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Wohlfühlwelten unter Folie

Muss extremen Wetterbedingungen standhalten: Das mit der Folie der Bremer Firma Vector Foiltec GmbH ausgestattete Dach des Khan Shatyr Entertainment Center in Astana, Kasachstan. Foto: Nigel Young, Foster & Partners
Muss extremen Wetterbedingungen standhalten: Das mit der Folie der Bremer Firma Vector Foiltec GmbH ausgestattete Dach des Khan Shatyr Entertainment Center in Astana, Kasachstan. Foto: Nigel Young, Foster & Partners

Die transparenten Foliendächer der Firma Vector Foiltec mit Stammsitz in Bremen schützen das Klima vor den Menschen und die Menschen vor dem Klima. Ganze Dörfer oder Stadtteile könnten künftig mit einer solchen Hülle überzogen werden.

Die Uhren der Welt ticken leise und geordnet vor sich hin. San Francisco, New York, Bremen, Moskau, Peking und Melbourne steht in dicken Lettern unter den Zifferblättern. "Das finden wir nicht schick, sondern das ist unser Problem, der Umgang mit der Zeitverschiebung", sagt Stefan Lehnert. "Der Tag geht morgens in Peking für uns los und abends ist San Francisco der Gesprächspartner", fügt Reinhard Schmidt in sattem Norddeutsch hinzu.

Lehnert und Schmidt sind Eigentümer und Geschäftsführer der Vector Foiltec GmbH in Bremen-Lesum. Sie müssen viel reisen und viele Ferngespräche führen, denn ihre Projekte und Kunden sind weltweit verteilt. Die Uhren der Welt hängen in Lehnerts Büro, im Großraumbüro der Entwicklungsingenieure und in einer der Produktionshallen. Die global nachgefragten Produkte, die dort entstehen, sehen zunächst eher unspektakulär aus: Sie bestehen aus einer speziellen Hightech-Folie aus Kunststoff, die die Bremer in mehrere Lagen übereinanderschichten und mit selbst entwickelten Spezialmaschinen an den Rändern verschweißen. Mit Luft befüllt, dehnen sich diese Hüllen aus Folie zu transparenten "Kissen" aus, die in Aluminiumrahmen eingespannt und dadurch miteinander verbunden werden. Getragen durch ein Gerüst aus Stahl, Aluminium, Holz, Beton oder Seilen, lassen sich daraus riesige Dächer und Fassaden formen.

Die Bremer waren weltweit die ersten, die derartige Dächer aus Folien entwickelten und produzierten. Mit ihrer Innovation konnten sie sich bei Architekten und Immobilienbesitzern schnell einen Namen machen: Über 700 Gebäude haben sie seit Gründung des Unternehmens im Jahr 1982 überdacht, darunter die Olympia-Schwimmhalle in Peking mit etwa 100.000 Quadratmetern Dachfläche, die Tropenhalle im Leipziger Zoo, Regierungsgebäude in London und Washington sowie den Terminal 5 im Londoner Flughafen Heathrow.

Mit Farbpunkten gegen zu viel Sonne

Die Vorteile ihrer luftig-leichten Bauwerke rattern Lehnert und Schmidt routiniert herunter: Die Folie aus Ethylentetrafluorethylen (ETFE), die sie verwenden, ist lichtdurchlässig, dehnbar, reißfest, schmutzabweisend und isolierend. Je nach Bedarf statten sie das Material mit verschiedenen "Extras" aus: Um die Sonneneinstrahlung zu reduzieren, versehen die Bremer es bei Bedarf mit Farbpunkten, die wie ein Lichtsieb wirken. Außerdem können sie die Folienelemente bedrucken, einfärben oder in ihrem Inneren mit LED-Farblichtdioden bestücken, sodass sich die Fassade in einen riesigen transparenten "Bildschirm" verwandelt, auf dem Texte, Großbild-Videos oder interaktive Anwendungen zu sehen sind.

Da die "unbehandelte" Folie anders als Glas sämtliche UV-Strahlen durchlässt, wachsen unter den daraus gefertigten Dächern echter Rasen und tropische Pflanzen. Deshalb eignet sich das Material dem Unternehmergespann zufolge so gut für Fußballstadien oder für große Zoo- und Gewächshäuser. Als Beispiel nennen Lehnert und Schmidt die im Sommer dieses Jahres eröffnete Riesentropenhalle "Gondwanaland" im Leipziger Zoo. Für dieses Stück tropischen Regenwaldes, groß wie zwei Fußballfelder, haben die Ingenieure von Vector Foiltec ein Stahltragwerk mit einer darunter hängenden Kuppel aus quadratisch und gewölbt gerahmten Folienkissen konstruiert. "Weil das Dach UV-durchlässig ist, leiden die Pflanzen darunter auch nicht unter Pilzbefall", sagt Stefan Lehnert. "Wenn man so etwas großflächig mit Glas machen wollte, müsste man stark mit Pestiziden arbeiten."

Mittlerweile hat die Unternehmensgruppe einen zweiten Hauptsitz in London, 15 Vertriebsbüros in 14 Ländern und neben Bremen noch einen zweiten Produktionsstandort in China. Weltweit arbeiten 193 fest angestellte Mitarbeiter für Vector Foiltec, davon 82 in Bremen. 2010 erzielte die Vector Foiltec GmbH einen Umsatz von 28,4 Millionen Euro, rund 72 Prozent des Umsatzes entfielen auf das Auslandsgeschäft. Trotzdem wollen Lehnert und Schmidt am Standort Bremen festhalten, wo ein Teil der Produktion sowie die Forschungs- und Entwicklungsabteilung untergebracht sind. "Etwa ein Drittel unserer Arbeit sind Ingenieurleistungen wie Statik- oder Klimaberechnungen", sagt Schmidt. "Das machen wir von Bremen aus, sodass hier der Ingenieurstab immer noch wächst."

Stadtteil unterm Hightech-Dach

Über 700 Gebäude haben sie bereits mit ihrer Hightech-Folie überdacht: Reinhard Schmidt und Stefan Lehnert (v.l.), Eigentümer und Geschäftsführer der Bremer Firma Vector Foiltec GmbH. Foto: Astrid Funck
Über 700 Gebäude haben sie bereits mit ihrer Hightech-Folie überdacht: Reinhard Schmidt und Stefan Lehnert (v.l.), Eigentümer und Geschäftsführer der Bremer Firma Vector Foiltec GmbH. Foto: Astrid Funck

Mit den Jahren seien die Architekten und Kunden anspruchsvoller geworden, erzählt Lehnert. Bizarre Formen seien gefragt. „Und das andere ist, dass wir immer größere und kompliziertere Projekte auf den Tisch kriegen.“ Projekte wie das 2010 in Betrieb genommene Khan Shatyr Entertainment Center in Astana, der Hauptstadt von Kasachstan. Unter einem zeltförmigen, 150 Meter hohen Dach mit rund 21.850 Quadratmetern Folienfläche ist über- und unterirdisch ein kleiner Stadtteil mit Geschäften, Kinos, einem Schwimmbad und anderen Freizeitangeboten entstanden.

Entworfen wurde der Komplex von dem Londoner Stararchitekten Sir Norman Foster. Seine Pläne sahen eine Tragkonstruktion aus bis zu 120 Meter langen Stahlseilen vor, welche die Bremer mit eigens dafür entwickelten Maschinen spannen mussten. Als weitere Herausforderung kam hinzu, dass diese Konstruktion den extremen klimatischen Widrigkeiten in Kasachstan trotzen musste, orkanartigen Stürmen und starken Temperaturschwankungen.

Das in Astana zu besichtigende Ergebnis ist sturmerprobt. Und wenn im Winter die Temperaturen auf 45 Grad Minus heruntergehen, wird warme Luft an der Innenwand hinauf geblasen, um die Eisbildung zu verhindern. Stefan Lehnert schaut kurz zu den Uhren an der Wand, einige Zeitzonen fehlen ihm noch in seiner Sammlung. "In Astana haben wir das vorgelebt, was in solchen Regionen viel gemacht werden muss: Das Klima ist so unwirtlich, dass man sich sommers wie winters davor schützen muss", erklärt der promovierte Maschinenbauingenieur.

Auch zur Lösung des umgekehrten Problems, das Klima vor den Menschen zu schützen, könnten die Foliendächer ihren Teil beitragen: Nach Unternehmensangaben lassen sich Solarzellen in die oberen Folienlagen einarbeiten, die das Sonnenlicht in Strom umwandeln. Darüber hinaus verbrauche das Kunststoffmaterial bei der Herstellung wenig Energie, müsse nicht wie Glas aufwendig gereinigt werden und habe eine vergleichsweise lange Lebensdauer, heißt es auf der Firmenhomepage.

Das Einzige, was der Langlebigkeit im Wege stehe, seien Einschläge durch herumfliegende Gegenstände und Vandalismus, räumen die beiden Firmenlenker ein. Deshalb eigne sich so ein Foliendach auch nicht für ein Privathaus, sondern nur für größere Gebäude, bei dem die Folienfläche erst in schwer erreichbarer Höhe beginnt, sodass sie nicht ständig geflickt werden muss.

Aber mit "kleinen Würfen" haben Lehnert und Schmidt ohnehin wenig im Sinn. Stattdessen schwärmen sie von ganz neuen Bau- und Lebenskonzepten wie der "Green Plaza" in Peking: Vector Foiltec hat dort eine große Halle mit Foliendach errichtet, in der sich eine Shopping-Mall, ein Hotel, ein Apartmentblock und ein Bürogebäude befinden. "Dadurch, dass die Immobilie in einem geschützten Raum steht, kann man darunter mit viel preiswerteren Materialien arbeiten", sagt Schmidt. Kulissenarchitektur sei das, ergänzt Lehnert. "Da lassen sich auch ganze Dörfer hineinbauen.“

Mehr unter www.vector-foiltec.com

7.420 Zeichen, Autorin: Astrid Funck

Pressekontakt:

Vector Foiltec GmbH

Sabine Shaw

E-Mail: sabine.shaw[at]vector-foiltec.com

Erstellungsdatum: 25.11.2011