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Unter weißen Segeln

Anders als ihre mit den berühmten grünen Segeln ausgestattete Vorgängerin, die Alexander von Humboldt, sticht die Alex II unter weißen Segeln in See. Foto: www.gruene-segel.de
Anders als ihre mit den berühmten grünen Segeln ausgestattete Vorgängerin, die "Alexander von Humboldt", sticht die "Alex II" unter weißen Segeln in See. Foto: www.gruene-segel.de

Der Großsegler "Alexander von Humboldt" ist Geschichte – es lebe die "Alex II"! Deren Crew muss aber noch ein wenig üben, bevor sie den ersten neuen deutschen Großsegler seit den 50er Jahren richtig im Griff hat.

Die Wellen rauschen hier draußen auf der Nordsee, die Gischt peitscht von unten über den Bug, den Menschen an Deck ins Gesicht. Es ist, als führe man Achterbahn. Die Crew der "Alexander von Humboldt II" aber bemerkt das kaum. Sie ist damit beschäftigt, ihr neues Schiff kennenzulernen. Immerhin ist es größer und agiler als seine Vorgängerin. Und jetzt erstmals auf hoher See unterwegs.

Einen guten Monat ist das Schiff erst alt. Es handelt sich um den ersten Neubau eines Großseglers, der in Deutschland seit den 1950er Jahren entstanden ist. "Wenn ich die 'Alex' mit der 'Alex II' vergleiche, dann ist das neue Schiff wirklich noch jung", sagt Hannes Banser. Der aus Kiel stammende und inzwischen in Stuttgart lebende Bühneningenieur ist Bootsmann bei der DSST und gehört zu den etwa 600 Stammcrew-Mitgliedern, die die "Alex" hatte und die „Alex II“ haben wird. "Die alte 'Alex' war eine Lady, sanft und ruhig", erzählt Banser. "Diese hier ist ganz anders."

Wie man den neuen Großsegler anfassen muss, das haben die Segler in den vergangenen Wochen seit den Endausbauten auf der Werft geübt. In Trockendurchläufen und während kurzer Ausfahrten in der Nordsee kletterten sie die Wanten hoch und arbeiteten in der Takelage, zurrten hier an Seilen und banden dort Knoten, um die Segel zu hissen. An denen zeigt sich auch der auffälligste Unterschied zum Vorgänger-Schiff, das im Moment auf einen Käufer wartet: Die Segel sind strahlend weiß. Die alte "Alex" wurde nicht nur durch den Einsatz in einer Fernsehwerbung, sondern auch durch ihre grünen Segel – einst von der Bremer Brauerei Beck’s gesponsert – berühmt und ein Wahrzeichen der Stadt. Drei Sätze waren an Bord, auf der jungen Alex sind es zurzeit noch zwei.

Nicht nur daran mussten sich die Besatzungsmitglieder gewöhnen. Vieles ist anders auf dem Neubau. "Wir haben ein Deck mehr, sind fünf Meter höher und auch etwas breiter", sagt Banser. Deshalb seien auch viele Dinge etwas anders angeordnet. Früher, erzählt eine Crewangehörige, habe sie bei Sturm mitten in der Nacht und direkt aus dem Schlaf kommend alles auf dem Schiff gefunden und genau gewusst, wann sie wo an welchem Tampen – also an welchem Tauende – ziehen musste. "Das lerne ich jetzt alles neu."

20 Menschen halten die Alex im Zaum

Im Einsatz auf der Alex II: Die erfahrene Toppsmatrosin Wiebke Okken (vorne) überwacht das Setzen der Segel. Foto: Frank Miener
Im Einsatz auf der "Alex II": Die erfahrene Toppsmatrosin Wiebke Okken (vorne) überwacht das Setzen der Segel. Foto: Frank Miener

250 Personen hat die DSST in den ersten Wochen über das Schiff geschleust, damit sie sich einsegeln und mit der neuen "Alex II" vertraut machen konnten. Sie alle sind ehrenamtlich tätig und unterrichten in ihrer Freizeit Trainees an Bord. Idealerweise 20 Personen pro Wache sind erforderlich, um die "Alex II" bei diesen Fahrten im Zaum zu halten. Seit November können alle Interessierten mitsegeln und als Trainees "anheuern", um das Segeln auf einem Rahsegler zu lernen. Ein Touristenschiff ist die grüne Schönheit aber nicht – jeder muss nach seinen Fähigkeiten mit anpacken.

"Wir schicken niemanden auf den Mast, der das nicht will", sagt Wiebke Okken. Die Bremerin ist Toppsmatrosin. Das bedeutet, dass sie zu den ganz erfahrenen Seeleuten gehört – und heute die Wache führt. Ihre Kommandos schallen über das Deck, wenn die Segel gesetzt oder die Rahen ausgerichtet werden müssen. Laut, manchmal heiser klingt sie, muss sie doch das Vibrieren der Maschine genauso übertönen wie den Wind und die Wellen.

