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Schifffahrtstradition unter großen Segeln

Kaum ein Segler ist so bekannt wie die Alexander von Humboldt. Auch der Neubau Alex II soll als Segelschulschiff dienen. Foto: www.gruene-segel.de
Kaum ein Segler ist so bekannt wie die "Alexander von Humboldt". Auch der Neubau "Alex II" soll als Segelschulschiff dienen. Foto: www.gruene-segel.de

Auf dem Gelände der ehemaligen Vulkan-Werft nimmt zwischen Bauteilen für Windkraftanlagen und Megayachten für Milliardäre ein Stück Schifffahrtstradition Gestalt an: Mit der "Alexander von Humboldt II" entsteht dort der erste Großsegler, der seit mehr als 50 Jahren in Deutschland gebaut wird.

Für Reimer Peters steht die Welt derzeit auf dem Kopf. Vielleicht nicht die ganze Welt, aber ein Gerippe aus rostrotem Stahl, das jeden Tag um etliche Platten wächst. "Die Form des Rumpfes ist gut erkennbar", freut er sich über den Baufortschritt für Deutschlands wohl ungewöhnlichstes Schiffbauprojekt. In der riesigen Halle der früheren Bremer Vulkan-Werft entsteht derzeit das erste Großsegelschiff in der Bundesrepublik seit der Kiellegung des Segelschulschiffs "Gorch Fock" vor 53 Jahren.

Peters leitet das Bauprojekt für den künftigen Eigner, die Deutsche Stiftung Sail Training (DSST), die die "Alexander von Humboldt II" als Nachfolgerin für die legendäre „Alex“ – das Schiff mit den grünen Segeln –in Auftrag gegeben hat. "Wir liegen gut im Zeitplan“, freut sich Peters: „Im Herbst werden wir das erste Mal in See stechen."

Der (Segel)-Schiffbau hat Tradition im Land Bremen. Seit der Hansezeit hat die Schifffahrt die Handelsmetropole an der Weser zu ihrer weltweiten Bedeutung wachsen lassen. Heute setzen kleine, aber feine Werften wie Abeking & Rasmussen mit ihren Hightech-Fahrzeugen international Maßstäbe. Und auch für das "Alex II"-Projekt "haben wir die besten Schiffbauer bekommen, die es hierzulande gibt", freut sich Peters.

Der Schiffbaubetrieb für die neue "Alex" ist die BVT Brenn- und Verformtechnik Bremen GmbH, die zur Bremerhavener Rönner-Gruppe gehört und zu den vielen Firmen zählt, die sich inzwischen auf dem Vulkan-Gelände angesiedelt haben – darunter zum Beispiel auch die Lürssen-Werft. Die BVT ist in den vergangen Jahren von einer kleinen Stahlbaufirma zu einem schlagkräftigen maritimen Dienstleister geworden, der u.a. im Schiffsbau von der Konstruktion bis zur Fertigung tätig ist. Mit der Ausrichtung auf den Bau von komplizierten Rumpf- und Kaskoteilen gehört der Betrieb zu denen, die dafür sorgen, dass sich das über Jahrzehnte gewachsene Schiffbau-Know-how an der Weser erhält.

Segeln als Schule für die Teamarbeit

Die originale Alexander von Humboldt geht demnächst in den Ruhestand. Ihr Nachbau soll im Herbst in See stechen. Foto: www.gruene-segel.de
Die originale "Alexander von Humboldt" geht demnächst in den Ruhestand. Ihr Nachbau soll im Herbst in See stechen. Foto: www.gruene-segel.de

Für das "Alex"-Projekt ist dieses Wissen auch erforderlich. "Wir möchten ein Segelschulschiff haben, das einerseits den Traditionen der Seefahrt entspricht und andererseits den höchsten Sicherheitsansprüchen genügt", erläutert Peters. Schließlich geht es der DSST nicht darum, fröhliche Segelschiff-Reisen anzubieten. Vielmehr vermittelt die Stiftung jungen Menschen seit rund 25 Jahren das Gefühl dafür, was Selbstdisziplin bedeutet, was es heißt, im Team zu arbeiten, Verantwortung für sich selbst und zugleich für die anderen zu übernehmen – und welche Werte hinter Traditionsbegriffen wie "gute Seemannschaft" stehen.

