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Bremen ist Car-Sharing-Metropole

Car-Sharing ist eine flexible Lösung für flexible Menschen. Bremen ist auf dem Gebiet EU-weit führend. Foto: WFB Wirtschaftsförderung Bremen/Frank Pusch
Car-Sharing ist eine flexible Lösung für flexible Menschen. Bremen ist auf dem Gebiet EU-weit führend. Foto: WFB Wirtschaftsförderung Bremen/Frank Pusch

Seit rund 20 Jahren teilen sich die Bremer Autos – Bremens Car-Sharing-Botschafter hat in anderen Ländern Nachahmer gewonnen

Car-Sharing spart Geld und Parkplatzsorgen. Es schont die Nerven ebenso wie das Klima. In keiner anderen deutschen Stadt wird die gemeinsame Nutzung von Autos so stark gefördert wie in Bremen. Davon profitiert die Hansestadt ebenso wie ihre Bürger.

Die Erfolgsgeschichte begann unauffällig: Mit dem Verein Ökostadt, einem Parkplatz und drei gemeinschaftlich genutzten Autos. "Der Umweltgedanke spielte damals die Hauptrolle bei der Idee, sich mit mehreren einen Wagen zu teilen", erinnert sich Michael Glotz-Richter, Referent für nachhaltige Mobilität beim Bremer Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa. Heute, rund 20 Jahre später, nutzen über 6.000 Bremer Car-Sharing anstelle eines eigenen Autos – und das längst nicht mehr nur aus Umweltgründen. Die meisten von ihnen sind Kunden des Bremer Car-Sharing-Anbieters cambio. Das Unternehmen ging in Bremen aus der Ökobewegung von einst hervor und ist heute bundesweit einer der größten Anbieter in der Wachstumsbranche.

Die Bremer Umweltbehörde förderte die Einführung dieser Dienstleistung massiv. Bremen ist die erste Stadt mit einem politisch beschlossenen Car-Sharing-Entwicklungsplan, hier wird in der Bevölkerung offensiv für Car-Sharing geworben, und es wurde Platz für zahlreiche Ausleihstationen geschaffen. Bremen setzt sich seit mehreren Jahren auf Bundesebene für eine bundeseinheitliche Ausschilderungsmöglichkeit von Car-Sharing-Stationen ein. Außerdem hat die Behörde die Zertifizierung von Car-Sharing-Anbietern mit dem bekannten Umweltsiegel "Blauer Engel" initiiert. Für dieses vielseitige Engagement wurde die Stadt mehrfach ausgezeichnet – unter anderem von der OECD und vom ADAC.

Car-Sharing ist Teil eines größeren Konzepts

Mit PIN-Code und Karte zum geteilten Wagen: Car-Sharing-Anbieter wie cambio machen es möglich. Foto: WFB Wirtschaftsförderung Bremen/Frank Pusch
Mit PIN-Code und Karte zum geteilten Wagen: Car-Sharing-Anbieter wie cambio machen es möglich. Foto: WFB Wirtschaftsförderung Bremen/Frank Pusch

Wichtig sei es jedoch, die gemeinschaftliche Autonutzung nicht isoliert, sondern als Teil eines größeren Konzepts zu begreifen, sagt Glotz-Richter: "Finanziell rechnet sich Car-Sharing nur für Menschen, die im Jahr weniger als 10.000 Kilometer mit dem Auto fahren. Das geht aber nur, wenn eine Stadt auch attraktive Alternativen bereithält." Ein gut ausgebautes Radwegenetz und ein leistungsfähiger öffentlicher Personennahverkehr gehören für ihn dazu. "Sonst geht die Rechnung nicht auf."

Das Prinzip Car-Sharing ist nicht nur bei cambio denkbar einfach: Man wird gegen eine geringe monatliche Gebühr Kunde und erhält im Gegenzug die Gelegenheit, sich jederzeit ein Auto in der gewünschten Größe auszuleihen. Der Car-Sharing-Nutzer kann den Wagen tage- oder stundenweise ausleihen – und das an über 40 Stationen im gesamten Bremer Stadtgebiet. Die wichtigsten davon befinden sich alle in der Nähe von Bus- und Bahnhaltestellen.

Abgerechnet wird nach Zeit und Kilometern. Anders als bei Autovermietern muss man den Wagen also nicht gleich einen ganzen Tag lang reservieren, wenn man ihn eigentlich nur für eine kurze Tour braucht. Außerdem sind die Buchung und Abholung jederzeit möglich, denn eine Internetbuchung ist zeitunabhängig und auch die Zentrale ist Tag und Nacht besetzt. Zudem stehen Wagen in den unterschiedlichsten Größen bereit – vom Zweitürer bis zum Kleinbus. „Die Flexibilität ist ein großer Vorteil von Car-Sharing“, sagt Glotz-Richter.

