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Kurzfassung: Vermittler zwischen zwei Welten

Telefonieren mit Gebärdensprache: Über ein Bildtelefon steht Arbeitsberater Kai Wehner mit Kollegen und Klienten in Kontakt. Foto: Focke Strangmann
Telefonieren mit Gebärdensprache: Über ein Bildtelefon steht Arbeitsberater Kai Wehner mit Kollegen und Klienten in Kontakt. Foto: Focke Strangmann

Der Berufsberater Kai Wehner ist bundesweit eine Ausnahmeerscheinung: Er ist gehörlos und berät andere Gehörlose bei Problemen mit dem Chef oder den Kollegen.

Bei Kai Wehner im Büro klingelt das Telefon nicht. Es blitzt und lässt einen kleinen Signalgeber in seiner Hosentasche vibrieren. So bekommt der Berufs- und Integrationsberater mit, dass ihn jemand anruft. Zum Telefonieren schaut er auf den kleinen, auf das Telefon montierten Bildschirm. Dort kann er die Gebärden seines Gesprächspartners sehen. Über die ebenfalls auf das Telefon gebaute kleine Kamera beobachtet sein Gegenüber am anderen Ende der Leitung Wehners Antwortgebärden.

Kai Wehner ist gehörlos. Das bedeutet, dass er von Geburt an nicht hören und deshalb auch keine Lautsprache lernen konnte. Und als Gehörloser sei er bundesweit der einzige Berufs- und Integrationsberater, berichtet er. Seit 2003 arbeitet er beim Bremer "Integrationsfachdienst" (IFD) zur Eingliederung behinderter und schwerbehinderter Menschen in den Arbeitsmarkt. Hier berät Wehner Gehörlose, die Schwierigkeiten an ihrem Arbeitsplatz haben.

"Viele kommen mit einem Brief vom Arbeitgeber, den sie nicht verstehen." Oft sei es dann schon etwas spät, da meist bereits eine Abmahnung vorläge, erzählt Wehner. Die Betroffenen verstünden aber oft nicht, was sie falsch gemacht hätten. Seine zentrale Aufgabe: "Ich muss in meiner Beratung sehr viel Schriftsprache in verständliche Begriffe übersetzen."

Texte zu verstehen ist schwierig

Das Stellenprofil von Kai Wehner ist deutschlandweit einzigartig: Wehner berät beim Integrationsfachdienst Bremen andere Gehörlose bei Problemen am Arbeitsplatz. Foto: Focke Strangmann
Das Stellenprofil von Kai Wehner ist deutschlandweit einzigartig: Wehner berät beim Integrationsfachdienst Bremen andere Gehörlose bei Problemen am Arbeitsplatz. Foto: Focke Strangmann

Die Hauptursache für Probleme von Gehörlosen am Arbeitsplatz sind Kommunikationsstörungen. Dabei spielt eine Rolle, dass gehörlose Menschen ein deutlich weniger geübtes Text-Lese-Verständnis haben als Hörende. Der Grund: Lautsprache und Schriftsprache sind sehr viel enger miteinander verknüpft als die Deutsche Gebärdensprache (DGS) und die Schriftsprache.

Kai Wehner zufolge haben sich viele Gehörlose daran gewöhnt, nicht alle Informationen mitzubekommen. Also erschließen sie sich den fehlenden Teil aus dem Zusammenhang – und das kann schiefgehen. Der Berater sieht sich darum als Vermittler zwischen den verschiedenen Erfahrungswelten. Gehörlosen erklärt er, dass sie ihre Arbeitsaufträge nicht "irgendwie", so wie sie sie verstanden haben, erledigen können, sondern dass sie genau sein müssen, auch indem sie nachfragen. Den Arbeitgebern erklärt er, wie sie Arbeitsaufträge besser vermitteln können.

Laut Berufsberater Wehner gibt es deutschlandweit ungefähr 80.000 Gehörlose. Verlässliche Zahlen fehlen jedoch – auch darüber, wie viele Betroffene arbeitslos sind. Der Bedarf für Beratungen in Gebärdensprache durch Gehörlose ist groß, nicht nur bezogen auf die Arbeitswelt: "Menschen ohne Gehör können nicht einfach zum Anwalt gehen, zur Schuldnerberatungsstelle oder zum Mieterschutzbund", erläutert Wehner. Dort beherrsche in der Regel niemand die Gebärdensprache.

Dass nicht mehr Gehörlose als professionelle Berater arbeiten, liege keinesfalls daran, dass es keine qualifizierten Betroffenen gebe, betont der IFD-Berater. Er sei vermutlich nach wie vor deshalb der einzige, weil die Anstellung eines Gehörlosen grundsätzlich höhere Kosten bedeute: Schließlich benötige auch er immer wieder einen Dolmetscher und den müsse der Träger bezahlen.

Mehr unter www.ifd-bremen.de

3.277 Zeichen, Autorin: Ulrike Bendrat

Pressekontakt:

Integrationsfachdienst Bremen

Uta Albrecht

E-Mail: post[at]pr-albrecht.de