Seit 1988 war deshalb die erste "Alexander von Humboldt" auf allen Weltmeeren unterwegs. Mehr als 30.000 Mitsegler nahmen an den Törns der Bark teil. Doch jetzt ist das auf einem mehr als 100 Jahre alten Rumpf aufgebaute Schiff in die Jahre gekommen. Deswegen hat sich die DSST entschlossen, rund 15 Millionen Euro in diesen Neubau zu investieren.

Mit dieser Summe gehört der Bau sicherlich nicht zu den größten Schiffsprojekten in Deutschland und liegt in den Kosten sogar um etliches unter den Summen, die andere Vorhaben verschlingen. Dennoch stellt er besondere Anforderungen: "Es gibt jede Menge gebogene, runde Teile wie beispielsweise das klassische Heck", erläutert Peters.

Gebogene Teile gehören seit jeher zu den besonderen Herausforderungen für richtige Werftarbeiter – alte Vulkanesen sind bis heute stolz, was sie bis in die 50er und 60er Jahre in Form brachten. Heutzutage haben selbst die teuersten Kreuzfahrtschiffe kantige "Hintern" – die sanften Rundungen von einst wären viel zu aufwändig.

Doch die neue "Alex" folgt einem historischen Vorbild. "Für den Rumpf orientieren wir uns an dem indonesischen Segelschulschiff 'Dewarutji'", erläutert Peters. Die Barkentine wurde 1953 in Hamburg gebaut, wegen ihres schlanken Rumpfes hat sie sehr gute Segeleigenschaften, ist schnell und stabil zugleich. Während der Sail Bremerhaven 2010 absolvierte sie ihren letzten Deutschland-Besuch, bei dem die Besatzung mit ihren musikalischen Programmen ein Millionenpublikum begeisterte. "Eigentlich schade, dass sie jetzt außer Dienst gestellt werden soll", bedauert Peters.

Obwohl die neue "Alex" äußerlich wie einer jener Großsegler aus dem 19. Jahrhundert wirkt, ist sie tatsächlich in Sicherheitsfragen ein hochmodernes Schiff. "Safety first, Sicherheit zuerst" heißt das Motto an Deck. Und damit es eingehalten werden kann, wurden schon bei der Konstruktion in enger Kooperation mit den zuständigen Gremien wie dem Germanischen Lloyd alle internationalen Vorschriften berücksichtigt. Bis zu 80 Personen dürfen diesen Vorschriften zufolge mitfahren.

Im Mai werden die Masten gesetzt

Soweit ist es noch nicht – nun werden erst einmal die Masten gesetzt. "Im Mai werden wir den Rumpf nach Bremerhaven bringen und dort den weiteren Ausbau vornehmen", sagt Peters zum weiteren Zeitplan. Dank der rationellen Sektionsfertigung auf dem Bremer Vulkan-Gelände wird der Rumpf dann schon weitgehend mit allen technischen Details ausgerüstet sein. "Maschine, Rohrleitungen und die Vorbereitungen für den Innenausbau – alles schon drin", lobt Peters die moderne Bauweise für das traditionell anmutende Schiff: "Früher musste das alles mühsam und Stück für Stück in den fertigen Rumpf geschleppt werden."

Bevor der Rumpf aber nach Bremerhaven kommt, wird sich für Reimer Peters die Welt noch einmal drehen. "Das Schiff entsteht ja gewissermaßen auf dem Kopf, wir müssen es deshalb erst einmal auf den Kiel stellen." Allerdings geschieht auch dies nicht in einem Stück, sondern sektionsweise: "Jedes fertige Großbauteil wird umgedreht und auf dem Helgen mit den anderen Sektionen zusammengeschweißt", erläutert Peters.

Dass dabei etwas nicht passen könnte, ist für Peters nicht vorstellbar. "Die Leute hier wissen schon, was sie tun. Bei BVT werden ja nicht erst seit gestern Schiffe gebaut." Ende September soll das Ergebnis der Arbeiten bereits für alle Welt sichtbar sein. Dann wird die neue "Alex" in Bremerhaven in Dienst gestellt.

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6.342 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

Deutsche Stiftung Sail Training Bremerhaven

Antje Lebenhagen

E-Mail: info[at]gruene-segel.de