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Hanseatisch freizügig

Tugenden werden an der Bremer Rathausfassade durch menschliche Figuren symbolisiert: So streckt die nackte Enthaltsamkeit dem Betrachter ihren Po entgegen und hält dabei den Bremer Schlüssel empor. Foto: Thomas Joppig
Tugenden werden an der Bremer Rathausfassade durch menschliche Figuren symbolisiert: So streckt die nackte Enthaltsamkeit dem Betrachter ihren Po entgegen und hält dabei den Bremer Schlüssel empor. Foto: Thomas Joppig

Sie erzählt von Sternzeichen und Evangelisten, von Sex und Tugenden, von antiken Göttern und vom Widerstand gegen das Papsttum: 2012 wird die Fassade des Bremer Rathauses 400 Jahre alt. Sie beweist, dass das zum Unesco-Weltkulturerbe zählende Rathaus nicht nur ein altehrwürdiges Gebäude ist – sondern auch ein äußerst anekdotenreiches.

Wenn Bremer zeigen wollen, dass es sich in ihrer Stadt schon immer gut leben ließ, dann führen sie ihren Besuch gern vor die Rathausarkaden und erzählen die Geschichte von der Gründung Bremens. Über dem zweiten Bogen ist bei genauerem Hinsehen eine kleine Henne mit ihren Küken zu erkennen. Arme Fischer, so erzählt man sich, hatten die Glucke einst im Schutz einer Uferdüne an der Weser entdeckt, als sie eine neue Bleibe suchten. "Das ist ein guter, geschützter Platz, lassen wir uns nieder", sollen sie gesagt haben.

So schön klingt diese Anekdote, dass man sie am liebsten glauben möchte. In Wirklichkeit ist diese Geschichte eine Erzählung des Bremer Schriftstellers Friedrich Wagenfeld aus dem 19. Jahrhundert. Aber sie hat sich mittlerweile so verselbstständigt, dass selbst viele Bremer glauben, es handle sich hierbei um eine uralte Sage.

Die Baumeister der Rathausfassade hatten vor 400 Jahren allerdings anderes im Sinn, als sie die Henne in den Stein meißelten: Eine junge Frau hält ihren Arm um die Glucke und das Kükennest. "Hier geht es um wachenden Schutz", erklärt Bremens Landesdenkmalpfleger Professor Dr. Georg Skalecki. Das Relief symbolisiert eine von vielen Tugenden, die über den elf Rathausbögen dargestellt werden. "Da geht es um Gerechtigkeit, Treue, Hoffnung, Liebe, Weisheit oder Mäßigung", sagt der Denkmal-Experte. "Die Ratsherren wollten damit zeigen, dass sie ihre Entscheidungen auf einem großen Fundament von Werten treffen."

Die nackte Enthaltsamkeit

Langweilig sollte die Darstellung dieser Werte jedoch nicht daher kommen. Meist sind es junge attraktive Frauen, welche die einzelnen Tugenden und ihr Gegenteil repräsentieren. Die lockige Sanftmut zum Beispiel streichelt leicht bekleidet ein Lamm und sitzt dabei ganz gelassen auf der wilden Wut, dargestellt mit einer Löwenmähne. Die barbusige Geduld hat ein Kreuz im Arm. Und die nackte Enthaltsamkeit hält den Bremer Schlüssel empor, während sie sich vom Betrachter abwendet und ihm ihren wohlgeformten Po zeigt.

Auf dem Fries über den Arkaden werden die Reliefs noch etwas freizügiger. Dort sind vor allem Darstellungen der Sternzeichen sowie Gestalten der antiken Mythologie zu finden: Der bärtige Vulcan und die vollbusige Venus beim zärtlichen Liebesspiel etwa – oder Venus und Amor bei einem hingebungsvollen Kuss. Und in der Mitte der Fassade sind nicht nur die vier Evangelisten zu erkennen, sondern auch die vier Elemente. Die Luft ist ein durchtrainierter junger Mann mit Waschbrettbauch, durchwehtem Haar und Taube auf der Hand, die Erde eine nackte junge Frau mit modischer Hochsteckfrisur, die scheinbar bequem auf einem Berg von Kürbissen liegt. Dabei hält sie ganz lässig einen Spaten und einen riesigen Korb mit Früchten fest.

