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Das Streben nach Glück

Ein Lächeln kann Glück bedeuten, aber auch Verlegenheit - auch kulturelle Unterschiede untersucht die Happiness Research Group an der Jacobs Universität.
Ein Lächeln kann Glück bedeuten, aber auch Verlegenheit - auch kulturelle Unterschiede untersucht die "Happiness Research Group" an der Jacobs Universität. Foto: Jörg Sarbach

Wie werde ich glücklich? 80.000 Google-Einträge liefert diese Frage. Die Suche nach dem Glück ist populär, und die Wissenschaft liefert die Fakten dazu. Bremer Glücksforschern zufolge macht zum Beispiel Geld durchaus glücklich, weshalb wiederum Chinesen unglücklich sind.

"Glück kann man nicht kaufen", sagt der Volksmund. "Falsch", sagt der Soziologe Jan Delhey von der privaten Bremer Jacobs University. Kürzlich hat er mit einem Kollegen eine Studie zur Ungleichheit von Glück in einer Gesellschaft abgeschlossen. Wobei für Soziologen der Gradmesser für Glück die Lebenszufriedenheit der Menschen ist, wie sie sich in Umfragen nach dem Muster abbildet: "Allgemein betrachtet, wie zufrieden sind Sie derzeit mit Ihrem Leben? Nutzen Sie eine Skala von 1 für ganz und gar unzufrieden bis 10 für voll und ganz zufrieden."

Seit den 90er-Jahren boomt die Glücksforschung. Und mit ihren Mitteln kamen die Forscher inzwischen vielen Methoden zum Glücklichsein auf die Spur: Ansprüche senken, lautet einer ihrer Ratschläge, die Gemeinschaft mit anderen oder ausfüllende Aktivitäten suchen, gehören ebenfalls zu den Glücksrezepten.

In seiner Untersuchung fand Delhey einen engen Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück: Wer mehr hat, äußert sich zufriedener mit seinem Leben als der weniger Gutbetuchte. Allerdings nimmt die Bedeutung von Geld mit dem Wohlstandsniveau einer Gesellschaft ab. In reichen Ländern definiert sich Glück weniger stark über materiellen Besitz als in ärmeren. Im gerade in Belgien erschienenen "Worldbook of Happiness" mit Beiträgen von 100 Wissenschaftlern aus 50 Ländern sind die Ergebnisse von Delhey kurz gefasst nachzulesen, voraussichtlich ab März 2011 auch in einer deutschen Ausgabe.

Am glücklichsten sind Dänen und Schweizer

"Bei meinen Studien kam auch heraus, dass die Glücksungleichheit in reichen Gesellschaften geringer ausfällt als in armen", fährt Delhey fort. "Auf einem höheren Wohlstandsniveau ist das Leben durchaus für viele relativ erträglich." Kein Wunder sei also, dass im weltweiten World Value Survey immer wieder Länder wie Dänemark oder die Schweiz die Rankings anführen und nicht Bangladesh, Bhutan oder Nigeria, wie gelegentlich zu lesen. "Das sind Anekdoten. Solche Ergebnisse fördern allenfalls einzelne Umfragen von zweifelhafter Qualität zutage."

Delhey ist Professor und nicht der einzige, der sich hier mit dem beschäftigt, was Menschen glücklich macht. Auch Hilke Brockmann, ebenfalls Soziologin, forscht am Glück – oder Arvid Kappas, Psychologe, der die Emotionen der Menschen untersucht. Mit fünf anderen Soziologen, Ökonomen und Psychologen haben die drei sich zur "Happiness Research Group" zusammengeschlossen.

Noch ist der für Deutschland einzigartige Zusammenschluss von Glücksforschern in der Findungsphase - in der Zukunft aber wollen die Wissenschaftler auch zusammen Forschungsprojekte angehen. Unter dem gemeinsamen Label haben Delhey und Brockmann aber auch schon miteinander publiziert und 2008 eine erste Konferenz veranstaltet, zur Dynamik von Glück. Im Januar 2011 folgt nun die zweite Tagung. Thema diesmal: "Ist mehr immer besser?"

"Ist es nicht", sagt Hilke Brockmann mit Blick auf ihre Studien. Sie beschäftigt sich unter anderem mit dem Glück der Chinesen. Das bevölkerungsreichste Land der Welt hat sich aus der kommunistischen Planwirtschaft gelöst und erlebt seit 30 Jahren einen rasanten Wirtschaftsaufschwung. "Man sollte meinen, es wird alles besser – aber die Leute werden immer unglücklicher", sagt die Wissenschaftlerin.

