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Entwicklungshilfe mit Espresso

Von der Röstung bis zur Verpackung: Die gesamte Wertschöpfung des Solino-Kaffees liegt  im Erzeugerland Äthiopien.
Von der Röstung bis zur Verpackung: Die gesamte Wertschöpfung des "Solino"-Kaffees liegt im Erzeugerland Äthiopien. Foto: Felix Ahlers

Tagsüber ist Felix Ahlers Chef eines führenden Lebensmittelunternehmens, in der Freizeit unterstützt er äthiopische Kaffeeproduzenten – so sieht wirkungsvolle Entwicklungsarbeit aus.

Das Kaffeeangebot in den 42 Perfetto-Feinkostmärkten von Karstadt ist bunt und vielfältig. Vielleicht fallen deshalb die schlanken Verpackungen besonders auf, die gerade als neuestes Produkt in die Regale gekommen sind – denn sie sind weiß und mit ihrer schlichten, dunklen Beschriftung nahezu puristisch gestaltet.

Noch wichtiger als das Äußere und auch bemerkenswerter als der qualitativ hochwertige Inhalt ist der Grund, warum der "Solino Espresso" auf den deutschen Markt gekommen ist: "Dies ist nicht irgendein Kaffee, sondern er kann auch zeigen, wie nachhaltig Arbeitsplätze in einem Land der so genannten Dritten Welt geschaffen werden können", sagt Felix Ahlers.

Normalerweise lenkt Ahlers als Vorstand den Bremerhavener Tiefkühlkosthersteller Frosta. Mit "Solino" hat er nun privat ein Vorhaben gestartet, das so ganz anders als herkömmliche Hilfsprojekte ist.

Der hohe Lebensstandard und der Reichtum in den industrialisierten Ländern basieren zu einem beträchtlichen Teil auf den günstigen Rohstoffen, die aus den armen Regionen der Erde stammen. Zum Beispiel Kaffee: Vom Rösten der Bohnen über den Druck der Verpackung bis zur Vermarktung in aller Welt – überall dort, wo mit der Kaffeeproduktion Geld verdient wird, sind die eigentlichen Lieferanten kaum beteiligt. Ahlers: "Selbst auf den Preis, den sie für ihre Bohnen bekommen, haben die Kaffeebauern in Afrika, Südamerika und Asien kaum Einfluss."

Bis vor kurzem sorgten Schutzzölle auf geröstete Bohnen sogar dafür, dass die Erzeugerländer nur Rohkaffee, aber keine gerösteten Bohnen oder gar fertige Produkte nach Europa liefern konnten: "Weil die Röstereien auf diese Weise gegen Konkurrenz geschützt waren, konnte Deutschland zu viertgrößten Kaffee-Exporteur der Welt werden", sagt Ahlers.

Auch Fairtrade hilft kaum weiter

Und selbst so genannter Fairtrade-Kaffee ändert kaum etwas an dem Grundproblem: Die Bauern erhalten zwar mehr Geld für ihre Rohware. Aber am eigentlich gewinnbringenden Prozess sind sie nicht beteiligt und tragen außerdem weiter das Risiko beispielsweise von Missernten.

Als er die Idee zum "Solino"-Projekt entwickelte, ließ Ahlers sich nicht vom Ärger über die Ungerechtigkeit auf der Welt, sondern von kühlen kaufmännischen Überlegungen leiten. "Um die ungleichen Verhältnisse zu bekämpfen, reicht es nicht aus, ungeheure Summen von Entwicklungsgeldern von Nord nach Süd zu leiten", meint Ahlers: "Wenn wir dauerhaft etwas ändern wollen, müssen die Menschen in den armen Ländern an der Wertschöpfungskette insgesamt und nicht nur an ihrem Anfang beteiligt werden."

Die Chance dazu eröffnete sich, als die Europäische Union 2008 die Zollbestimmungen für die Entwicklungsländer des Asien-Karibik-Pazifik-Raumes (AKP-Staaten) lockerte, um ihnen bessere Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. "Neu ist, dass nun aus Äthiopien neben grünen Bohnen auch gerösteter Kaffee zollfrei nach Deutschland eingeführt werden darf."

Die Verhältnisse in dem ostafrikanischen Land hatte Ahlers wenige Jahre zuvor zunächst als Reisender und dann als Referent auf einer Wirtschaftstagung kennen gelernt. Mehr oder weniger zufällig lief er einigen Kaffeeröstern in der Hauptstadt Addis Abeba über den Weg, die dort als Kleinunternehmer für den heimischen Bedarf produzierten. Aus der zunächst eher grundsätzlichen Idee, sich ehrenamtlich für eines der ärmsten Länder der Welt zu engagieren, wurde mit der Zollfreiheit ein konkreter Plan. "Ich hatte schon immer vorgehabt, mich in dieser Richtung zu engagieren", sagt Ahlers.

