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Heldenmut ist nicht gefragt

Hubschrauber-Absturz im Hallenbad: Im Wasserbassin des Offshore-Sicherheitszentrum trainieren Windkraft-Experten das Verlassen eines notgewasserten Helikopters. Foto: Wolfgang Heumer
Hubschrauber-Absturz im Hallenbad: Im Wasserbassin des Offshore-Sicherheitszentrum trainieren Windkraft-Experten das Verlassen eines notgewasserten Helikopters. Foto: Wolfgang Heumer

Offshore-Windkraft ist eine Zukunftsenergie, doch ist die Arbeit auf hoher See und dazu in großen Höhen gefährlich. In Bremerhaven, einem Zentrum der Offshore-Industrie, hat eines der modernsten Trainingszentren Europas eröffnet.

Kurz bevor der Hubschrauber auf dem Wasser aufschlägt, rauscht der Alarmruf durch die Kopfhörer der Besatzung: "Brace, brace, brace". Für die Personen in der engen Kabine bedeutet dies, Sekunden vor der Notwasserung das umgeschnallte Emergency-Breathing-System (EBS) zu aktivieren. Der nächste Ruf "Impact" bedeutet: tief Luft holen, das EBS-Mundstück fest zwischen die Lippen nehmen, Nasenklammer aufstecken. Nur einen Augenblick später ist die Maschine mitsamt Menschen unter der Wasseroberfläche verschwunden.

"Wer jetzt ruhig und besonnen handelt, hat gute Chancen, lebend wieder an die Oberfläche zu kommen", sagt Georg Wölk. Der 58-Jährige weiß, wovon er spricht. Nicht nur weil er viele Jahre zur fliegenden Truppe der Deutschen Marine gehörte und immer wieder das Überleben auf hoher See trainierte. Wölk ist Leiter des jüngsten und modernsten Sicherheits-Trainingszentrums für die Offshore-Industrie in Deutschland. Das ist gerade in Bremerhaven eröffnet worden und gehört zu dem dänisch-norwegischen Unternehmen Falck Nutec, das unter anderem Sicherheitssysteme und -konzepte für Ölförderplattformen entwickelt.

Im Vergleich zu Risiken auf einer Bohrinsel mitten in der rauen Nordsee scheinen die Gefahren beim Bau der geplanten Offshore-Windparks in der Deutschen Bucht auf den ersten Blick eher gering. "Dass dies eine unter Umständen verhängnisvolle Fehleinschätzung ist, gehört zu den wichtigsten Botschaften, die wir hier vermitteln möchten", betont Wölk. Sich der potenziellen Gefahren bewusst zu sein und ihnen mit Umsicht zu begegnen, zählt für ihn zu den Grundprinzipien, die vor schweren Unfällen und Verletzungen schützen können. Helden sind in der Offshore-Industrie fehl am Platz – gefragt sind vielmehr Umsicht, Besonnenheit und bewusstes Sicherheitsdenken.

"Sie ahnen nicht, wie schnell man stürzen kann"

"So bin ich früher auch die Stufen hoch gestolpert", lacht Wölk auf einem der Türme im Außengelände über seinen Besucher, der mit den Händen in der Tasche locker die Treppe hoch sprintet. Der Ausbilder dagegen sichert sich bei jedem Schritt mit einem lockeren Griff zum Geländer ab: "Sie ahnen gar nicht, wie schnell man stolpern und stürzen kann."

Wer einen der sechstägigen Kurse am Falck-Nutec-Sicherheitszentrum in Bremerhaven absolviert, lernt aber weitaus mehr als solche Grundsätzlichkeiten. Wie bewegt und verhält man sich richtig auf den Offshore-Windkraftanlagen, in den Hubschraubern oder den Schiffen auf dem Weg dahin? Wie steigt man auf die Türme und wie kommt man dann sicher hinauf bis in die Spitze? Was ist zu tun, wenn allen Sicherheitsvorkehrungen zum Trotz etwas passiert?

Zum Beispiel dann, wenn der Kollege in einem der Türme von der Leiter rutscht und an der Sicherungsleine hängen bleibt. "Es muss ja nicht das große Horrorszenario sein", meint Wölk. Aber selbst darauf bereitet das Zentrum vor: Das Verlassen eines sinkenden Schiffes, das Entern der Rettungsinsel oder auch Brände an Bord oder im Büro stehen während des Kurses auf dem Programm. Und zwar nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.

Training durchweg an Originalgerät

Das neue Sicherheits-Trainingszentrum von Falck Nutec in Bremerhaven ermöglicht es, für jede denkbare Situation auf einer Offshore-Windenergieanlage zu üben. Foto: Wolfgang Heumer
Das neue Sicherheits-Trainingszentrum von Falck Nutec in Bremerhaven ermöglicht es, für jede denkbare Situation auf einer Offshore-Windenergieanlage zu üben. Foto: Wolfgang Heumer

Falck Nutec hat für das umfassende Ausbildungsangebot von der Bremerhavener Wirtschaftsförderung BIS ein Gelände direkt neben der Fischereihafen-Doppelschleuse bekommen, das Zentrum wurde in einem Neubau untergebracht. Der Clou: Um auch auf dem Wasser realitätsnah trainieren zu können, wurde das ehemalige Baudock der Hafenverwaltung (ursprünglich die älteste Schleusenzufahrt zum Fischereihafen) mit einbezogen. Vom Besteigen eines kleinen Motorbootes bis zum Aufstieg auf den Turm können die Teilnehmer hier alles am Originalgerät trainieren – auf dem Gelände steht sogar das 29 Meter hohe Segment eines Originalturms, in dessen Innerem die Kursteilnehmer über schmale Leitern nach oben klettern müssen.

Das jetzige Training "Ausstieg aus einem Hubschrauber unter Wasser" und das vorige "Verlassen eines Schiffes" finden in einem Wasserbassin des Zentrums statt. Eingehüllt in Überlebensanzüge üben die zwölf Kursteilnehmer zu Beginn den Sprung über Bord und das Entern einer Rettungsinsel. "Arme vor der Brust verschränken, Rettungsweste festhalten. Und los", einer der Ausbilder assistiert den Teilnehmern beim Sprung ins Wasser. Weitere Lehrer warten unten im Wasser und am Beckenrand.

Wenn ein Teilnehmer zum Beispiel aus Angst vor dem Sprung in die Tiefe zögert, registriert das Team das, greift aber nur behutsam ein: "Wir zwingen niemanden dazu, etwas zu tun, aber wir üben mit ihm so lange, bis er die Angst überwindet", betont Wölk. Sicherheit zu trainieren heißt vor allem, Sicherheit zu gewinnen. Die Kursteilnehmer lernen nicht nur alle Handgriffe, sondern vor allem, sich selbst zu beherrschen. "Angst essen Seele auf", zitiert Wölk den Titel eines berühmten Kinofilms – "im Ernstfall bedeutet dies unter Umständen den Unterschied zwischen Leben und Tod."
Gelegenheiten, gegen die aufkommende Panik anzukämpfen, haben die Kursteilnehmer mehr als genug. Beim Klettern im Turm, beim Üben am Gittermast in fast 15 Metern Höhe, bei der Feuerlöschübung im Brandcenter und vor allem beim Untergang der abgestürzten Hubschrauberkabine. Binnen Sekunden steigt das Wasser in der realitätsnah gestalteten Attrappe. Dass die Atemluft nun aus dem Kunststoffsack vor der Brust kommen soll – kaum vorstellbar. Doch das Emergency-Breathing-System (EBS) ist für die nächsten Sekunden so etwas wie eine Lebensversicherung.

Sich gegen die Panik stemmen

Der letzte Atemzug vor dem Untergang, der in den Plastiksack gepustet wurde, enthält genügend Sauerstoff für mindestens die nächsten 30 Sekunden. Überblick verschaffen, Fluchtmöglichkeit erkennen, Sicherheitsgurt lösen, die Maschine verlassen. „Auch hier ist es am wichtigsten, sich der aufkommenden Panik bewusst zu sein und sich selbst, soweit es geht, unter Kontrolle zu halten“, betont Wölk. Wer jetzt zum Beispiel zu früh seine Schwimmweste aufbläst, hat ein buchstäblich großes Problem: "Dann passt man nicht mehr durch den Notausgang und sitzt jämmerlich fest."

Beim ersten Testlauf steht jedem "Passagier" in der Attrappe ein Lehrer zur Seite. Zum Schluss der Ausbildung müssen die Kursteilnehmer den Hubschrauberausstieg wie alles andere Gelernte selbstständig beherrschen. Die Lehrer, die sie dazu anleiten, wissen allesamt nicht nur theoretisch, was sie tun. Wölk: "Das Bewerbungsverfahren um die Ausbilder-Stellen war lang und aufwendig. Wir haben uns genau in der Praxis angeschaut, was die Bewerber können und wie sie selbst in Extremsituationen reagieren."

Betreiber Falck Nutec greift auf jede Menge einschlägige Erfahrung zurück: Falck ist seit fast 100 Jahren ein privates Feuerwehr- und Rettungsunternehmen in Dänemark. Die norwegische Schwesterfirma ist der Spezialist für Sicherheitsfragen auf Ölplattformen und Bohrinseln.

Dass die Skandinavier Bremerhaven als Standort gewählt haben, hat seinen Grund. Die Stadt wird in Kürze Montagestandort mit zentralem Ausgangshafen für den Bau der riesigen Offshore-Windparks in der Nordsee sein. "Jeder, der da draußen arbeitet, muss eine gute Sicherheitsausbildung haben", betont Wölk, "ein Wissensnachweis auf dem Papier reicht da nicht aus."

In dem Zentrum werden aber nicht nur Arbeiter geschult, die draußen auf See eingesetzt werden. "Heute haben wir die Teppichboden-Abteilung hier", lacht Wölk. Eines der Kundenunternehmen lässt auch seine Büro-Beschäftigten die komplette Ausbildung absolvieren: "Das zeigt, welch hohes Verantwortungsbewusstsein in der Branche vorhanden ist."

Den Angestellten wird nichts geschenkt: "Die müssen das genauso beherrschen wie alle anderen auch." Schließlich hat Georg Wölk angesichts seines perfekt ausgestatteten Zentrums nur einen Wunsch: "Dass das hier Gelernte die Leute schützt und ihnen nützt, falls es da draußen wirklich mal zu einer brenzligen Situation kommt."

Mehr unter www.falck.com/nutec_de

8.070 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

Falck Nutec Bremerhaven

Georg Wölk
Am Handelshafen 8
27570 Bremerhaven

Erstellungsdatum: 20.09.2011