Für ihn ist die gemeinschaftliche Autonutzung ein Thema, das längst den Weg aus der Öko-Nische gefunden hat: "Auch manche Firmen sind mittlerweile auf Car-Sharing umgestiegen, weil ihnen die Kosten und der Wartungsaufwand eines eigenen Fuhrparks zu hoch waren." Dank technologischer Entwicklungen ist Car-Sharing zudem immer unkomplizierter und sicherer geworden: Mit Hilfe einer Chipkarte und einer Pin-Nummer können die Nutzer zu jeder Tages- und Nachtzeit an den Mobilpunkten den Schlüssel für ihren Wagen – und nur für den – aus dem Schlüsselautomaten erhalten.

Car-Sharing kann viel Geld sparen

Egal, ob mit einer Sozialdemokratin, einem Christdemokraten oder – wie derzeit – mit einem Grünen an der Spitze des Bremer Umweltressorts: "Car-Sharing haben alle unterstützt", erinnert sich Glotz-Richter, der seit 20 Jahren in der Umweltbehörde arbeitet. Diesen politischen Konsens führt er vor allem darauf zurück, dass das Modell auf ganz unterschiedlichen Ebenen Vorteile bietet: "Es hat nichts mit Verzichtsethik, sondern mit Gewinnethik zu tun", sagt der Umweltexperte. "Vor allem Menschen, die ihr eigenes Auto zuvor wenig genutzt haben, können mit Car-Sharing viel Geld sparen. Die Fixkosten für Kfz-Steuer und Versicherung fallen weg, sie brauchen sich nicht um die Wartung kümmern und sie buchen einen Wagen, der immer nur so groß ist, wie sie ihn gerade benötigen. Und damit tun sie zugleich auch etwas für die Umwelt."

Car-Sharing spart Platz in den Städten

So liegt der durchschnittliche CO2-Ausstoß eines Bremer Car-Sharing-Autos bei 129 Gramm pro Kilometer – und damit sogar noch deutlich unter dem bundesweiten Neuwagen-Durchschnitt von 160 Gramm. Da jede Fahrt gebucht und bezahlt werden muss, führt Car-Sharing zudem auf subtile Art zu einer bewussteren und damit auch geringeren Autonutzung. Und das sorgt nicht nur für einen geringeren CO2-Ausstoß, sondern spart auch Platz. "Wir erobern uns ein Stück Lebensqualität in der Stadt zurück", sagt Glotz-Richter. "Schließlich ersetzt ein Auto im Car-Sharing-System vier bis acht private Pkws." Der Umweltexperte sieht in der gemeinschaftlichen Autonutzung die beste Lösung für Stauprobleme und Parkplatzsorgen, aber auch eine Antwort auf den Klimawandel und die zunehmende Ölknappheit.

Nicht zuletzt ist die gemeinschaftliche Autonutzung gerade in Zeiten knapper öffentlicher Kassen ein schlüssiges Konzept: "In Innenstädten muss man mittlerweile um jeden Quadratmeter ringen. Der Bau von Parkhäusern ist enorm teuer geworden. Rechnet man die Baukosten auf die entstandenen Parkplätze um, so kostet jeder einzelne dieser Plätze mittlerweile bis zu 40.000 Euro" Mit Parkgebühren könnten Städte und Kommunen in solchen Fällen gerade noch den laufenden Betrieb und die Zinsen bezahlen, betont der 54-Jährige. "Eine lukrative Einnahmequelle ist das nicht."

Es sei höchste Zeit, Mobilität neu zu denken, sagt Glotz-Richter. Dass die gemeinschaftliche Autonutzung auch in größerem Rahmen funktionieren kann, davon ist er fest überzeugt. Längst ist er deshalb zu einem Car-Sharing-Botschafter Bremens geworden. Schließlich will er auch andernorts Stadtplaner für das Modell begeistern. In Toronto, Brüssel, Athen und Madrid und weiteren Städten ist ihm das bereits gelungen. "Auch und gerade für die boomende Metropole Shanghai ist dieses Modell angesichts wachsender Verkehrsprobleme interessant. Deshalb sind wir mit dem Konzept zur Expo 2010 ausgewählt worden." Folgerichtig war der Bremer Expo-Stand am 7. September 2010 dann auch der Schauplatz der offiziellen Einweihung von Car-Sharing in Shanghai "SharIn Car" (畅行汽车共享).
Trotz des Bremer Car-Sharing-Erfolgs sieht Glotz-Richter auch in der Hansestadt selbst noch großes Wachstumspotential für das Modell: Bis 2020, so hat man sich in der Umweltbehörde vorgenommen, soll sich die Zahl der Car-Sharing-Teilnehmer gegenüber 2009 vervierfacht haben. Um diesem Ziel nahe zu kommen, setzt man beim Umweltsenator auf einfallsreiche Kampagnen. "Schauen Sie mal, das verteilen wir jetzt an die Kindergärten", sagt Michael Glotz-Richter und greift schmunzelnd nach einem Pixi-Büchlein, in dem die Vorzüge des Car-Sharings kindgerecht erklärt werden. Die Aufklärungsarbeit fängt eben schon bei den Kleinsten an.

7.522 Zeichen, Autor: Thomas Joppig