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Fischzucht unter Windkrafträdern

Im Forschungszentrum kann Dr. Adrian Bischoff-Lang natürliche Verhältnisse wie auf dem offenen Meer nachahmen. Das ist deutschlandweit einzigartig. Foto: Wolfgang Heumer
Im Forschungszentrum kann Dr. Adrian Bischoff-Lang natürliche Verhältnisse wie auf dem offenen Meer nachahmen. Das ist deutschlandweit einzigartig. Foto: Wolfgang Heumer

In Bremerhaven kommt die Zukunft aus dem Wasser. Am neuen Zentrum für Aquakulturforschung (ZAF) nutzen Experten am Institut "Imare" die Meeresbiologie, um die Zucht von Seefischen zu entwickeln und zu verbessern. Eine ihrer Visionen: Sie wollen die vor der deutschen Nordseeküste geplanten Windparks für groß angelegtes Fish-Farming nutzen.

Das Wasser in den großen Bottichen blubbert schon. Auch wenn die Anlagen in der Neubauhalle noch mit Folien abgedeckt sind, gerät Dr. Adrian Bischoff-Lang bereits über sein künftiges Arbeitsumfeld ins Schwärmen. "Es ist alles neu, und alles ist so geworden, wie wir es uns gewünscht haben." Was ihn begeistert: Die beeindruckende Kulisse aus grauen Röhren, schwarzen Zylindern sowie grünen und blauen Wasserbecken ist das künftige Bremerhavener Zentrum für Aquakulturforschung (ZAF).

Der Neubau gleich neben der Bremerhavener Fischereihafenschleuse gilt als die derzeit modernste Anlage dieser Art zumindest in Deutschland. "Aquakulturen haben eine rasant wachsende Bedeutung für die zukünftige Versorgung der Bevölkerung mit Fisch", erläutert Adrian Bischoff-Lang, der das ZAF leiten wird. Der Grund: Schon heute sind weite Teile der Wildfischbestände auf der Welt durch Überfischung bedroht. Um den immensen Protein-Bedarf der bald sieben Milliarden Menschen auf der Erde zu decken, muss Fisch in großen Mengen gezüchtet werden. Bremerhaven, einst Wiege der modernen Hochseefischerei, wird damit erneut Maßstäbe für die Produktion maritimer Lebensmittel setzen.

Seit der Stadtgründung 1827 ist das Meer die bestimmende Kraft für die Entwicklung der Wirtschaftsstruktur Bremerhavens. Ursprünglich als neuer Hafen Bremens geplant, entwickelte sich die Stadt an der Wesermündung schnell zum größten europäischen Fischereihafen, zu einem bedeutenden Schiffbaustandort und zum Zentrum zunächst der Passagier- und heute der Containerschifffahrt.

Neue Ideen für traditionelle Wirtschaftszweige

Das Institut für Marine Ressourcen (Imare) schlägt Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Stadt, indem es neue Technologien und Ideen für die traditionellen Wirtschaftszweige Bremerhavens entwickelt. Zugleich verzahnt das vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) und der Hochschule Bremerhaven gegründete Unternehmen Wissenschaft und Ökonomie eng miteinander. "Wir nutzen das Wissen aus der Grundlagenforschung, um daraus gezielt und anwendungsnah ökonomischen Nutzen im Auftrag der Wirtschaft zu entwickeln", sagt Geschäftsführerin Birgit Borowy.

Die Nähe zu den wissenschaftlichen Institutionen ist schon in den Kernbereichen von Imare zu sehen. Hochspezialisierte Techniker und Ingenieure entwickeln und bauen dort Sensoren, Messinstrumente und Kameras für den Einsatz etwa in Forschungseinrichtungen. Eine weitere Abteilung nutzt die Erkenntnisse aus der Meeresbiologie, um daraus Produkte oder Technologien für die Industrie abzuleiten. Die Arbeitsgruppe nimmt zum Beispiel die Skelette mikroskopisch kleiner Kieselalgen als Vorbild für ultraleichte Tragstrukturen in der Architektur, Automobilindustrie, Yachtbau oder Offshore-Technik. Ein anderes Forscherteam entwickelte eine biozidfreie Farbe als Beschichtung für Aquakulturnetze.

