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Der Unbekannte hinter den Stadtmusikanten

Der Hahn im Regen ist zwar nicht der Hahn von Stadtmusikanten, aber eines der Lieblingswerke von Dr. Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses. Foto: Thomas Joppig
Der "Hahn im Regen" ist zwar nicht der Hahn von Stadtmusikanten, aber eines der Lieblingswerke von Dr. Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses. Foto: Thomas Joppig

Die Bremer Stadtmusikanten gehören zu den bekanntesten Skulpturen Deutschlands. Ihren Schöpfer kennen dagegen nur wenige. Das will das Bremer Gerhard-Marcks-Haus nun ändern.

Es ist wohl eins der meistfotografierten Kunstwerke Deutschlands. Tagsüber vergeht kaum eine Minute, ohne dass ein Bremen-Tourist auf den Auslöser drückt, um Esel, Hund, Katze und Hahn abzulichten. Doch den Künstler, der die berühmte Bronzeplastik der Bremer Stadtmusikanten am Rathaus geschaffen hat, kennen nur die wenigsten. Dabei zählt Gerhard Marcks zu den bedeutendsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Warum ist er nur so unbekannt? Diese Frage greift nun eine Ausstellung mit dem ironischen Titel „gerhardWER?“ auf, die vom 8. Mai bis zum 7. August 2011 in der Hansestadt zu erleben ist.

Eigentlich müsste Marcks zumindest in Bremen ein bekannter Mann sein – und das keineswegs nur wegen der Stadtmusikanten. Er ist Namensgeber eines Museums direkt neben der Kunsthalle, das ein Drittel seiner Werke beherbergt. Es gibt einen Skulpturengarten direkt neben der Bürgerschaft am Marktplatz, nahe dem Stadttheater am Goetheplatz steht ein alter Mann, der von einem Engel geleitet wird, in den Wallanlagen sonnt sich eine unbekleidete Ägina vor Rhododendrenbüschen und vor dem Radio-Bremen-Gebäude im Stephaniviertel ruft ein bronzener Mann aus voller Kehle über die Weser. Im Rathaus steht zudem eine Marcks-Büste des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss und vier weitere Marcks-Werke befinden sich in Kirchen und kirchlichen Einrichtungen.

Durchgefallen im Taxifahrer-Test

Und doch: Als Dr. Arie Hartog vor zwei Jahren Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses wurde, unterzog er das Museum "erst einmal einem Taxifahrer-Test". Und wann immer er sagte: "Ich möchte gern zum Gerhard-Marcks-Haus", bekam er meist ein „Wo ist das denn?“ zu hören. "Uns kennen in Bremen die wenigsten", bekennt der Museumschef freimütig. Das treffe auch auf den Künstler selbst zu. Nur etwa 15 Prozent der Bremer, so schätzt er, wissen, wer Gerhard Marcks war.

Warum er so wenigen Menschen etwas sagt, dazu hat Hartog seine ganz eigene Theorie. "Es hat sehr viel damit zu tun, dass seine Arbeiten so gut sind." Denn Gerhard Marcks habe zeitlebens nie sich selbst, sondern stets seine Werke in den Mittelpunkt gestellt. Charakteristisch sei für ihn, dass er in seinen Arbeiten immer wieder Gegensätze miteinander verbinde. "Marcks vollbringt in seinen Werken das Kunststück, die wilde, oft chaotisch anmutende Vielfalt der Natur in ruhigen, kubischen Formen darzustellen."

Diese Mischung aus Geometrie und Gefühl macht seine Figuren unverwechselbar. Sie sind eigenwillig, ohne exzentrisch zu wirken, nicht ohne Pathos, aber frei von Kitsch. Und so sorgen sie dafür, dass der Betrachter sich mit ihnen auseinandersetzt, ohne dass dabei sofort die Frage nach dem Künstler im Raum steht.

Hanseatisches Understatement – so könnte man meinen. Doch Gerhard Marcks stammt nicht aus Bremen, sondern aus Berlin. 1889 geboren, verbringt er schon als Kind viele Stunden im Berliner Zoo und erstellt mit großer Genauigkeit Bleistiftzeichnungen und Gouachen von Antilopen, Straußen, Kamelen und anderen Tieren. Nach und nach tritt die Malerei hinter der Bildhauerei zurück. Marcks fertigt seine ersten Plastiken: einen Falken und eine Löwin. Später wendet er sich immer stärker menschlichen Motiven zu.

Nach künstlerischen Lehrjahren in Berlin wird er 1919 ins Lehramt am Weimarer Bauhaus berufen, ab 1925 lehrt er an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. Eine Reise nach Griechenland wird für ihn zu einem prägenden Erlebnis. Er ist fasziniert von den klaren Formen antiker Skulpturen, die ihm zu neuen Inspirationen für eigene Werke dienen.

"Das Dritte Reich ist nicht unser"

Die Skulptur der Bremer Stadtmusikanten gehört zu den populärsten Sehenswürdigkeiten der Hansestadt. Ihr Schöpfer, Gerhard Marcks ist jedoch nur wenigen Touristen und Einheimischen ein Begriff. Foto: Thomas Joppig
Die Skulptur der Bremer Stadtmusikanten gehört zu den populärsten Sehenswürdigkeiten der Hansestadt. Ihr Schöpfer, Gerhard Marcks ist jedoch nur wenigen Touristen und Einheimischen ein Begriff. Foto: Thomas Joppig

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 wird Marcks vom Lehramt suspendiert, einige seiner Arbeiten werden konfisziert. Er zieht sich in sein Haus in Niehagen an der Ostsee zurück und arbeitet auch dort unablässig an neuen Werken. "Die Zeiten sind armselig. Das Dritte Reich ist nicht unser", sinniert er. "Aber etwas geht bestimmt nicht verloren - das ist der Gott in uns!" Das "Bewusstsein der guten Sache" werde sich durchsetzen. "Vielleicht", so schreibt er, "erleben wir es noch. Unsere Ansprüche sind ja nicht unverschämt."

In den Jahren des Wiederaufbaus wird aus dem in der NS-Zeit noch verachteten Künstler ein gefragter Mann. In Lübeck vervollständigt Marcks die "Gemeinschaft der Heiligen", einen Figurenzyklus an der Fassade der Katharinenkirche, seine großen Mahnmale und Denkmäler in Köln, Hamburg, Mannheim oder Bochum erinnern bis heute an die Schrecken des Krieges.

Sein wohl bekanntestes Werk hat dagegen eine durchaus heitere, ironisch-verspielte Note. Marcks gestaltet die Bremer Stadtmusikanten Anfang der 50er Jahre anlässlich einer Ausstellung in Bremen. "Er tat das in der Hoffnung, dass die Stadt an der Figur Interesse haben könnte, und diese Hoffnung hat sich dann ja auch erfüllt", sagt Arie Hartog. Anfangs sei die Bronzeplastik, wegen ihrer betont schlichten Form sehr umstritten gewesen. Heute dagegen zählt sie zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Bremens. Angeblich bringt es Glück, die Beine des Esels zu berühren. Kein Wunder also, dass seine Beine dank der vielen zupackenden Hände schon ganz blank sind.

Durch Skulpturen wie diese gewinnt Gerhard Marcks Kontakte nach Bremen. 1966 entschließt er sich, wesentliche Teile seines Lebenswerks in eine Stiftung zu überführen. Auf Initiative des damaligen Direktors der Kunsthalle, Günther Busch, wird 1969 in Bremen die Gerhard-Marcks-Stiftung gegründet. Zwei Jahre später folgt die Eröffnung des Museums in der ehemaligen Ostertorwache, einem klassizistischen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Gerhard Marcks ist begeistert. Er habe nie im Leben daran gedacht, "dass meinen Arbeiten eine so schöne, so würdige Heimat zuteil werden könnte", betont er in einem Grußwort.

Heute beherbergt das Museum 400 Skulpturen von Gerhard Marcks – etwa ein Drittel seines figürlichen Gesamtwerks. Hinzu kommen 12.000 Handzeichnungen und 1.000 Druckgrafiken. "Gerhard Marcks hat sehr darauf geachtet, Werke die ihm besonders wichtig waren, nicht zu verkaufen, um sie später einmal einer Stiftung zu übergeben", sagt Hartog.

Besucher dürfen die Ausstellung mitgestalten

Angesichts der Fülle an Werken und der begrenzten Ausstellungsfläche kann das Gerhard-Marcks-Haus stets nur einen Bruchteil der Exponate zeigen. Was Arie Hartog auf eine ungewöhnliche Idee gebracht hat: Auf der Website www.marcks.de können Besucher ihre Lieblingsskulptur auswählen, die dann wenig später in der Ausstellung "gerhardWER?" präsentiert wird. "Und wir sind natürlich auch sehr daran interessiert, dass die Besucher uns schreiben, warum sie diese Skulptur ausgewählt haben", erläutert Hartog. "Diese Begründungen wird man ebenfalls in der Ausstellung finden können."

Für den Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses ist das nicht nur eine originelle Marketingidee – sondern eine Frage, die das Selbstverständnis des Museums tangiert. "Dieses Museum ist ja nicht mein Haus, sondern es gehört den Bürgern dieser Stadt, die es durch Steuern, Eintrittsgelder oder Spenden finanzieren." In Deutschland herrsche vielfach noch ein sehr elitäres Denken in den Museen, findet der gebürtige Niederländer. "In Holland ist es zum Beispiel schon seit langem in vielen Museen selbstverständlich, dass die Besucher mitentscheiden, welche Objekte ausgestellt werden." Das baue Vorbehalte gegenüber Museen ab und mache sie zu Orten, an denen sich Menschen wohlfühlen und mit denen sie sich identifizieren. "Manche Leute glauben, wenn man ein Museum besucht, muss man über die Dinge, die dort ausgestellt werden, bereits Bescheid wissen", sagt er. "Dabei ist die Grundvoraussetzung für einen Museumsbesuch doch gar nicht Wissen - sondern Neugier."

Mehr unter www.marcks.de

7.865 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Gerhard-Marcks-Haus

Bettina Berg

E-Mail: berg[at]marcks.de