Sie sind hier:

Wohnen in Baumkronen

Bauherrin Insa Otteken zeigt stolz die erste Baumhaussuit. Im September sollen erste Gäste in die 4-Sterne-Unterkunft einziehen. Foto: Christian Beneker
Bauherrin Insa Otteken zeigt stolz die erste "Baumhaussuit". Im September sollen erste Gäste in die 4-Sterne-Unterkunft einziehen. Foto: Christian Beneker

Der Bremer Architekt Andreas Wenning strebt nach oben – auf einer Hotelbaustelle.

Vier Urzeit-Tiere unterwegs im Wald. Aber sie sind in Astgabeln vertäut und auf je 16 Stelzen mit 1,80 Meter langen stählernen Korkenziehern im Waldboden verankert. Sie stehen still und schweben doch vier Meter hoch über Farn und Wurzelwerk. Wir sind in der Nähe von Bad Zwischenahn im Ammerland, 45 Autominuten von Bremen entfernt, mitten in einer bemerkenswerten Wald- und Parklandschaft in der Bauernschaft Aschhausen. Hier hat der Bremer Architekt Andreas Wenning vier Baumhäuser in die Halbwelt zwischen Waldboden und Baumwipfeln gepflanzt.

"Diese besonderen, mit Bäumen verbundenen 'kleinen Häuser' beflügeln die Phantasie und die Neugierde vieler Menschen", schreibt Wenning auf seiner Homepage. "Sie wecken in uns Kindheitserinnerungen und den Wunsch, selbst wieder eine Leiter oder Stiege heraufzusteigen und einzutauchen in einen Raum zwischen Ästen und Blattwerk. Sich verzaubern lassen, von den Sinneseindrücken an einem ganz besonderen Ort, im Wandel der Tages- und Jahreszeiten. Ein Ort zum Spielen, zum ungestörten Arbeiten, zum Entspannen und Träumen". Schön gesagt. Wer als Kind Farnhütten gebaut hat, weiß, was Wenning meint: "Was Tiere nicht als Abenteuer erleben, ist für uns in unserer künstlichen Welt etwas ganz Besonderes."

Von der Schweinzezucht zum Baumgeflüster

Zur Hofstelle in Aschhausen gehört ein drei Hektar großes Waldstück aus Laubbäumen, die bei Sonnenschein Schatten spenden und das Wogen ihrer Zweige auf den Boden malen. Durchs Geäst lugt der Backsteingiebel eines Bauernhauses. "Mein Vater hat früher Schweine gezüchtet", sagte Insa Otteken, für die Wenning hier baut. "Aber von uns Kindern wollte niemand die Bauerei übernehmen."

Ihre Vision war die Lösung, sagt sie. "Wir wollten den alten Hof und die Baumhäuser zum Ort der Entspannung und der Entschleunigung machen, aber anders als die synthetischen, modernen Wellness-Oasen." Wie Hotelsuiten in den Bäumen sollen nun die schwebenden Räume an Gäste vermietet werden, die besonderen Wert auf Waldeinsamkeit legen, auf Stille, Abgeschiedenheit und nur ein paar Eichhörnchen als Nachbarn.

Otteken, die Bauerstochter, stapft in Gummistiefeln und Regenjacke durch Laub und Furchen, die Trecker tief und schwarz in den Boden gegraben haben. Hier wird gearbeitet. Auch wenn die Häuser fertig sind und der Innenausbau beginnen kann, braucht die Außenanlage noch Fasson. Ein kleiner Bagger verschiebt Mulch und Erde, um zwischen den Häusern Wege anzulegen.

Man sieht, wie sich die vier "Baumhaussuiten im Hideaway", wie Otteken ihre Baumhäuser nennt, um die Feuerstelle in der Mitte gruppieren. Ins "Resort Baumgeflüster" sollen Naturliebhaber für ein paar Tage einziehen und entspannen können. Einen Steinwurf entfernt steht das ehemalige Melker-Häuschen, das als Rezeption dienen soll und einen Tagungs- und Frühstücksraum für 20 Gäste aufnehmen wird. Auch Gruppen können das Ganze also buchen. "Da hinten", sagt Otteken und deutet auf Lichtung und Apfelwiese, "da kommt der Volleyballplatz hin."

Erstes kommerzielles Baumhaus

Der Bremer Architekt Andreas Wenning hat über 40 Baumhäuser in aller Welt gebaut. Foto: Christian Beneker
Der Bremer Architekt Andreas Wenning hat über 40 Baumhäuser in aller Welt gebaut. Foto: Christian Beneker

"In Zwischenahn baue ich erstmals für einen kommerziellen Anbieter", erklärt Wenning. Seit seinem ersten Baumraum hat er schon an die 40 weitere entworfen und an den Mann gebracht. Wenning setzte seine Visionen bereits in Deutschland, Österreich, der Schweiz und sogar in Brasilien und den USA in die Wipfel, aber auch über Täler, in Gärten und an Seen. "Von mir aus stelle ich meine Entwürfe auch auf Hochhausdächer. Das Konzept funktioniert überall", sagt der Planer. Selbst in Borneo wurde Wenning angeheuert, um Wohn-Gondeln in den Dschungel zu hängen. "Daraus ist aber nichts geworden."
Sein Baumraum-Konzept aber hat schnell Fans gefunden – 2006 erhielt Wenning für seine Initiative sogar den Bundespreis "Deutschland – Land der Ideen". Dabei ist die Idee uralt. Schon die Kannibalen Neuguineas und die prunksüchtigen Medici stiegen samt Hausstand in die Bäume – die einen aus nachvollziehbaren Gründen, die anderen aus purer Angeberei: Die Medici bauten kleine Marmorpaläste in die Baumkronen.

"Vollholz!", kommentiert Otteken und klopft auf den Türsturz. Unter den Füßen knistern Plastikplanen, ein durchdringender Duft nach Holz steigt in die Nase. Holzrohbau. Für das luftige Resort hat Otteken österreichische Zimmerleute kommen lassen, die ihr Patent mitgebracht haben und anstelle von Isoliermaterial in den Wänden unbehandeltes Lärchenholz nutzen, 26 Zentimeter dick. Warm im Winter, kühl im Sommer, absolut feuerbeständig und allergikerfreundlich, versichert die Hausherrin.

Wenning hat vor jedes seiner Aschhauser Häuser eine schwebende Terrasse aus Stahlgitter gesetzt, deren Boden einen Baum durchlässt. Das Gestell ist mit Seilen an den Astgabeln vertäut und an den Stämmen mit mächtigen Schrauben verankert. Wie über eine Gangway steigt man zu der knapp 40 Quadratmeter großen Baumhaus-Suite hinauf. "Hier kommt einmal der Durchgang zwischen Wohnzimmer und Bad hin. Links daneben die Pantry, dazu ein Schlafzimmer. Insgesamt Platz für vier Personen", sagt Otteken.

Internetanschluss über den Wipfeln

An der Wand lehnen feine Schieferplatten, die Innenverkleidung des Bades. "Wir streben schließlich den Vier-Sterne-Status an. Wenn sich vier Leute die Suite teilen, bleibt der Preis im Rahmen." Die Bauleute haben über den Bodenleisten Anschlüsse für Telefon, Fernsehen und Internet in die Wand gefräst. "Die Gäste können wählen, ob und welche Einrichtungen sie nutzen wollen", sagt Otteken. Ab September sollen die ersten die Quartiere beziehen. Das ist auch nötig. Denn die vier Häuser haben samt Kanalisation und Stromanschlüssen mitten im Grünen Geld für zwei Eigenheime verschlungen.

Die wichtigste Frage zum Schluss: "Frau Otteken, warum haben Sie die Häuser nicht als kleine Bungalows auf den Boden gebaut?" Die Bauherrin holt nicht groß aus, sondern antwortet mit einem Zitat des Dichters Khalil Gibran: "Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt."

Mehr unter www.baumgefluester.de und www.baumraum.de

5.999 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakte:

Insa Otteken

E-Mail: info[at]insaotteken.de

Baumraum

Andreas Wenning

E-Mail: a.wenning[at]baumraum.de

Erstellungsdatum: 21.07.2011