"Sie ist ein richtiger 'Kampfzwerg'", sagt Kapitän Reimer Peters, der als Leiter der Bauaufsicht der DSST wesentlich zum neuen Schiff beigetragen hat. Ihre Männer in der Mannschaft habe sie voll im Griff. "Ich glaube, ich habe jetzt in fünf Wochen 150 Leute hier gehabt und ausgebildet", sagt Okken, die im Hauptberuf Segelmacherin ist und den für die Aufgabe üblichen Spitznamen "Toppsi" trägt. "Da kann ich meinen Beruf mit dem Hobby gut verbinden", erzählt sie. Und darüber hinaus auch die Liebe zur See weitergeben, die sie selbst erst dadurch entdeckt hatte, dass ihre Eltern sie auf einen Törn mit der Vorgängerin schickten.

Mit der "Alex II" will die DSST die Tradition der Großsegler aufrecht erhalten. "Unsere Aufgabe ist es, die Glut weiterzutragen", sagt der Kapitän, der mit 22 anderen Kapitänen das Schiff auf den Törns führt. Gemeinsam sei man unterwegs, um dieses besondere Erlebnis zu erfahren. Wer einmal Gischt geleckt hat, kommt nicht so schnell davon los. Die Stiftung sieht aber vor allem für Jugendliche noch andere wichtige Erfahrungen. "Man übernimmt Verantwortung für andere, für das Schiff und sich selbst", sagt Vorstand Dietrich Rickens. Die Arbeit trainiere natürlich auch den Körper, die Seeluft fördere die Gesundheit. Dazu komme der Teamgeist und natürlich das Erlernen neuer Fähigkeiten.

Neubau kostete 15 Millionen Euro

Und tatsächlich hat bislang erst ein einziges Crewmitglied gesagt, dass es aussteigt. Der betreffende Maschinist allerdings findet schon die Technik zu kompliziert, die die 65 Meter lange und 15 Millionen Euro teure Bark in ihrem Inneren versteckt. Sie war einer der Gründe für den Neubau. "Die alte 'Alex' passte nicht mehr in die vielen Sicherheitsbestimmungen, die die Schiffe und Häfen weltweit auferlegt bekommen haben", sagt Rickens. Außerdem sei die Instandhaltung des 106 Jahre alten Rumpfes sehr teuer geworden, sodass ein Neubau unumgänglich gewesen ist. "Sicher verschreckt die Technik erst einmal einige. Doch sie kommen schon zurück", ist sich Rickens sicher. Auch der Maschinist wird bald wieder an Bord gehen, glaubt er. Und sei es für zwei Fahrten als zweiter Ingenieur: "Dann hat er es drauf."

"Drauf" haben es auch die Matrosen am Deck – auch wenn heute, beim Tagestörn, noch nicht alles rund läuft. "Wo willst du denn hin?", ruft Okken plötzlich. Ein Matrose sollte an einem Tampen am Hinterdeck ziehen und rennt statt nach Achtern in die falsche Richtung. Ein Schmunzeln, ein Lachen und schon stehen alle wieder an den Seilen und ziehen. Das ist nicht die einzige Panne dieser Tage auf der Bark. "Ich gebe zu, dass das schon anstrengend war in den vergangenen fünf Wochen", sagt Toppsi. "So viele Leute, das muss nun nicht unbedingt sein." Aber schließlich haben noch alle die richtigen Stellen gefunden, an denen sie ziehen, zurren und knoten müssen. Bei diesem Törn jedenfalls, dem letzten vor der ersten großen Reise in den Atlantik, bewegen sich die Rahen langsam, aber beständig in die richtige Richtung. Dann geht es in die Takelage, die Seile lösen, die die Segel sichern.

"Das ist schon eine Herausforderung heute", sagt auch Isabel Nürnberger. Die Schülerin ist seit einigen Jahren dabei und Leichtmatrosin. "Wir segeln mit wenig Crew und haben viele Leute an Bord." Neben der Besatzung sind Sponsoren zu Gast, die den Bau der "Alex II" ermöglicht haben und die die Manöver der Mannschaft kritisch beäugen. Am Ende aber bläht sich das Segel im Wind und schiebt die "Alex II" zügig nach vorn. Sanft gleitet das Schiff nun durch das Wasser, die Maschine läuft nur noch leise zur Unterstützung. Zwölf der 24 Segel bannen jetzt den Wind und spannen ihn ein, um den Segler vorwärts zu treiben – ein einmaliges Erlebnis.

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7.197 Zeichen, Autor: Frank Miener

Pressekontakt:

Deutsche Stiftung Sail-Training

Albert Bote

E-Mail: a.bote[at]gruene-segel.de

Erstellungsdatum: 25.11.2011