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Auferstanden aus Ruinen

Fred Rese gehört in Osterholz-Tenever zu den Mietern der ersten Stunde und hat schwierige Zeiten im Stadtteil erlebt. Mittlerweile lebt er wieder gerne hier.
Fred Rese gehört in Osterholz-Tenever zu den Mietern der ersten Stunde und hat schwierige Zeiten im Stadtteil erlebt. Mittlerweile lebt er wieder gerne hier. Foto: Thomas Joppig

Kein anderer Stadtteil Bremens hat sich in den vergangenen Jahren so verändert wie Osterholz-Tenever. Jahrelang als Hochhaus-Ghetto verschrien, gilt das Quartier heute als Musterbeispiel dafür, was aus einer heruntergekommenen Großwohnsiedlung werden kann.

Vor ein paar Jahren noch, da war Fred Rese kurz davor wegzuziehen. In den Hausfluren in Osterholz-Tenever im Bremer Osten stank es damals nach Müll, Dreck und Urin, frustrierte Mitbewohner traten die Türscheiben der heruntergekommenen Hochhäuser ein, und so mancher, der ein kaputtes Sofa oder sonstigen Sperrmüll loswerden wollte, kippte einfach alles auf die Straße. Fred Reses Frau traute sich abends nicht mehr nach draußen – aus Angst, zwischen den düsteren Häuserschluchten überfallen zu werden.

In den Medien war Tenever damals längst zu einer traurigen Berühmtheit gelangt, bot der Stadtteil doch die perfekte Kulisse für Krimis und Reportagen, die sich rund um soziale Brennpunkte drehten. Wer heute durch Tenever streift, braucht eine Menge Fantasie, um sich diese Zeiten vorzustellen: Kein Fremder muss hier mehr suchen, wo sich denn nun inmitten der grauen Betonfassaden eigentlich die Haustür befindet. Hohe, weinrote Eingänge mit überdimensionalen Nummernschildern weisen den Weg, alle Klingeln sind einheitlich beschriftet – und der Fußboden im lichten Eingangsbereich ist fast so sauber wie in einem Krankenhaus.

Der moderne Edelstahl-Fahrstuhl saust empor in den vierten Stock, wo Fred Rese mit seiner Frau und seinem Sohn lebt. Wenn der 54-Jährige heute von seiner Loggia aus nach unten blickt, schaut er nicht mehr in einen tristen Innenhof, sondern auf ausgedehnte, gepflegte Rasenflächen, einen Spielplatz und Basketballkörbe.

Vorbei sind die Zeiten, als in Tenever fast ausschließlich Menschen ohne Job wohnten, weil die Hochhäuser einst im sozialen Wohnungsbau errichtet worden waren und günstige Wohnungen nur mit einem entsprechenden Berechtigungsschein des Sozialamts zu bekommen waren: "80 Prozent unserer neu eingezogenen Mieter sind berufstätig", sagt Ralf Schumann von der Wohnungsbaugesellschaft Gewoba, die die meisten Wohnungen in Tenever unterhält. Als Projektleiter hat Schumann den Wandel des Stadtteils intensiv begleitet und vorangetrieben. In der Tat sind nahezu alle der 1.411 Gewoba-Wohnungen im Stadtteil vermietet. "Leerstände", sagt Schumann, "gibt es heute nur noch für wenige Wochen. Genau wie in jedem anderen gefragten Stadtteil. Das hätte hier noch vor gut einem Jahr niemand für möglich gehalten."

Mit der Abrissbirne in die Zukunft

Die Zukunft Tenevers begann mit einem Abriss. Verwahrloste Schrottimmobilien mit insgesamt 930 Wohnungen fielen vor sechs Jahren den Baggern und eisernen Birnen zum Opfer. Der Blick aus den verbliebenen Hochhäusern wurde freier, dunkle Ecken und hässliche, überirdische Betonwege zwischen den Wohnkomplexen verschwanden. "Weg mit den Angst-Räumen – das war das Motto", erinnert sich Tenevers Quartiermanager Joachim Barloschky. Eine Devise, die im übertragenen Sinne auch gut zu seiner Arbeit passen könnte. Der umtriebige 59-Jährige versucht, den Bewohnern des Stadtteils Mut zu machen. Das ist oft nicht leicht. In Tenever sind die Häuser hoch und die Einkommen niedrig.

Drei Viertel aller Bewohner im Stadtteil haben einen Migrationshintergrund – und oft große Schwierigkeiten, auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Insgesamt leben hier Menschen aus 90 Nationen. "Tenever ist ein internationales Dorf", sagt Barloschky, der sich selbst gern als Stadtteil-Aktivist bezeichnet.

Als Großstadtghetto gilt der Stadtteil heute nicht mehr, und das ist auch Joachim Barloschkys Verdienst. Ausdauernd hat er gemeinsam mit den Bewohnern immer wieder auf menschenwürdige Wohnverhältnisse und eine funktionierende soziale Infrastruktur gedrängt. In monatlichen Stadtteilsitzungen entscheiden jeden Monat zwischen 70 und 150 Teilnehmer im Konsensprinzip, für welche Stadtteilprojekte Gelder aus verschiedenen Förderprogrammen fließen sollen. Nachbarschaftstreffpunkte, Spielplätze, vielfältige Sport- und Betreuungsangebote, eine Fahrradwerkstatt für Schulvermeider oder Musikprojekte mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die vor drei Jahren in den Bremer Osten gezogen ist.

