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Ramba-Samba im kühlen Norden

Der Umzug mit rund 1.300 Samba-Musikern, Gauklern, Maskenspielern und Stelzenläufern ist der Höhepunkt des Bremer Karnevals. Foto: Norbert A. Müller
Der Umzug mit rund 1.300 Samba-Musikern, Gauklern, Maskenspielern und Stelzenläufern ist der Höhepunkt des Bremer Karnevals. Foto: Norbert A. Müller

Wer friert, ist selber Schuld. Zwar steigt der größte Samba-Karneval Deutschlands seit 25 Jahren bei meist winterlichen Temperaturen, doch heizen rund 100 Samba-Bands dem Publikum ordentlich ein – Mittanzen ist da Pflicht. Am 25. und 26. Februar ist es wieder soweit.

Hinter den bunt bemalten Flügeltüren des großen Saals im Bürgerzentrum des Bremer Stadtteils Neue Vahr hört man schon von weitem lautes, rhythmisches Trommeln. Es wummert in den Tiefen, scheppert in den Höhen. Zwischendrin: Trillerpfeife. Hier probt die Gruppe "Samba Sabor".

Die zwölf Musikerinnen und Musiker auf der Bühne machen die gute Laune direkt greifbar: Mit vollem Körpereinsatz schlagen, hämmern und trommeln sie rhythmisch auf ihre Surdos – Basstrommeln –, Snares, Tamburins und Agogos, eine Art Blechglocken. Der Spaß steht den Akteuren ins Gesicht geschrieben, der Rhythmus fährt in die Beine. "Ich finde es einfach wunderbar, Teil eines großen Ganzen zu sein", sagt Antje. "Auf dem Karnevalsumzug inmitten Hunderter Samba-Musiker ist dieses Gefühl natürlich noch viel stärker – einfach unbeschreiblich."

Robin ist der musikalische Leiter, er zeigt mit Händen und Trillerpfeife an, wann welche Breaks gespielt werden und wann der Groove wechselt. Die Gruppe des 31-Jährigen besteht, wenn alle da sind, aus 17 Mitspielern im Alter von 22 bis 60 Jahren. Das Interesse an den afro-brasilianischen Rhythmen ist in der Hansestadt seit den 80er Jahren ungebrochen und geht durch alle Alters- und Berufsgruppen: "Von der Sozialpädagogin über den LKW-Fahrer oder Betriebsleiter bis hin zur Ärztin haben wir alles dabei", freut sich Robin.

Die Maskerade gehört dazu

Und die Gruppe wird sich beim großen Auftritt ordentlich in Szene setzen: Seit Oktober verbringen die Musikerinnen und Musiker, wenn sie nicht gerade proben, ihre Freizeit mit dem Nähen aufwändiger Phantasie-Kostüme mit pompösem Kopfschmuck, aus glänzenden Stoffen und in leuchtenden Farben. "Die schrille Maskerade gehört einfach dazu", meint Antje, "schließlich wollen wir die dunklen Wintergeister austreiben."

"Carneval Theatral" lautet das Motto des diesjährigen Samba-Karnevals. Es geht um Drama und Lustspiel, Pathos, Phantasie und Poesie. "Aber auch kritische Aspekte, wie etwa Einsparungen im Kulturbereich werden thematisiert", verrät die künstlerische Leiterin Janine Jaeggi. "Unsere Aussage ist: Theater – und Kultur überhaupt – werden allein durch die Phantasie immer Bestand haben und können niemals aufgehalten werden."

Bis zu 20.000 Menschen kommen zum Auftakt um Punkt 12.00 Uhr auf dem historischen Bremer Marktplatz zusammen. Dann säumen sie die Straße, wenn sich am 26. Februar um 12.20 Uhr der Tross aus rund 1.300 Samba-Musikern, Gauklern, Maskenspielern und Stelzenläufern in Richtung des Bremer Szeneviertels Ostertor in Bewegung setzt.

Internationale Beteiligung

Die aufwändigen Kostüme der Karnevalisten und heiße Samba-Rhythmen locken viele Besucher in die Bremer Altstadt. Foto: Norbert A. Müller
Die aufwändigen Kostüme der Karnevalisten und heiße Samba-Rhythmen locken viele Besucher in die Bremer Altstadt. Foto: Norbert A. Müller

Aus der gesamten Bundesrepublik und dem angrenzenden Ausland, von Polen über die Schweiz, Österreich, Holland und Dänemark, kommen die Akteure – und in diesem Jahr erstmals auch aus Frankreich. Ein ganzes Wochenende lang spielen die Samba-Gruppen Live-Konzerte an verschiedenen Orten der Stadt: über 80 Auftritte auf fünf Bühnen.