Das ZAF ist das jüngste Imare-Projekt. Grundsätzlich dreht sich Aquakulturforschung darum, unter welchen Bedingungen Zuchtfisch am besten aufgezogen werden kann. In erster Linie geht es den Bremerhavener Wissenschaftlern dabei um Meeresfische: "Das beschränkt sich nicht nur auf Arten, die wie Steinbutt oder Seezunge in Europa sehr bekannt sind", erklärt Bischoff-Lang. "Wir interessieren uns beispielsweise auch für die japanische Flunder." Die ist hierzulande zwar nahezu unbekannt, gehört in Asien jedoch mit einem Marktanteil von bis zu 48 Prozent bereits zu den am meisten gefragten Zuchtfischen – "mit ihrem Fleisch und dem Geschmack zwischen Heilbutt und Steinbutt ist sie auch für den europäischen Markt hoch interessant", sagt der Experte.

Weitaus mehr Möglichkeiten für Aquakulturforschung

Können Offshore-Windparks (hier: alpha ventus) künftig auch zur Fischzucht dienen? Dieser Frage gehen die Forscher im Zentrum für Aquakulturforschung in Bremerhaven nach. Foto: DOTI/M. Ibeler
Können Offshore-Windparks (hier: alpha ventus) künftig auch zur Fischzucht dienen? Dieser Frage gehen die Forscher im Zentrum für Aquakulturforschung in Bremerhaven nach. Foto: DOTI/M. Ibeler

Das neue Bremerhavener Institut wird wesentliche Erkenntnisse für die Aufzucht dieser und anderer Speisefische liefern, ist Bischoff-Lang überzeugt. „Mit diesen Anlagen haben wir weitaus mehr Möglichkeiten als herkömmliche Einrichtungen der Aquakulturforschung“, freut sich der Experte.

Die Idee ist an sich nicht neu, in Deutschland gibt es bereits zwei größere Institute. Neu sind jedoch die Möglichkeiten, die das Bremerhavener Institut allen anderen Einrichtungen voraushat. "In unseren drei Wasserkreislauf-Systemen können wir die natürlichen Verhältnisse im offenen Meer simulieren", erläutert Bischoff-Lang. Dabei lässt sich aber jedes Detail wie beispielsweise der Nährstoffgehalt im Wasser genau einstellen und ist vor allem jederzeit wiederholbar – in der freien Natur hingegen verläuft die Reproduktion von Versuchsbedingungen dagegen mehr oder weniger zufällig.
Rund 75 Kubikmeter Wasser zirkulieren in den drei Kreislaufanlagen. Trotz der Nähe Bremerhavens zur Nordsee greift das ZAF nicht auf Meerwasser zurück, sondern mischt die Tankfüllungen selbst aus gereinigtem Trinkwasser an. "Das gibt uns zusätzliche Sicherheit, dass keine unerwünschten Einflüsse die Versuchsergebnisse verändern", so Bischoff-Lang.

Noch wird es einige Monate dauern, bis die Anlage richtig eingefahren ist, aber das ZAF-Team rund um Adrian Bischoff-Lang plant bereits Großes. Darunter ein Projekt, das der Aquakultur zum wahren Durchbruch in Deutschland verhelfen könnte. Bislang ist die Zucht von Meeresfischen eher eine Domäne für Norweger und Schotten in Europa sowie für große Fischfarmer in Asien und in Lateinamerika. Mit den Offshore-Windparks vor der deutschen Nordseeküste aber entstehen in den nächsten Jahren riesige Gebiete, die sich für Aquakulturen gerade zu anbieten, sind alle Beteiligten überzeugt.

Zwischen den gigantischen Windmühlen erstrecken sich weite Meeresflächen, die für die allgemeine Schifffahrt gesperrt sein werden und deswegen optimale Bedingungen für die Entwicklung von Fischzuchten bieten. Zwischen den Fundamenten der Windkraftanlagen ließen sich beispielsweise mit Netzen Fischgründe für Aquakulturen abgrenzen; auch die Gitterstrukturen der Pfeilerstützen könnten unter Umständen genutzt werden.

"Open Ocean Multi Use" heißt das Vorhaben, das laut Projektleiter Professor Dr. Bela Buck "von hohem öffentlichen Interesse ist" und an dem neben Forschungseinrichtungen auch Partner aus der Wirtschaft arbeiten. Noch ist es in der Projektphase, in einigen Jahren aber könnte es sogar das Akzeptanzproblem lösen, auf das die Windpark-Betreiber bei vielen Fischern treffen: "Bislang sieht es ja so aus, als würden die Windparks die Arbeitsmöglichkeiten der Fischer beeinträchtigen", sagt Buck, "aber wenn es uns gelingt, die Aquakultur zu etablieren, würden sie sogar zusätzliche Arbeit und Fanggründe bekommen."

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6.878 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

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Birgit Bowory

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