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Wurzeln im Weltall

Die Texus-Rakete trägt Experimente in die annähernde Schwerelosigkeit in 250 Kilometer Höhe. Foto: Astrium
Die Texus-Rakete trägt Experimente in die annähernde Schwerelosigkeit in 250 Kilometer Höhe. Foto: Astrium

Das Weltraumlabor Columbus, der einzige Fallturm auf dem Kontinent, Galileo-Navigationssatelliten: Bremen ist ein Raumfahrtstandort von europäischem Rang, der zudem in diesem Jahr 50. Geburtstag feiert. Dazu trägt seit 35 Jahren ein einzigartiges Programm bei: Höhenforschung mit Raketen.

Andreas Schütte ist ein vielbeschäftigter Mann, im Moment aber hat er noch besonders viel zu organisieren. Es gilt, Experimente zusammenzubauen, Koffer zu packen, Kisten, Container. Die Winterkampagne steht bevor, demnächst setzen sich Laster gen Norden in Bewegung. Vier, fünf Tage später werden sie ihr Ziel erreichen: den Raketenbahnhof Esrange in Nordschweden. Dort werden sie schon erwartet von Ingenieuren, Technikern und Wissenschaftlern, die mit dem Flugzeug angereist sind.

Die folgenden Tage werden angefüllt sein mit den letzten Vorbereitungen. Am 26. März dann ist es soweit: Eine "Texus" wird in den Himmel steigen. Der Schub ihrer Triebwerke wird 280 Kilogramm Experimente in 250 Kilometer Höhe katapultieren, bevor die Nutzlast mit den Experimenten an einem Fallschirm wieder zu Boden fällt und mit einem Helikopter eingesammelt wird. Wenn die Experimente mit den wissenschaftlichen Proben in ihrem Bauch heil geblieben sind, ist Andreas Schütte froh: geschafft!

Schütte ist Leiter der Höhenforschung beim Bremer Raumfahrtunternehmen Astrium. Das Projekt begann vor 35 Jahren und ist damit das am längsten bestehende Raketenprogramm für wissenschaftliche Versuche und Technologieerprobungen unter Weltraumbedingungen. "Derzeit sind wir weltweit einziger Anbieter im industriellen Maßstab", sagt er und meint damit: Kommen Wissenschaftler mit einer Idee, entwickeln Astrium-Ingenieure die passende Versuchsanordnung. Während des Raketenflugs sammelt Astrium per Computer Daten und wertet sie anschließend aus.

Forschung ohne störende Einflüsse

Der Raketenbahnhof Esrange in Nordschweden ist Ausgangspunkt für die Bremer Höhenflüge. Foto: Astrium
Der Raketenbahnhof Esrange in Nordschweden ist Ausgangspunkt für die Bremer Höhenflüge. Foto: Astrium

Höhenforschung: Der Begriff steht für Experimente in annähernder Schwerelosigkeit. Ihr Sinn ist sozusagen die reine Lehre, weil eine Kraft ausgeschaltet wird, die alles Leben auf der Erde beeinflusst: die Schwerkraft, in anderen Worten die Gravitation oder Erdanziehung. Denn erst wenn sie fehlt, lässt sich ihr Einfluss untersuchen.

In Höhenforschungsexperimenten untersuchen Wissenschaftler zum Beispiel Eigenschaften von Flüssigkeiten oder Materialien oder betreiben biologische Studien. Teils geht es um Grundlagenforschung, teils auch um Wissenschaft mit kommerziellem Mehrwert. Viele Fragen seien in den letzten Jahren so beantwortet worden, sagt der Astrium-Ingenieur. "Man hat sich zum Beispiel gefragt, wie eine Pflanzenwurzel weiß, wo unten ist." Die Antwort: "Durch Höhenforschungsexperimente hat man herausgefunden, dass deutlich weniger als ein Zehntel der Erdanziehung reicht, damit Wurzeln in die richtige Richtung wachsen."

Möglich sind solche Experimente natürlich auf der Internationalen Raumstation ISS – was enorm aufwändig und teuer ist. Manchmal reichen aber auch simulierte Weltraumbedingungen, zumindest für Vorstudien: "Die Wissenschaftler erfahren so, ob die Experimente im Prinzip funktionieren, bevor sie sie auf die ISS schicken."

