum der internationalen Klimaforschung

Großer Andrang: Zur größten Weltausstellung aller Zeiten werden 70 Millionen Besucher erwartet. Foto: WFB Wirtschaftsförderung Bremen
Großer Andrang: Zur größten Weltausstellung aller Zeiten werden 70 Millionen Besucher erwartet. Foto: WFB Wirtschaftsförderung Bremen

Dass Klimaschutz-Projekte wie der Ausbau der erneuerbaren Energien und speziell der Windkraft oder Forschungsvorhaben rund um den Einsatz von Elektromobilen zu den Schwerpunkten zählen, kommt nicht von ungefähr. Das Land Bremen und die umliegende Region gehören zu den Zentren der internationalen Klimaforschung, an deren Spitze das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) steht.

Die AWI-Wissenschaftler suchen übrigens in den Ozeanen und Polargebieten nicht nur nach Indizien für das Ausmaß des vom Menschen verursachten Klimawandels, sondern auch nach praktischen Anwendungen für die Ergebnisse ihrer Grundlagenarbeit. Die Struktur von Kieselalgen als Vorbild für städtische Leichtbauvorhaben der Zukunft ist eines dieser Projekte.

Lösungen für die großen Herausforderungen

In vielen Projekten sind Bremen und die Nordwestregion auf dem Sprung, Lösungen für die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu präsentieren. Das Stichwort E-Mobilität gehört dazu. In einem Forschungsverbund des großen Energieversorgungsunternehmens EWE AG mit Sitz in Oldenburg und des Osnabrücker Autobauers Karmann ist gerade der Prototyp für ein Strom getriebenes Fahrzeug entstanden – Elektroautos wie der auf dem Expo-Stand präsentierte E3 könnten bereits in naher Zukunft entscheidend dazu beitragen, die zunehmend geforderte Mobilität der Bevölkerung in Ballungsgebieten mit den Erfordernissen des Klima- und Umweltschutzes zu verbinden.

Der Klimaschutz ist auch die treibende Kraft für die Nutzung des Windes als Energiequelle – aber nicht nur: Den Entwicklern und Konstrukteuren geht es zudem darum, Ressourcen für den Zeitpunkt effizient nutzbar zu machen, an dem Erdöl als Energieträger nicht mehr zu bezahlen ist oder gar nicht mehr zur Verfügung steht. Windenergie ist gerade für die Schwellen- und Entwicklungsländer ein wertvoller, weil kostengünstiger Beitrag, den wachsenden Energiebedarf ohne schwere finanzielle Belastungen decken zu können. Die Nutzung von Windstrom in großen Ballungsgebieten trägt zudem entscheidend dazu bei, die enorme Luftbelastung aus der Nutzung fossiler Brennstoffe zu verringern.

Da der Energiebedarf weltweit steigt und die logistischen Möglichkeiten, eine Infrastruktur aufzustellen, welche es ermöglicht, den Bedarf effizient und umweltverträglich zu decken, noch limitiert sind, hat sich die Bremer Projekt- und Schwergutreederei Beluga Shipping GmbH mit dem ebenfalls seit Jahren im Offshore-Bereich engagierten Bauunternehmen Hochtief Construction AG in einem innovativen Joint Venture BELUGA HOCHTIEF Offshore zusammengeschlossen: Ab 2012 abgelieferte Spezial-Errichterschiffe mit 8.000 Tonnen Ladekapazität, 1.500 Tonnen Krankapazität und zwölf Knoten Geschwindigkeit werden autark und in ungekannter Effektivität riesige Offshore-Windkraftanlagen mit einem Output von fünf und mehr Megawatt an Land laden, sicher über das Meer transportieren sowie am Offshore-Zielstandort direkt installieren und warten können.

Zukunftsweisende Projekte müssen aber nicht unbedingt nur von hoch entwickelter Technologie geprägt sein. Manchmal ist es einfach eine pfiffige Idee, die drängende Probleme löst. Dazu zählt beispielsweise Isolierung zur Verbesserung der Energieeffizienz von Anlagen oder Gebäuden. Der weltweit größte unabhängige Anbieter sämtlicher Leistungen rund um Isolierung – das Unternehmen KAEFER – hat seit mehr als 90 Jahren seinen Sitz in Bremen. Die Idee Isolierung ist nicht neu – aber zukunftsweisend effektiv. Isolierung vermindert den Energieverbrauch und spart so CO2 und Kosten ein. Auch im Bereich Erneuerbare Energien ist sie unerlässlich. Zum Beispiel in solar-thermischen Kraftwerken, in denen kilometerlange Rohre isoliert werden.

Und noch ein Beispiel: In Bremen gibt es seit Jahren das Modell des Car-Sharing, bei dem sich viele private und geschäftliche Nutzer eine in der Stückzahl limitierte Flotte von Leihwagen teilen – nur wer das Auto gerade wirklich benötigt, „besitzt“ dann auch eines. "Sharing a Vision", so wie es die Bremer Stadtmusikanten vorlebten, ist dort bereits alltägliche Wirklichkeit.

8.367 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer