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Sieben Minuten Rampenlicht

Der Klub Dialog fördert die Bremer Kreativwirtschaft und bringt die Szene zusammen. Foto: Focke Strangmann
Der Klub Dialog fördert die Bremer Kreativwirtschaft und bringt die Szene zusammen. Foto: Focke Strangmann

Klub Dialog, Ideenlotsen, freihafen3: Die Förderung von Kultur- und Kreativwirtschaft hat in Bremen ganz eigene Facetten. Das ruft sogar Nachahmer auf den Plan.

Ein Sommerabend in Bremen, verhangener Himmel, um den unscheinbaren Backsteinbau heulen Sturmböen. Nicht die beste Zeit, um durch Bremens frühere Stadthafenreviere zu streifen. Doch seitdem sie sich unter dem Namen "Überseestadt" zu einem Kreativenquartier entwickeln, schreckt das Wetter nicht immer. Von überall her streben heute jedenfalls Menschen in den Innenhof einer früheren Stauerei.
Nach und nach wandern sie quer über den Hof durch eine Tür am Ende des Gevierts, denn da spielt gleich die Musik: Der gemeinnützige Verein "Klub Dialog" hat eingeladen zum monatlichen Abend. Er will Bremer Kreative zusammenbringen, ihnen eine Plattform für die Selbstdarstellung verschaffen, die in neue Kontakte und Aufträge münden kann. Heute werden wieder sechs Gruppen ihre Projekte vorstellen.

In dem Raum herrscht die unrenovierte Kantigkeit des früheren Hafenbetriebs. Das Publikum hat, ein Getränk von der improvisierten Bar in der Hand, Platz auf Biertischbänken genommen, als um 19.30 Uhr Freddy Radeke auf die Bühne tritt. Zuerst verteilt der Moderator von Radio Bremen silberfarbene, weiche Bälle. Nach den Auftritten sollen sie auf eine aus Facebook entlehnte "Gefällt-mir"-Hand aus Schaumstoff geworfen werden, die ein in einen silbernen Ganzkörperanzug gehüllter "Silverman" dem Publikum entgegenhält – je mehr Bälle, desto größer der Applaus. Dann erklärt Radeke die wichtigste Spielregel: "Jeder hat sieben Minuten Redezeit, nicht mehr – da bin ich ganz streng!"

Als erste betreten vier Künstler die Bühne, die mit ausgefallenen Klängen Konzerte bestreiten. Sie führen dem staunenden Publikum vor, wie sich Styropor und Alu-Folie, Plastikflaschen und Klebeband Musik entlocken lässt mithilfe eines Geigenbogens oder auch durch Knüllen und Reißen. "Wir erweitern ständig unser Instrumentarium, indem wir Zeit mit Gegenständen verbringen", sagt ein Sprecher in die Sound-Text-Choreografie.

Silberbälle für den Applaus

Zum Dank fliegen die Bälle, und zwar zahlreich, denn trotz Sommerlochs sind wieder rund 100 Zuhörer gekommen. Der Rekord steht bislang bei 200 – die monatlichen Abendveranstaltungen des "Klub Dialog" ziehen. Das dürfte an seinem Konzept und den Menschen liegen, die ihn tragen. Erfolgreiche Designer, Medienbetriebe und Softwarefirmen sind darunter. Sie stammen aus der Szene und sie arbeiten mit dieser Szene Hand in Hand.

Hervorgegangen ist der Verein aus dem "Klub Analog". Seit 2009 organisierte er Branchentreffen von Architektur bis Werbemarkt. Das Projekt hatte eine von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH beauftragte "Clustermanagerin" aus der Taufe gehoben, damit sich Kreative besser vernetzen und voneinander professionell profitieren konnten. Es gewann so an Schub, dass es sich zum Verein verselbstständigte.

Finanziell wird dieser Verein weiter von der WFB und der EU-Regionalförderung unterstützt. Inhaltlich aber trägt und gestaltet ein ehrenamtlicher, aus der Zielgruppe stammender Vorstand inzwischen allein die Arbeit – und er weitet sie aus: Zum Beispiel reisen in diesem Jahr erstmals vier "Expeditionsteams" mit Stipendien des Klubs an verschiedene Orte in Europa. Sie wollen dort kreative Anregungen sammeln, die sich in Bremen vielleicht weiterentwickeln lassen.

Vertreterinnen der Teams beschreiben den Zuhörern an diesem Abend, was sie vorhaben – zum Beispiel in Paris Untergrundkünstler aufspüren, die in Geheimaktionen verwahrloste Kulturgüter reparieren. Bei den Erklärungen ist größte Kürze geboten, denn Freddy Radeke hat jeder Gruppe nur 1,5 Minuten zugestanden – eben sieben Minuten insgesamt.