Vergleichsweise günstig sind zum Beispiel Parabelflüge, bei denen sich Flugzeuge nach einem Steilflug zur Erde zurückfallen lassen. Doch befinden sie sich nur 20 Sekunden in annähernder Schwerelosigkeit. Das ist deutlich weniger, als die Starts von Höhenforschungsraketen oder Sounding Rockets möglich machen, die bei ihrem Flug rund sechs bzw. rund 13 Minuten Schwerelosigkeit liefern.
Texus ist dabei die ältere und kleinere von zwei Raketentypen. Das Vorläuferunternehmen von Astrium – dessen Gründung 1961 den Beginn der Raumfahrtindustrie in Bremen markiert – entwickelte ihn 1976 und taufte ihn „Texus“, abgekürzt für "Technische Experimente unter Schwerelosigkeit". Fast 50 Starts haben Texus-Raketen seither absolviert. Mit dem seit Anfang der 90er zusätzlich eingesetzten und mehr als doppelt so leistungsfähigen Typ Maxus sind bislang achtmal Experimente in den Orbit und wieder zur Erde zurück geflogen.

"Noch nicht mal ein Rentier erschlagen"

Nun also der nächste Start einer Texus, die zwei Experimente zum Verhalten von Metallschmelzen sowie ein biologisches Experiment an Bord haben wird. Mitte März wird Andreas Schütte in die nördlichste Stadt Schwedens, nach Kiruna, fliegen und von dort noch 45 Kilometer weiter zur Esrange, zur „European Space and Sounding Rocket Range“. Hier, im tiefsten Lappland, trifft sich dann die rund 60-köpfige Crew, die für solche Experimente nötig ist.

Das Esrange Space Center ist der ideale Standort für die Höhenforschung, denn die Raketen werden in einer Region abgeschossen, die fast menschenleer ist. Damit erübrigt sich die Sorge praktisch von vornherein, dass die Flugkörper beim Rücksturz auf die Erde Menschen verletzen könnten. "Wir haben bislang noch nicht einmal ein Rentier erschlagen", sagt Andreas Schütte.

Zur Sicherheit informiert das Team die Menschen in den beiden Drei-Häuser-Dörfern der Region einige Tage vorher über Funk, um auf den bevorstehenden Raketenstart aufmerksam zu machen. Eine Stunde vor dem Start ertönt außerdem ein Nebelhorn als Ankündigung.

Die Experimente werden stets im tiefsten schwedischen Winter gestartet, weil dann die Schneedecke dick und die Seen zugefroren sind – die Gefahr, die Nutzlastsysteme und wertvolle Versuchsanordnungen zu verlieren, ist dann sehr gering. Für die Menschen allerdings ist die Jahreszeit kaum gemütlich: "Draußen herrschen mitunter weniger als 30 Grad minus", erzählt Schütte.
Bei manchen erfreut sich die Langlaufloipe rund um die Esrange-Anlage dennoch einiger Beliebtheit. Andere vergnügen sich eher mit dem Unterhaltungsangebot in ihrer Unterkunft, dem "Hotel Aurora". Das schwedische Raumfahrtunternehmen SSC, das die Esrange und das Hotel betreibt, hat hier unter anderem für Fernsehen, Billardtisch und Tischtennis gesorgt.

Im "Space Inn" des Hauses kann nach getaner Arbeit getafelt werden – wobei die Gruppe nicht nur verspeisen wird, was die schwedische Küche auf den Tisch bringt. Auch heimatliche Gerichte stehen auf dem Menüzettel, zum Beispiel das deftige Bremer Traditionsgericht "Kohl und Pinkel". Schütte: "Grünkohl, Kochwurst, Kartoffeln und Pinkelwurst – das ist eine Grützwurst - bringen wir mit nach Schweden. Nur das Kassler kaufen wir ganz frisch bei einem Schlachter vor Ort."

Mehr unter www.astrium.eads.net/de/programme/texus-maxus.html

6.341 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

EADS Astrium GmbH

Kirsten Leung

E-Mail: kirsten.leung[at]astrium.eads.net