Den Auftakt des Karneval-Wochenendes bilden einen Tag vorher, am Freitag, 25. Februar, der "Karneval der Kids" im Bürgerhaus Weserterrassen und das "Fest der Masken" in den Wallanlagen hinter der Kunsthalle. Seit sieben Jahren ist das "Blaumeier-Atelier" – ein gemeinsames Kunstprojekt von Gesunden und Behinderten – aus dem Programm nicht mehr wegzudenken. In diesem Jahr feiert es sein 25-jähriges Bestehen mit einem opulenten Open-Air-Maskenspektakel. Danach geht es für die Bremer "Jecken" weiter, zum traditionellen "Einheizen" mit ausgewählten Gruppen an vier verschiedenen Veranstaltungsorten im Viertel.

Noch ist auch Janine Jaeggi mitten in den Vorbereitungen und in den Räumen von ihrer Firma "Stelzenart" liegt der flüchtige Geruch von Lösungsmittel in der Luft. In dem kleinen Atelier unter dem Dach, im vierten Stock des Kontor-Theaterhauses im Bremer Ostertor-Viertel, entstehen die phantasievollen Stelzen-Kreationen, die den Höhepunkt des Umzugs bilden.

Unter den Dachschrägen stehen kopflose Schneiderpuppen in üppig-barocken Kostümen, die den prachtvollen Anblick schon ahnen lassen: eine "Herzdame" mit weit ausladendem, leuchtend rotem Reifrock; weiter hinten ein Festtagskleid, ein Traum aus weiß fließendem Stoff mit roten Akzenten. Bis zu 80 Zentimeter hoch sind die gefederten Aluminium-Stelzen, die unter weiten Reifröcken und fließenden Stoffen verborgen bleiben. "Mich fasziniert es, durch Hochstelzen die Maße des menschlichen Körpers im Kostüm zu erweitern und so neue Spielfiguren entstehen zu lassen", erklärt Janine Jaeggi.

Die gebürtige Schweizerin war es, die den Karneval in den 80er Jahren nach Bremen brachte und die Tradition, die sie aus ihrer Kindheit kannte, hier weiterentwickelte. 1986 stellte sie, gemeinsam mit ihren Mitspielern aus der "Bremer Samba-Gruppe" – damals noch die einzige in der Hansestadt – den ersten Karnevalsumzug in ihrer Wahlheimat auf die Beine.

Organisation in der Wohngemeinschaft

In den ersten Jahren lief die Koordination und Organisation des von nun an regelmäßig stattfindenden Umzugs noch über Janine Jaeggis Wohngemeinschaft im Viertel. Als sich im Laufe der Jahre aber immer mehr Kulturschaffende von der Idee anstecken ließen und sich dem Bremer Karneval anschlossen, gründete die Kerngruppe, die sich aus Bremens erster Sambagruppe und freien Künstlern rekrutierte, den Verein "Initiative Bremer Karneval".

Seit nunmehr 15 Jahren entwickelt das siebenköpfige Team gemeinsam mit einem großen Pool assoziierter freier Mitarbeiter Ideen, wirbt Gelder ein und organisiert alljährlich Unterkünfte für die Akteure. Janine Jaeggi: "Im Laufe der Jahre haben wir uns ein ziemlich konstantes Netz aufgebaut, haben Kontakte hergestellt und gepflegt."

So hilft quasi die ganze Stadt mit: Kindergärten und Gemeindesäle werden zur Verfügung gestellt, auch Privatpersonen beteiligen sich. "Viele Samba-Spieler wissen schon genau, wo sie unterkommen werden und in welcher Ecke sie dann schlafen wollen", sagt die Initiatorin lachend.

Mehr unter www.bremer-karneval.de

6.170 Zeichen, Autorin: Silke Düker

Pressekontakt:

Initiative Bremer Karneval e.V.

Kai-Erik von Ahn, Janine Jaeggi

E-Mail: presse[at]bremer-karneval.de