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Kurzfassung: Mit Kunst zu Inseln der Erinnerung

Kunstvermittlerin Dina Koper setzt im Auftrag der Bremer Kunsthalle und der Arbeiterwohlfahrt Bremen Kunst als Mittel bei Demenz ein. Foto: Christian Beneker
Kunstvermittlerin Dina Koper setzt im Auftrag der Bremer Kunsthalle und der Arbeiterwohlfahrt Bremen Kunst als Mittel bei Demenz ein. Foto: Christian Beneker

Ein preisgekröntes Bremer Projekt belebt die Erinnerung von Demenz-Erkrankten: "Making Memories".

Mehr als 50 Jahre hat sie diese Worte nicht mehr geschrieben. Jetzt hat die 95-jährige Dame den Schriftzug säuberlich aufs Papier gekratzt – mit einer Stahlfelder und mit Tinte: "Marthe Maier"*. Hier kennen sie die alte Frau nur unter Marthe Kaiser. Frau Kaiser leidet wie rund 1,3 Millionen weitere Menschen in Deutschland unter Demenz und lebt schon lange im Bremer Seniorenheim "Sparer Dank". Ein Bild aus der Bremer Kunsthalle hat nun das kleine Wunder bewirkt, dass Marthe Kaiser sich ihres Mädchennamens entsinnt, auf den sie 1915 getauft wurde – und ihn sogar aufschreibt: Marthe Maier.

Das Projekt heißt "Making Memories. Kunsterlebnisse für Menschen mit Demenz und Qualifizierung für Pflegende" und wird von der Bremer Kunsthalle und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Bremen veranstaltet. Es ist ein Teilprojekt der museumspädagogischen Initiative "Making Memories. Kunstbetrachtungen für demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen" und setzt mit Kunst gerade bei dementen Menschen bewusst auf die Kraft des Gehirns. Die Kunst soll den Alten helfen, im Meer des Vergessens Inseln der Erinnerungen anzusteuern und damit ihnen und ihren Angehörigen lebendige Momente des Zusammenseins und der Reflexion über den Augenblick hinaus ermöglichen.

Solche Erfahrungen wie die von Marthe Lissens und viele andere kleine Wunder erlebt die Bremer Künstlerin und "Kunstvermittlerin" Dina Koper häufiger bei ihrer Arbeit. Sie hat im Auftrag der Kunsthalle das Bild "Die Schulstube" von Gotthard Kühl in den Kreis der rund 15 Seniorinnen und Senioren mitgebracht. Langsam und geduldig hatte sie die Neugier ihres besonderen Publikums auf das Bild gerichtet: zwei Jungs an einer Schulbank. "Die müssen wohl nachsitzen und eine Strafarbeit machen", vermutet jemand aus der Runde. Zwei Minuten und drei Fragen später sind die Senioren in ihre eigenen Biografien eingetaucht: Schulzeit, Elternhaus, damals, früher.

Zur Unterstützung der Bildbetrachtung hat Dina Koper Schiefertafeln und Griffel auf die Tische gelegt. "Können Sie noch deutsche Schrift?", fragt Koper. Ja, klar, wer könnte das nicht? Buchstabe um Buchstabe, Wort für Wort malen die Senioren auf die Tafeln. Eine Gruppe greiser Erstklässler. Das reibende Geräusch der Griffel, eifrig geneigte Köpfe und wie in jeder Klasse auch ein paar Lustlose.

Das Bremer Projekt Making Memories fördert die Kreativität von Demenz-Erkrankten und belebt so verloren geglaubte Erinnerungen. Foto: Christian Beneker
Das Bremer Projekt "Making Memories" fördert die Kreativität von Demenz-Erkrankten und belebt so verloren geglaubte Erinnerungen. Foto: Christian Beneker

"Making Memories" überzeugte die Robert Bosch Stiftung so, dass sie den Ansatz zusammen mit 13 anderen Projekten unter 150 Bewerbungen aussuchte und es im Rahmen des Programms "Menschen mit Demenz in der Kommune" zeitweilig förderte - inzwischen führt die Kunsthalle das museumspädagogische Projekt allein fort. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, hatte "Making Memories" bereits im Sommer 2009 mit einem Sonderpreis für kulturelle Bildung ausgezeichnet.

Im "Sparer Dank" kommt es unterdessen zum Schwur. "Jetzt malen wir mal selber", ruft Dina Koper fröhlich in die Runde. Niemand kann Papier und Pastellstiften widerstehen. Versonnen betrachten die alten Leute dann ihre Werke und rufen in den Raum, was ihre Bilder darstellen: "Fritz mit Kleid", "Puppenwagen der Schwester", "die metallene Milchkanne", "die Puppe Rosemarie".

Als die Gruppe im "Sparer Dank" nach fast anderthalb Stunden auseinander geht, kündigt Dina Koper an: "Beim nächsten Mal werde ich ein Stillleben mitbringen, mit ganz viel Essen drauf!" Dann könne man sich an seine Leibspeise erinnern. "Oh, ja!", ruft da eine zarte alte Dame, die fast die ganze Zeit geschwiegen hat, "Liebesperlen!"

* Name geändert

Mehr unter www.awo-bremen.de/aeltere/projekte

3.442 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakte:

Kunsthalle Bremen

Hartwig Dingfelder

E-Mail: dingfelder[at]kunsthalle-Bremen.de

AWO Bremen

Lucyna Bogacki

E-Mail: l.bogacki[at]awo-bremen.de