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Platz für eigene Spuren

Sie sind fast schon ein eingespieltes Team: Die Steinmetzmeisterin Katja Stelljes (li.) und ihre Kundin, Eva Vonrüti-Moeller (re.), die auf Stelljes‘ Werkstatthof selbst einen Grabstein bearbeitet. Foto: Ulrike Bendrat
Sie sind fast schon ein eingespieltes Team: Die Steinmetzmeisterin Katja Stelljes (li.) und ihre Kundin, Eva Vonrüti-Moeller (re.), die auf Stelljes‘ Werkstatthof selbst einen Grabstein bearbeitet. Foto: Ulrike Bendrat

Bei der Bremer Steinmetzmeisterin Katja Stelljes können trauernde Angehörige einen Grabstein selbst entwerfen und wenn sie wollen, auch selbst zu Hammer und Meißel greifen.

Wenn Katja Stelljes zuschlägt, fliegen Steinsplitter in alle Himmelsrichtungen. Ihr Schlag ist kraftvoll und konzentriert. Gerade bearbeitet sie mit Hammer und Meißel einen länglichen Steinquader. Zusammen mit einer Kundin steht sie in der hellen Herbstsonne auf dem Hof ihrer Werkstatt und hilft ihr, eine schwierige Stelle an dem Schweizer Jura-Kalk vor sich zu behauen. Katja Stelljes ist selbstständige Steinmetzmeisterin und hat ihren Betrieb im Bremer Stadtteil Huckelriede in der Nähe der Weser. Ein wichtiger Teil ihres Angebots ist das Gestalten von Grabsteinen.

Etwa 20 Steinmetzbetriebe gebe es noch in Bremen, schätzt Stelljes. Sie gehört zwar nicht zur ersten Frauengeneration in diesem Handwerk, aber doch noch zu einer Minderheit: Zwei Betriebe sind in Bremen in Frauenhand, also zehn Prozent. Anders auch als klassische Steinmetzbetriebe liegt ihrer nicht in direkter Nachbarschaft zu einem Friedhof. Der zentrale Unterschied zwischen Katja Stelljes und den herkömmlichen Firmen geht aber deutlich über die Lage des Geschäfts und das Geschlecht der Inhaberin hinaus: Es ist vor allem die Art, wie sie ihre Arbeit begreift und betreibt.

Die Frau mit dem vollen, grauen Haar und dem warmen Blick strahlt Ruhe aus. Sie nimmt sich außergewöhnlich viel Zeit für ihre Kunden. Das sind meist trauernde Angehörige, die auf der Suche nach dem passenden Grabstein für ihre verstorbenen Angehörigen sind. Und wer zu ihr kommt, will in aller Regel einen Grabstein, der sehr besonders ist, persönlich, individuell.

So wie die Familie Moeller. Die 52-jährige Eva Vonrüti-Moeller, ihr Ehemann und ihre beiden Kinder müssen den Verlust ihrer Tochter und Schwester verkraften. Ende 2009 erfuhr die Familie, dass die damals 18-jährige Ina während eines Aufenthalts in Australien bei einem Unfall zu Tode gekommen war. "Wir mussten dann sehr schnell viel entscheiden", erinnert sich Eva Vonrüti-Moeller an die Zeit.

Die Familie reiste nach Australien, wo Inas Leichnam eingeäschert wurde. Ihre Asche brachten die Vier nach Bremen. Nach der Urnenbeisetzung Anfang 2010 nahm Inas Mutter auf Empfehlung der Bestatterin zum ersten Mal Kontakt mit Katja Stelljes auf. Sie kam zu den Moellers nach Hause, sah Fotos von Ina und sogar ihr früheres Zimmer. "Wir haben lange geredet und auch zusammen geweint", erinnert sich Katja Stelljes. Die Familie sah sich viele Gräber und Grabsteine an, auf der Suche nach dem, was zu der ganzen Familie passt, überlegte, wie viel Platz ein Stein auf dem Grab einnehmen und wie viel Raum für Pflanzen bleiben soll.

Den ersten Plan, auf Inas Grabstelle einen Findling zu legen, verwarfen die Moellers schließlich. Im Laufe der Monate entwickelte sich stattdessen die Idee, eine fünfeckige Stele zu errichten: fünf Seiten für die ursprünglich fünf Familienmitglieder. Auch die Art des Steins – Schweizer Jura-Kalk – ist kein Zufall: Inas Mutter Eva ist gebürtige Schweizerin, die Familie Moeller war dort oft im Urlaub. "Unsere Kinder hatten immer die Hosentaschen voller Steine, die sie gesammelt hatten", erinnert sich Eva Vonrüti-Moeller.

Viermal ist sie bisher für ein paar Stunden in die Werkstatt von Katja Stelljes nach Huckelriede gekommen, um dort am Grabstein für ihre Tochter zu arbeiten. Die Mutter vergleicht das Arbeiten am Stein mit ihrer Trauer: "Manchmal muss man durchhalten, manchmal will man unbedingt ein Stück Stein wegschlagen. Und in der Trauer will man ja auch manchmal, dass etwas weggeht, verschwindet. Und wenn das nicht klappt, wird man wütend oder man hat das Gefühl 'Ich schaffe das nicht!'"

