Sie sind hier:

Kurzfassung: Gummibärchen für Paulo

Dr. Ragna Cordes und Hermann Cordes leiten das Institut für Autismusforschung (IFA) und erzielen mit dem Bremer Elterntrainingsprogramm erstaunliche Erfolge. Foto: Christian Beneker
Dr. Ragna Cordes und Hermann Cordes leiten das Institut für Autismusforschung (IFA) und erzielen mit dem "Bremer Elterntrainingsprogramm" erstaunliche Erfolge. Foto: Christian Beneker

Das Bremer Institut für Autismusforschung hat mit seinem "Bremer Elterntrainingsprogramm" erstaunliche Erfolge.

"Paulo, geh in den Garten und hol die Gießkanne. Geh danach bitte ins Badezimmer und wasch dir die Hände." Wenn der damals sechsjährige Paulo alles getan hatte, was seine Mutter, die Bremer Professorin Nora Breeder (Name geändert) ihm aufgetragen hatte, fragte sie ihn: "Paulo, was hast du eben getan?" Für jede richtige Antwort bekam Paulo ein Lob oder durfte ein Gummibärchen naschen. Was äußerlich nach kindlichem Spiel aussah, war Training und harte Arbeit.

In Bremen arbeitet auf dem Campus der Jacobs University das Institut für Autismusforschung (IFA). Das als Verein organisierte Institut initiiert Forschungsprojekte, trainiert Eltern mit dem "Bremer Elterntrainingsprogramm" (BET) und bildet Autismustherapeuten aus. Geleitet wird es vom Pädagogen Hermann Cordes und seiner Tochter, der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Ragna Cordes.

Das IFA ist das einzige deutsche Forschungsinstitut für Autismus, das auf Verhaltenstherapie setzt. "In Deutschland steckt dieser Ansatz leider noch in den Kinderschuhen", sagt Cordes. Deshalb kommen aus vielen Teilen der Republik Familien wie die von Nora Breeder nach Bremen. "Die Hälfte der Kinder kann nach der Frühförderung mit Begleitern die Normalschule besuchen. Die andere Hälfte macht deutliche Fortschritte."

Ein neues Verhalten erlernen

Gemeinsam lachen: Für autistische Kinder und ihre Eltern keine Selbstverständlichkeit. Foto: Christian Beneker
Gemeinsam lachen: Für autistische Kinder und ihre Eltern keine Selbstverständlichkeit. Foto: Christian Beneker

Der kleine Paulo tobte, schlug, riss aus, schlief nicht und war praktisch unansprechbar. Die Ärzte stellten eine niederdrückende Diagnose: "Multiple Entwicklungsstörung mit autistischen Zügen und ADHS". ADHS bedeutet "Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitäts-Syndrom". Die Mutter übersetzt die Diagnose anders: "Geballte Ratlosigkeit mit schlechter Prognose. Und vor allem konnte keiner der Ärzte helfen."

Beim IFA erhielt das Ehepaar Breeder das Handwerkszeug, selber mit ihrem Kind üben zu können. "Es geht darum, dass die Kinder ihr gelerntes autistisches Verhalten vergessen und ein neues Verhalten erlernen", sagt Cordes. Kinder mit Autismus verirren sich zwischen Ursachen und Wirkungen ganz alltäglicher Handlungen. Cordes: "Die Kinder leben in ihrer eigenen Welt. Unser Programm holt sie in unsere Welt."

Heute ist Paulo neun. Er lacht verschmitzt: "Mama, was habe ich im Kindergarten gemacht?" "Du bist ausgerissen." "Und wie bin ich aus dem Fenster gekommen?" "Vielleicht hochgeklettert?" "Ich weiß es nicht mehr." "Ich auch nicht." Dieser Allerweltsdialog bedeutet für ein autistisches Kind eine kleine Sensation. Denn sie verstehen ihre Eltern eigentlich gar nicht. Sie haben nie erlernt, was es bedeutet, wenn Mama und Papa lachen oder ärgerlich den Mund verziehen. Darum wenden die Kinder sich ab und schaffen ganz eigene Rituale und Verhaltenssequenzen, die sie immer und immer wiederholen. Konsequenzen sind für sie keine folgerichtigen Ereignisse, sondern rein zufällig.
Nach neustem Forschungsstand sei Autismus ein Ergebnis neurobiologischer Störungen im Gehirn des Fötus, sagt Ragna Cordes. "Bestimmte Hirnareale sind dann auch beim Neugeborenen schwächer entwickelt." Zum Glück hat das Gehirn aber die Gabe, immer weiter neue Erinnerungsspeicher anzulegen, wenn man es dazu anregt. Je früher ein Kind therapiert wird, umso besser, denn junge Gehirne lernen leichter. Diesem Umstand verdankt Paolo die Einschulung in einer Bremer Förderschule. Er ist heute Klassenbester. Herrmann Cordes meint, Paulo könne bald auf eine Regelschule gehen.

Mehr unter www.ifa-bremen.de

3.502 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Jacobs University Bremen, Institut für Autismusforschung

Dr. Ragna Cordes

E-Mail: rcordes[at]uni-bremen.de