Die Digitaluhr zählt den Countdown

Sechs Projekte, sieben Minuten Zeit zur Selbstdarstellung: Das Quartett KLANK stellt sich im Klub Dialog der Szene vor. Foto: Focke Strangmann
Sechs Projekte, sieben Minuten Zeit zur Selbstdarstellung: Das Quartett KLANK stellt sich im "Klub Dialog" der Szene vor. Foto: Focke Strangmann

Die Frauen kommen klar, doch nicht alle Redner können perfektes Timing bieten. "Biep … Biep … Biep, Biep, Biep", untermalt Freddy Radeke dann die Anzeige einer überdimensionalen Stoppuhr, deren blaue Digitalziffern die Millisekunden bis zur finalen Null herunterzählen. Die jungen Männer von einer App-Spiele-Schmiede wiederum verbrauchen nicht annähernd ihr Zeitkontingent, um ihre Botschaft herüberzubringen: Sie sind inzwischen international im Geschäft und suchen dringend Mitarbeiter, rufen sie in die Menge.

Tatsächlich haben sich bei den Veranstaltungen schon Geschäftspartner gefunden. Sie arbeiteten jetzt mit Freddy Radeke an einem gemeinsamen Filmprojekt zu einer Ausbildungskampagne, erzählt zum Beispiel Grafik-Designer Matthias Dörmann, der an diesem Abend im Publikum sitzt. Ein Zufallskontakt – vor einem Monat hatte er mit seinen Kollegen ihre Arbeit vorgestellt.

Die Klub-Idee ist ein Erfolg, das findet auch Kai Stührenberg. Er ist bei der WFB für die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft zuständig. Experten auch in anderen Ländern und im Bund trauen ihren Aktiven viel Potenzial zu – vom Absolventen, der noch ums Überleben kämpft, bis hin zum etablierten Unternehmer.

Weil der Klub so gut funktioniert, gibt es zunehmend Nachfragen aus anderen Städten. In Leipzig zum Beispiel ist im Februar der "Le Klub Analog" an den Start gegangen, auch aus Hannover, Osnabrück oder Oldenburg meldeten sich Interessenten.

Ein Ausnahmeprojekt, und nicht das einzige. Die "Ideenlotsen" etwa helfen mit Finanzierung der WFB seit 2007 Kreativen in Bremen, ihre Ideen in wirtschaftlichen Gewinn zu verwandeln – oder etwas Aussichtsreicheres zu beginnen. Das Beraterteam betreut wegen seiner anerkannten Expertise inzwischen auch einen Bundeswettbewerb für die Kultur- und Kreativwirtschaft.

Auch die Ideenlotsen residieren in der früheren Stauerei – wie seit Anfang dieses Jahres das dritte Projekt im Bunde, der "freihafen3". Der Name steht für eine Initiative für Existenzgründer aus der Kreativbranche. Sie wurde privat von Kreativunternehmern gestartet, die zugleich die Köpfe der Ideenlotsen und des Klub Dialog sind. In ihrem Freihafen bekommen die "Crewmitglieder" einen gut ausgestatteten Arbeitsplatz. Und: Zur Seite stehen ihnen persönliche Coaches als "Lotsen", die Erfahrung, Erfolg und Einfühlung in die Schwierigkeiten des Beginns mitbringen.

"Es machen Menschen aus der Szene"

Wenn er in Berlin sei, werde er oft gefragt, warum die Förderung der Branche in Bremen so gut laufe, sagt Stührenberg. Das Geheimnis: "Es machen Menschen, die selbst zur Szene gehören", glaubt der 46-Jährige, der aus der Werbung kommt und in einer in Bremen bekannten Band mitspielt.

Im Klub haben sich unterdessen ein Filmemacher und ein Verein präsentiert, der Bremer Bands in der Überseestadt mit Probenräumen versorgt. Auch ein Theatermann hat sein Projekt vorgestellt: eine Bühne für arbeitslose Schauspieler, Dramaturgen oder Regisseure. Hier können sie professionelle Produktionen erarbeiten, "sodass alle wieder Referenzen haben, mit denen sie sich bewerben können", erklärt er. Bald ziehe man in die Stauerei um, berichtet er dann noch. "Davon erhoffen wir uns kreative Impulse, die wir vielleicht auch wiedergeben können", sagt er – und wieder fliegen die Bälle.

Mehr unter www.klub-dialog.de, www.ideenlotsen.de und www.freihafen3.de

7.234 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakte:

Klub Dialog

Lara Goldsworthy

E-Mail: lg[at]klub-dialog.de

WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Kai Stührenberg

E-Mail: kai.stuehrenberg[at]wfb-bremen.de

Erstellungsdatum: 25.08.2011