Das Leben in Tenever ist nicht nur sauberer, sondern auch friedlicher geworden. "Wir leben gut nebeneinander und miteinander", sagt der Quartiersmanager. Das kann Oksana Mohrland bestätigen. Die 28-Jährige ist vor einem Jahr zusammen mit ihrem Freund nach Tenever gezogen. Sie lobt das Sicherheitsgefühl und die Wohnqualität im Stadtteil: "Bei uns hört man drinnen gar nichts vom Verkehr auf der Straße. Das Haus ist gut isoliert, trotz des kalten Winters mussten wir wenig Heizkosten zahlen. Gerade ist sie auf dem Weg zur Kindertagesstätte, um ihre Tochter abzuholen. "Hier gibt es viele Angebote für Kinder. Das finde ich sehr gut", sagt sie. 99,5 Prozent der Kinder in Tenever besuchen eine Kita. "Ein wichtiger Beitrag zur Integration", betont Joachim Barloschky.

"Manche sagten, wir würden Perlen vor Säue werfen"

Sie haben gemeinsam viel für Osterholz-Tenever erreicht. Quartiermanager Joachim Barloschky und Gewoba-Projektleiter Ralf Schumann.
Sie haben gemeinsam viel für Osterholz-Tenever erreicht. Quartiermanager Joachim Barloschky und Gewoba-Projektleiter Ralf Schumann. Foto: Thomas Joppig

72,3 Millionen Euro haben Bremen, der Bund und die Gewoba in die Sanierung Tenevers investiert, 28 Millionen Euro davon waren allein nötig, um den Gläubigerbanken 1994 die heruntergekommenen Häuser eines insolventen Immobilieninvestors abzukaufen. Die Sanierungspläne stießen in der Stadt denn auch nicht auf einhellige Begeisterung. In zwei Jahren, so unkten Kritiker, sehe ja doch wieder alles genauso heruntergekommen aus wie zuvor. "Manche sagten, wir würden Perlen vor die Säue werfen", erinnert sich Schumann.

Mittlerweile sind mehr als fünf Jahre vergangen, und die Häuser wirken noch immer wie frisch saniert. Warum Menschen hier früher Hausflure verdrecken ließen und ihren Müll unkontrolliert auf der Straße abluden, erklärt sich Schumann rückwirkend so: "Wenn alles nicht in Ordnung ist, hält der Mensch nicht Ordnung." Bewährt hat sich in Tenever denn auch das so genannte Concièrge-Modell. Wie in vielen Häusern Frankreichs hält der Concièrge als eine Mischung aus Pförtner und Hausmeister am Eingang die Wacht, steht den Bewohnern als Ansprechpartner zur Verfügung und achtet auf Ordnung und Sauberkeit auf den Fluren.

Die Gegenwart ist wohl das erfreulichste Kapitel in der Geschichte Tenevers. Was in den 70er Jahren als innovatives Architekturprojekt, ja als Stadt der Zukunft geplant worden war, hatte sich schon während der Bauphase als überdimensioniertes Mammutvorhaben entpuppt. Osterholz-Tenever galt wenige Jahre später als eine der größten Bausünden der bremischen Stadtgeschichte. Ein Irrtum in Beton, der rückwirkend nur durch gravierende demografische Fehleinschätzungen erklärt werden kann: Ende der 60er Jahre war man noch von einem gewaltigen Bevölkerungswachstum innerhalb weniger Jahre ausgegangen.

Nach der Insolvenz des Investors 1994 übernahm die Gewoba zunächst provisorisch die Verwaltung der Immobilien. "Aus juristischen Gründen durften wir jedoch nichts unternehmen, was den Wert der Häuser gesteigert hätte", erinnert sich Ralf Schumann. Folglich wurden nur die dringendsten Reparaturen erledigt, die Gebäude kamen immer weiter herunter. "Die Bewohner haben mit dem Umzugswagen abgestimmt", erinnert sich Schumann. Zeitweise standen bis zu 65 Prozent der Wohnungen in Tenever leer.

Erst als Bremen den Banken die Häuser abkaufte, konnte die Sanierung beginnen. In einer groß angelegten Werbekampagne wurde Osterholz-Tenever lässig "OTe" genannt, und vielen Bremern dämmerte nach und nach, dass der Stadtteil nicht mehr der alte war. Mittlerweile gilt Tenever bundesweit und auch international als Musterbeispiel für den Wandel einer heruntergekommenen Großwohnsiedlung zum gefragten Quartier. "Tenever nimmt sowohl zeitlich als auch inhaltlich eine Vorreiterrolle ein", sagt Martin Karsten, Projektleiter bei der Bundestransferstelle Stadtumbau West. "Bremen war die erste westdeutsche Stadt, die im großen Stil Hochhäuser abreißen ließ. Besonders die Kombination aus Abriss und Verbesserung der sozialen Infrastruktur ist bundesweit einzigartig." Fred Rese jedenfalls freut sich heute, dass er damals nicht weggezogen ist.

Mehr unter www.gewoba.de

8.494 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakte:

Projektgruppe Tenever

Joachim Barloschky

E-Mail: Projektgruppe[at]bremen-tenever.de

GEWOBA Aktiengesellschaft Wohnen und Bauen

Karin Liedtke

E-Mail: liedtke[at]gewoba.de

Bundestransferstelle Stadtumbau West

Martin Karsten

E-Mail: karsten[at]forum-oldenburg.de