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Wie Mäuse von Bären lernen

Ordnung muss sein, auch in der Bremerhavener Marktschule: Die Fächer der Kinder einer Familienklasse. Die verschiedenen Farben repräsentieren die unterschiedlichen Altersstrukturen. Foto: Wolfgang Heumer
Ordnung muss sein, auch in der Bremerhavener Marktschule: Die Fächer der Kinder einer "Familienklasse". Die verschiedenen Farben repräsentieren die unterschiedlichen Altersstrukturen. Foto: Wolfgang Heumer

Schule soll Kindern mehr bieten als das Vermitteln von Wissen und Kenntnissen. Die Marktschule in Bremerhaven hat eine (preisgekrönte) Antwort gefunden: Klassenfamilie statt Klassenverband lautet die Devise an der Grundschule.

Auf den ersten Blick bietet die Bremerhavener Marktschule ein typisches Bild: Auf dem Pausenhof toben die Kinder, kleinere und größere wuseln munter durcheinander. Aber mit dem Gongschlag kommt die Überraschung: Anders als an anderen Schulen löst sich der Altersmix nicht auf; vielmehr verschwinden Sechs- und Zehnjährige in offenkundiger Eintracht im selben Klassenzimmer.

Rätselnden Blicken begegnet Schulleiterin Ute Mittrowann mit einer Antwort, bevor die Frage ausformuliert ist: "Nein, klassische Klassenverbände gibt es hier nicht mehr. Wir haben Klassenfamilien, in denen Jüngere und Ältere gemeinsam lernen", sagt die Pädagogin. Also Dorfschule in der Großstadt? Ute Mittrowann kennt diese Bedenken: "Die Zweifel haben die Eltern unserer Schüler anfangs auch gehabt." Offenkundig ist das Misstrauen ausgeräumt worden, und das sogar auf höchster Ebene: Das Bremerhavener Projekt gehört zu den Gewinnern des Deutschen Schulpreises 2011.

Neben dem Prinzip der Altersdurchmischung trugen dazu in der Marktschule auch andere Angebote bei: Tanzprojekte, Sportförderung, Ganztagesbetreuung mit breit gefächertem Programm und so weiter und so fort gehören hier zum Schulalltag wie woanders der Gong zum Pausenbeginn.

Bundesweit einmaliges Konzept

Vor allem aber sind es die Klassenfamilien, die das Angebot der Marktschule bundesweit einmalig machen. Hier lernen nicht Gleichaltrige unter sich, sondern jahrgangsübergreifend Mäuse (die Jüngsten), Pinguine, Füchse oder Bären (die Ältesten) miteinander. "Einer Familie gehören jeweils fünf bis sechs Kinder einer Altersgruppe an", erläutert Ute Mittrowann. Insgesamt sind es also 20 bis 24 Kinder pro Familie. Das Ziel des Ganzen: Kindern, die oft von zu Hause keine optimale Förderung erleben, soll der bestmögliche Start ins Leben bereitet werden.

Dass Jüngere und Ältere gemeinsam die Schulbank drücken, ist so ungewöhnlich nicht. Eine ganze Reihe von deutschen Schulen legte in den vergangenen Jahren die ersten und zweiten sowie die dritten und vierten Klassen zusammen. Doch den Bruch dazwischen mochte das Leher Schulteam seinen Schützlingen nicht zumuten.

Der scheinbar große Unterschied zwischen Sechs- und Zehnjährigen relativiert sich bei näherem Hinsehen sehr schnell: "Innerhalb eines einzelnen Jahrgangs gibt es ja auch starke Entwicklungsunterschiede", meint Ute Mittrowann und verweist auf das Bild einer Klassenfamilie, in der der jüngste "Bär" kleiner ist als mancher der "Mäuse" oder "Pinguine". Andererseits ist der Altersunterschied groß genug, so dass die Kleinen von den Großen lernen und die Großen auch die Verantwortung für die Kleinen erkennen und übernehmen können.