Delikatesse äthiopischer Kaffee

Entwicklungshilfe im Feinkostregal: Felix Ahlers unterstützt die äthiopischen Produzenten dabei, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen.
Entwicklungshilfe im Feinkostregal: Felix Ahlers unterstützt die äthiopischen Produzenten dabei, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Foto: W. Heumer

Kaffee aus Äthiopien zählt sowohl als Rohware als auch als geröstetes Endprodukt zu den besten Sorten der Welt; Äthiopier gelten als ausgesprochene Kaffeekenner und -genießer, die rund 50 Prozent des angebauten Kaffees im eigenen Land verbrauchen. Ihr Kaffee hat eine gewisse italienische Note, ein Erbe aus der Zeit, als Italien für kurze Zeit Kolonialmacht in dem Staat war. In dieser Tradition steht auch die Solino-Rösterei, die seit Jahren hochwertige Ware für den heimischen Markt liefert: "Wir hatten also von Anfang an ein konkurrenzfähiges Produkt und konnten uns auf Marketing und Vertrieb konzentrieren."

Allerdings gab es eine wesentliche Grundvoraussetzung für den Bremerhavener Unternehmer, denn die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Geschäftsleuten war kein Selbstzweck: "Die gesamte Wertschöpfung muss in Äthiopien erfolgen", so lautete Ahlers‘ Ziel: "Nicht nur der Kaffee selbst, sondern jedes andere Detail wie beispielsweise die Verpackung soll aus dem Land kommen."

Ahlers, der selbst keine finanziellen Interessen an dem Vorhaben hat, stellte seinen afrikanischen Partnern seine Erfahrung aus der Lebensmittelindustrie zur Verfügung. "Wie müssen Verpackungen aussehen, wie muss der EAN-Produktcode in die Gestaltung eingebracht werden, wie müssen Kaffeeschachteln bemessen sein, damit man sie knautschfrei in Kartons und anschließend optimal im Container stauen kann, und so weiter", gibt der Unternehmer einen kleinen Einblick in die Aufgaben.

Ganz zu schweigen von der Suche nach einem guten Vertriebspartner, den Ahlers schließlich in den Feinkostmärkten fand: "Wie sollten die Afrikaner dies ohne Hilfe bewältigen? Sie kennen Deutschland gar nicht, haben ja nicht einmal Aussicht, ein Besuchsvisum zu bekommen", so Ahlers.

Nach gut zwei Jahren sind die Vorbereitungen nun abgeschlossen. Der erste Container mit "Solino"-Produkten ist in Bremerhaven eingetroffen und die Ware mittlerweile an die 42 Filialen in Deutschland verteilt worden.

"Die Qualität ist super"

Felix Ahlers hat keine Zweifel, dass sich "Solino" trotz der Vielfalt im Kaffeeregal gut vermarkten lässt. "Solino Espresso" wird ihm zufolge aus den besonders guten Kaffeesorten Harar, Yirgacheffee und Sidamo bei niedrigen Temperaturen 22 Minuten lang geröstet und sofort verpackt. Das langsame Rösten garantiere, dass der Kaffee mehr Aromen und weniger Gerbstoffe entwickelt als beim herkömmlichen Schnellverfahren und damit besonders bekömmlich ist. „Die Qualität ist einfach super, das werden die Verbraucher bei den geplanten Verkostungsaktionen bestimmt bestätigen“, ist Ahlers überzeugt.

Einen Container pro Monat abzusetzen ist das Ziel – obwohl dies im Vergleich zu den Produktionsmengen der deutschen Kaffeekonzerne wenig ist, kann die Wirkung groß sein: Während Rohkaffee für den Export in Addis Abeba derzeit mit knapp zwei bis drei Euro pro Kilogramm gehandelt wird, erzielt die Kooperative mit fertig verpacktem Röstkaffee zwischen 6,70 und 8,90 Euro pro Kilogramm. Weil das Produkt einschließlich Verpackung im Land hergestellt wurde, kommt die höhere Wertschöpfung direkt Äthiopien zu Gute.

Die Rösterei stellte bereits neue Mitarbeiter ein und kann ihnen künftig auch das Dreifache des sonst üblichen Monatslohns von 20 Euro zahlen. Für Felix Ahlers unterstreicht dies die Bedeutung des Vorhabens: "Nur den Kaffeebauern etwas mehr Geld zu zahlen reicht nicht. Denn 90 Prozent der Ostafrikaner sind Bauern und jede Missernte betrifft die gesamte Bevölkerung. Aber wenn neue Berufsgruppen entstehen, kann sich das Land wirklich entwickeln."

Dass es bis zum Durchbruch von "Solino" noch einige Mühen und viel Engagement kosten wird, ist ihm klar – und zugleich egal. "Ich wollte immer schon etwas tun, was anderen nützt", sagt er über das, was ihn antreibt. Konkret bedeutet dies für den 44-Jährigen, mit einem erfolgreichen Beispiel anderen Mut zu machen und Alternativen zur herkömmlichen Entwicklungspolitik aufzuzeigen: "Im Grunde kann man das Prinzip auf jedes Produkt anwenden, für das die Landwirte in den armen Ländern die Rohstoffe liefern."

Mehr unter www.solino-kaffee.de

7.821 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

Felix Ahlers

E-Mail: ahlers.f[at]frosta.de