Im vergangenen Sommer waren auch Inas jüngere Geschwister hier und bearbeiteten ihre jeweilige Seite von Inas Grabstele mit Hammer und Meißel. Anfangs kamen sie widerwillig. "Aber im Nachhinein waren sie ganz zufrieden damit", denkt ihre Mutter. Auch Inas Vater will noch an dem Stein arbeiten. So hinterlassen die vier Familienmitglieder jeweils ihre sehr verschiedenen Spuren auf dem Stein.

Viele Möglichkeiten für persönlichen Anteil

Zentimeter für Zentimeter arbeitet sich Eva Vonrüti-Moeller an dem Grabstein vor. Die harte Arbeit hat Parallelen zur Trauer. Manchmal hinterlässt sie aber auch nur Blasen an den Händen. Foto: Ulrike Bendrat
Zentimeter für Zentimeter arbeitet sich Eva Vonrüti-Moeller an dem Grabstein vor. Die harte Arbeit hat Parallelen zur Trauer. Manchmal hinterlässt sie aber auch nur Blasen an den Händen. Foto: Ulrike Bendrat

Die wenigsten Menschen, die zur Steinmetzmeisterin Stelljes kommen, wählen den Weg von Familie Moeller: selbst zum Werkzeug zu greifen. Um persönlichen Anteil an der Gestaltung eines Grabsteins zu haben, ist das aber auch nicht nötig. Manche Menschen kommen mit Zeichnungen zu ihr, die zeigen, wie der Stein aussehen soll. Ein Kunde fertigte das Fundament für den Grabstein seiner Frau an, das man hinterher nicht mehr sehen wird. Eine andere Kundin möchte den Grabstein selbst auf dem Friedhof aufstellen. Und wieder andere bringen eine Figur oder ein symbolisches Element mit, das in den Stein eingearbeitet werden soll.

Eine solche Begebenheit war es, die sie zur individuellen Gestaltung von Grabsteinen gebracht hat, erinnert sich Stelljes. Eines Tages, als sie noch Filialleiterin einer Bremer Steinmetzfirma war, kam eine Frau in den Laden. Sie hatte einen Elefanten aus Speckstein dabei und fragte, ob man die Figur in einen Grabstein integrieren könne. Schnell wurde deutlich, dass diese Frau auch selbst mit anpacken und noch einmal etwas für ihre verstorbene elfjährige Tochter tun wollte.

Trotz dieser Geschichte nimmt die Bremer Steinmetzin nicht für sich in Anspruch, die Geschäftsidee erfunden zu haben. Ihre Ausbildung absolvierte sie an der Freiburger Fachschule für Steingestaltung. Süddeutsche Steinmetze habe sie oft als sehr engagiert dabei empfunden, die trauernden Angehörigen zu beteiligen, berichtet sie.

Durch ihre Jahre in Süddeutschland hat Katja Stelljes ein "Süd-Nord-Gefälle" festgestellt: Grabsteine in Süddeutschland seien individueller, ausgefallener und vielfältiger und die Friedhofskultur ausgeprägter. In Norddeutschland seien die meisten Grabsteine schlicht und die Vielfalt gering. Stelljes vermutet dahinter die hanseatische Tradition, Gefühle und vermeintliche "Extravaganzen" nicht in die Öffentlichkeit zu tragen.

Dabei hat die Steinmetzmeisterin in ihrem Beruf festgestellt, wie wichtig die Gestaltung von Grab und Stein für Trauernde sein kann. "Am Anfang ist ein Grabstein sehr wichtig und emotional aufgeladen", sagt Stelljes. Die Zeiten, in denen Angehörige beim Steinmetz nur Farbe, Form, und Größe des Steins und die Schriftart ausgesucht haben, scheinen zu Ende zu gehen. "Die Menschen heute wollen mehr Beratung, ein Gespräch. Und sie vergleichen auch Preise", weiß Stelljes. Die Firma, bei der sie zuletzt angestellt war, habe ihre Arbeit als Bereicherung empfunden. "Ich treibe die Beratung in gewisser Weise auf die Spitze", sagt sie mit einem Lächeln. Eva Vonrüti-Moeller formuliert es so: "Katja lässt einem sehr, sehr viel Zeit."

Für sie, die 52-jährige Mutter, scheint die Zeit allmählich gekommen zu sein, den Grabstein für Tochter Ina aufzustellen. Gleichzeitig gibt sie offen zu, dass sie Angst davor hat, den Stein auf dem Grab stehen zu sehen. Denn dann sind ihr Name und ihre Lebensdaten "in Stein gemeißelt".

Mehr unter www.katja-stelljes.de

7.051 Zeichen, Autorin: Ulrike Bendrat

Pressekontakt

Katja Stelljes

E-Mail: info[at]katja-stelljes.de

Erstellungsdatum: 26.10.2011