Glück ist relativ

Sind dem Glück auf der Spur: Prof. Dr. Arvid Kappas (li.), Prof. Dr. Hilke Brockmann und Prof. Dr. Jan Delhey spüren an der Bremer Jacobs University dem Glück nach.
Sind dem Glück auf der Spur: Prof. Dr. Arvid Kappas (li.), Prof. Dr. Hilke Brockmann und Prof. Dr. Jan Delhey spüren an der Bremer Jacobs University dem Glück nach. Foto: Jörg Sarbach

Die Erklärung liegt im Vergleich mit anderen, sagt Hilke Brockmann. "Glück ist keine absolute Größe, sondern relativ." Die soziale Spaltung hat in den letzten Jahren gewaltig zugenommen in einem Land, in dem zuvor die Gleichheit aller gepredigt worden war. Nur wenige schwimmen auf der Bugwelle. Die große Mehrheit verdient zwar auch mehr als früher, der wachsende Abstand an Einkommen sowie an Bildung und Macht aber macht viele unzufrieden.

"Dasselbe Ergebnis zeigt sich in Ostdeutschland - auch hier nimmt die Zufriedenheit stetig ab, wegen des Vergleichs mit Westdeutschland", hat Hilke Brockmann festgestellt. Einwanderer aus der Türkei wiederum müssten sich eigentlich, als oft schlecht behandelte und nicht wohlhabende Minderheit, schlecht fühlen. "Tatsächlich sind sie fast genauso zufrieden wie die Deutschen und bei näherer Betrachtung glücklicher als die Menschen in den neuen Bundesländern."

Wie Delhey und Brockmann erklären, achten Soziologen auf die Lebensumstände der Menschen, etwa den Einfluss der politischen Verhältnisse. Für den Psychologen Arvid Kappas zählt das Individuum und das, was ihn von anderen unterscheidet. Zeigt zum Beispiel ein Lächeln, dass jemand glücklich ist? Bei Kindern sei das noch eindeutig, bei Erwachsenen nicht mehr, sagt der 48-Jährige. "Denken Sie an den Verkäufer, der mit breitem Lächeln auf Sie zukommt. Wenn Sie denken, Mensch, muss der glücklich sein, liegen Sie falsch."

Aus Kappas‘ Sicht ist Glück ein flüchtiges Gut - und das ist gut so. "Wenn wir ständig glücklich wären mit unserer Situation, würden wir untätig werden. Es ist die stete Suche nach dem Glück, die uns motiviert und antreibt", sagt er und zählt auf: Die Suche nach einem anderen Job, einem neuen Partner, dem Schnäppchen im Elektronikmarkt, all das seien Versuche, sich Glücksgefühle zu verschaffen und sich gut zu fühlen.

Ob sie gerade glücklich sind, das kann Kappas messen. Er nimmt dafür Probanden mit in sein Labor und legt Sensoren an ihre Gesichtsmuskulatur. "Wenn ich zum Beispiel frage: 'Wie war der letzte Urlaub?', und der war schön, dann entspannt sich der Muskel, der die Augenbrauen zusammenzieht", sagt er.

Sensibel für ein Lächeln

Seine Methoden zur Erforschung von Gefühlen bringt er nun in ein internationales Projekt ein. Die Forscher wollen mit 2,5 Millionen Euro EU-Mitteln computergestützte Erziehungsprogramme für Kinder und junge Erwachsene entwickeln, die die Sensibilität für kulturelle Unterschiede und die Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen fördern sollen - ein Lächeln bedeutet eben nicht immer Glück, sondern kann auch Verlegenheit ausdrücken oder aufgesetzt sein.

Kappas' Aufgabe ist es zu erreichen, dass Spieler in der Auseinandersetzung mit virtuellen Personen im Computer ein Einfühlungsvermögen entwickeln das später auf echte Begegnungen übertragbar sein sollte. Dafür wird er unter anderem messen, wie Probanden auf den Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen reagieren: Wie ändern sich Herzfrequenz, Hautleitwiderstand, Aktivität der Gesichtsmuskeln?

Eine reiche Auswahl an Probanden für interkulturelle Studien ist ihm und den anderen Forschern gewiss: An der Jacobs University lernen 1.200 Studenten aus mehr als 100 Ländern. In ersten soziologischen Studien habe sich gezeigt, dass sich auf dem Campus dieselben Werte und Unterschiede zwischen den Kulturen fänden wie in der richtigen Welt, so Delhey. So lassen sich hier im Kleinen Hypothesen testen für große Studien. Deshalb sieht Delhey auch für die Glücksforschung an der Jacobs University noch viel Zukunft: "Wir bilden hier sehr viel ab, das sonst nur in sehr teuren, riesigen Projekten darzustellen wäre."

Mehr unter www.jacobs-university.de

7.191 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakte:

Prof. Dr. Hilke Brockmann

E-Mail: h.brockmann[at]jacobs-university.de

Prof. Dr. Jan Delhey

E-Mail: j.delhey[at]jacobs-university.de

Prof. Dr. Arvid Kappas

E-Mail: a.kappas[at]jacobs-university.de