Das Bremerhavener Prinzip beschränkt sich aber nicht darauf, die klassischen Klassenstrukturen aufzulösen. Seinen eigentlichen Charme entwickelt das Projekt durch eine Vielzahl von Details. Beispielsweise dass die Kinder morgens erst mal eine 15-minütige Warmlaufphase haben, bevor der Ernst des Unterrichts beginnt. Oder das Prinzip der Wochenplanung, in der die Kinder selbst (mit sanfter Anleitung) ihre eigenen Lernziele definieren und abarbeiten.

Individuelles Lernen

Neben den herkömmlichen Fächern wie Mathe und Deutsch lernen die Schüler der Bremerhavener Marktschule u.a. auch Kochen und Backen – natürlich von Mäusen (Jüngere) bis Bären (Ältere) alle gemeinsam in ihren Familienklassen. Foto: Wolfgang Heumer
Neben den herkömmlichen Fächern wie Mathe und Deutsch lernen die Schüler der Bremerhavener Marktschule u.a. auch Kochen und Backen – natürlich von "Mäusen" (Jüngere) bis "Bären" (Ältere) alle gemeinsam in ihren "Familienklassen". Foto: Wolfgang Heumer

Einfache Symbole helfen ihnen dabei, die Schwierigkeiten der jeweiligen Aufgabe einzuschätzen. Und wenn die Aufgabe dann doch einmal zu groß ist, hilft zunächst der ältere Sitznachbar und dann der Lehrer bzw. die Lehrerin. Individuelles Lernen in der Gruppe heißt das Prinzip. Was nach pädagogischem Paradies und unbeschwertem Schülerdasein aussieht, ist tatsächlich für Kinder und Lehrer harte Arbeit. Jedes Kind lernt individuell. Entsprechend muss das Lernmaterial immer am richtigen Platz liegen, damit es jederzeit verfügbar ist.

Die Chance, dass jedes Kind seinen eigenen Fähigkeiten entsprechend voranschreiten kann, ist mit der Verpflichtung zur individuellen Kontrolle und Betreuung verbunden. "Ohne Ordnung und Selbstdisziplin geht gar nichts", weiß Ute Mittrowann. Das gilt aber nicht nur für die Kinder (die auf diese Weise ganz nebenbei Grundtugenden vermittelt bekommen), sondern auch für die Lehrerinnen und Lehrer. Das Projekt Klassenfamilien erfordert von den Pädagogen ganz offenkundig einen deutlich höheren Einsatz als herkömmlicher Grundschulunterricht. Vor allem sind Flexibilität, ständige Präsenz und umfassendes Wissen gefragt. Hat das eine Kind gerade noch eine Frage zum richtigen Schreiben gehabt, kommt das nächste mit einer Frage zum Rechnen und so weiter. Und das dann auch noch in den unterschiedlichen Leistungsstufen.

Dass das Ganze funktioniert, steht längst außer Frage. Schließlich reichen die Anfänge der Klassenfamilien bis ins Schuljahr 2003 zurück. Niemand erweckt dabei den Eindruck, dass die Familien allein ausreichen, die individuellen Probleme der Kinder zu lösen. "Hier gibt es wie an anderen Schulen auch Förderunterricht, sozialpädagogische Betreuung und den Einsatz des Schulpsychologen", sagt Ute Mittrowann.

Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zu vielen herkömmlichen Grundschulen: In der Marktschule hat niemand das Gefühl, sich schämen zu müssen, wenn er etwas nicht versteht oder wenn er besondere Hilfe braucht. "Die Kinder sehen ja von Anfang an, dass jeder von ihnen anders ist und andere Stärken oder Schwächen hat", sagt die Schulleiterin.

Dass die Kinder ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln, hängt ganz offensichtlich aber auch mit der inneren Einstellung des Schulteams zusammen. "Wenn ich in einem Stadtteil wie Lehe arbeite, kann ich theoretisch defizit-orientiert vorgehen und vor allem sehen, was die Kinder alles nicht haben", meint Ute Mittrowann. "Ich kann in den Kindern aber auch verborgene Schätze sehen, die es zu heben gilt."

Mehr unter www.marktschule.bremerhaven.de

5.885 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt

Marktschule Bremerhaven

Ute Mittrowann



Erstellungsdatum: 26.10.2011