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Spagat mit 70

Spagat gehört mittlerweile fast zu den leichtesten Übungen in der Kür der beiden Turnerinnen Roswitha Wahl (li.) und Renate Recknagel. Foto: Kathrin Döpner
Spagat gehört mittlerweile fast zu den leichtesten Übungen in der Kür der beiden Turnerinnen Roswitha Wahl (li.) und Renate Recknagel. Foto: Kathrin Döpner

Roswitha Wahl (74) und Renate Recknagel (70) zeigen: Es ist nie zu spät für Sport. Seit Jahren sammeln sie Titel bei den Deutschen Meisterschaften.

Ein Lebensmotto, das merkt man sehr schnell im Gespräch mit den beiden Damen, haben sie verinnerlicht: Fast alles ist machbar – wenn man nur will. Wie sonst ist zu erklären, wenn sich Roswitha Wahl mit Mitte 50 von ihrer Freundin Renate Recknagel anstecken lässt und sich sagt: Spagat – warum eigentlich nicht? "Da Renate Spagat konnte, dachte ich mir: Das kannst du ja mal üben. Dann habe ich mit 56 angefangen", erzählt Roswitha Wahl und beide lachen auf bei der Erinnerung. Das waren Zeiten, sagen sie, als sie sich langsam ihre Beweglichkeit zurückeroberten.

Sie bauten Dehnübungen in ihren Alltag ein: Renate Recknagel empfiehlt auch heute, einfach beim Kartoffelschälen das Bein gestreckt auf die Küchenanrichte zu legen – und zu dehnen. Oder beim Fernsehen, ergänzt Roswitha Wahl lachend. So kam die Beweglichkeit – neben dem Training in der Turnhalle – Schritt für Schritt zurück. Heute, knapp 20 Jahre später, gehört der Spagat fast zu den leichtesten Übungen im Repertoire der mehrfachen deutschen Turn-Meisterinnen.

Erst die Deutsche Meisterschaft, dann die Talent-Show

Renate Recknagel (70) ist siebenfache und amtierende Deutsche Meisterin ihrer Alterklasse im Geräte-Vierkampf (Boden, Bank, Barren, Reck), Roswitha Wahl (74) hat vier Deutscher-Meister-Titel und drei Vizetitel gewonnen. Überregional bekannt wurden die Freundinnen 2007, als sie in der RTL-Fernsehsendung "Das Supertalent" auftraten. Mit ihrer Synchronturn-Choreografie auf zwei Bänken schafften sie es unter die zehn Finalisten. Sie waren angesprochen worden, ob sie nicht Lust hätten, sich zu bewerben. Und wie so oft hatten sich die beiden Bremerinnen gesagt: Warum eigentlich nicht? Mittlerweile haben sie Choreografien für Wettkämpfe, Shows und Veranstaltungen entwickelt, haben alles einfach mal ausprobiert, aber inzwischen die Zahl ihrer Auftritte auch wieder reduziert. "Es soll ja Spaß bleiben", sagt Roswitha Wahl.

Der Dienstag ist ihr gemeinsamer Trainingstag, dann treffen sich die beiden in der Turnhalle ihres Vereins. Gerade üben sie eine Choreografie am Barren. Die beiden schwingen sich synchron in den Handstand, stehen kerzengerade auf dem Parallelbarren und gehen die gemeinsam entwickelte Abfolge durch. Wenig später setzen sie sich auf einen Holm, die Füße übereinander geschlagen, freihändig, lächelnd – so entspannt wie andere auf einer Gartenbank.

Turnfest gab die Initialzündung

Die 74-jährige Roswitha Wahl (li.) ist vierfache, die 70-jährige Renate Recknagel (re.) siebenfache Deutsche Meisterin im Geräte-Vierkampf. Foto: K. Döpner

Renate Recknagel und Roswitha Wahl hatten sich hier, in ihrem Sportverein "Bremen 1860", durch Zufall kennengelernt, zu einer Zeit, als sie ihre aktive Zeit als Kunstturnerin (Recknagel) und Turnerin (Wahl) längst hinter sich hatten. Beide waren inzwischen als Übungsleiterinnen aktiv, sagten sich dann aber, dass das nicht alles gewesen sein konnte – und begannen, zusammen zu trainieren. Da es keine Turngruppe in ihrem Alter gab, machten sie ihre eigene auf. Als sie dann 1998 eine Einladung zum Turnfest in München erhielten, sollte das zum einschneidenden Erlebnis werden. "Da hatte man ein Ziel", erinnert sich Renate Recknagel. Sie trainierten für das Turnfest. "Wir wollten nur mitmachen und haben dann beide den Ersten gemacht. Das hat natürlich Auftrieb gegeben."

Es war der Anfang. Inzwischen haben sie Choreografien in vier Disziplinen entwickelt – und mit den Ideen wuchsen stetig auch die Anforderungen. Der Handstand auf dem Parallelbarren zum Beispiel: "Da brauchten wir andere Unterarmmuskeln", erinnert sich Roswitha Wahl. Muskeln, die sie noch nicht hatten. Aber wo ein Wille ist, ist eben auch ein Weg – dieser war gepflastert mit Liegestützen. Egal, ob Hochleistungsturnen oder einfach nur Freizeitsport: "Es ist nie zu spät", sagt Roswitha Wahl überzeugt. "Ich kann heute Dinge, die ich früher nicht konnte." Das Gleiche beobachte sie auch in den Gesundheitskursen für Ältere, die sie im Verein gibt. Die Teilnehmerinnen, die sie schon lange kennt, sind mit dem Alter beweglicher geworden, haben ein besseres Gleichgewichtsgefühl als früher. Alter, das ist die wichtigste Erkenntnis, die man aus einer Begegnung mit den beiden passionierten Turnerinnen mitnimmt, Alter ist einfach irrelevant. "Wir fühlen uns nicht so alt, wie wir sind", sagt Roswitha Wahl.

Mehr unter www.bremen1860.de

4.327 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

Bremen 1860 e.V.

E-Mail: info[at]bremen1860.de

Erstellungsdatum: 21.07.2011