"Die Freizügigkeit der Darstellungen hatte mit dem neuen Selbstbewusstsein der Menschen in der Renaissance zu tun", sagt Skalecki. "Dennoch hätten viele Figuren damals als anstößig gegolten, hätte nicht jede von ihnen etwas symbolisiert. Es war den Ratsherren wichtig, zu zeigen, dass sie umfassend gebildet sind. Sie wollten deutlich machen, dass sie sich mit dem Christentum ebenso auskennen wie mit antiker Mythologie, mit Werten und mit Wissenschaft."

Als die prachtvolle Renaissance-Fassade unter der Leitung des renommierten Bildhauers und Stadtbaumeisters Lüder von Bentheim zwischen 1608 und 1612 entstand, war das ursprünglich im gotischen Stil erbaute Rathaus bereits gut 200 Jahre alt. "Ursprünglich war das Dach deutlich flacher. Auch der Vorsprung in der Mitte, entstand erst mit der neuen Fassade", sagt Skalecki. "Auf alten Stichen erkennt man, dass das Gebäude zuvor wie die spätmittelalterlichen Palazzi aussah, die noch heute in vielen Städten Italiens als Rathäuser dienen."

Auf den Kaiser kam es an

Eva Rogge erläutert bei Stadtführungen viele Details über das Bremer Rathaus und seine prachtvolle Renaissancefassade. Foto: Thomas Joppig
Eva Rogge erläutert bei Stadtführungen viele Details über das Bremer Rathaus und seine prachtvolle Renaissancefassade. Foto: Thomas Joppig

In der aufblühenden Renaissance war der vergleichsweise strenge gotische Stil jedoch aus der Mode gekommen. Zugleich war das Repräsentationsbedürfnis der Bremer gewachsen. Bremen war schon damals eine wichtige Handelsstadt und wollte endlich freie Reichsstadt werden, also unabhängig von Adel und Kirche. Doch dieses Privileg konnte nur der Kaiser der Stadt verleihen. "Umso wichtiger war es den Bremern, sein Vertrauen zu gewinnen", sagt Skalecki. Man wollte zwar selbstbewusst und gebildet auftreten, zugleich setzte man jedoch auf ein wenig Schmeichelei, um den Kaiser gnädig zu stimmen. So beließ man zwischen den Fenstern repräsentative Skulpturen, die schon lange vor der Renaissance-Fassade entstanden waren und die das Kaisertum und die Kurfürsten repräsentieren – wohl auch, um zu betonen, dass Bremen nur den Kaiser als Herrscher anerkannte.

Nur gut, dass die Herren nicht hören können, was Eva Rogge heute über sie erzählt. Sonst hätten sie sich die Sache mit der freien Reichsstadt, zu der Bremen 1646 wurde, sicher noch einmal gut überlegt: „Der Kaiser und die Kurfürsten haben im Vergleich zum großen Kopf einen relativ schmächtigen Körper“, verrät die Stadtführerin ihren Zuhörern gern. "Das war kein Versehen, sondern ein Trick der Bildhauer. Wenn man von unten zu den Figuren aufsah, sollten die Köpfe nicht so klein wirken." Sie weiß das so genau, weil es sich bei den Adelsskulpturen am Rathaus um Nachbildungen handelt. Die Originalfiguren sind heute im Focke-Museum, dem Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, ausgestellt. "Dort kann man dem Kaiser und den Kurfürsten auf Augenhöhe begegnen."

Seit 30 Jahren zeigt Eva Rogge Touristen die Stadt. "Die Pracht der Rathausfassade löst bei den Gästen jedes Mal Staunen aus", weiß sie. "Das Besondere an der Fassade ist die enorme Vielfalt an Figuren, Reliefs und Verzierungen", bestätigt Skalecki. "Dieser Reichtum verblüfft selbst Fachleute, wenn ich ihnen das Rathaus zeige."

Pracht und hanseatische Bescheidenheit

Man bräuchte viele Stunden und ein Fernglas, um all die Details zu erkennen, die in der Fassade eingemeißelt sind. So viel Zeit hat Eva Rogge auf ihren Rundgängen natürlich nicht und so muss sie sich auf einige wenige Besonderheiten konzentrieren. Welche das sind, entscheidet sie, wenn sie die Gruppe vor sich hat: Kunstinteressierten zeigt sie gern die Symbolik der Fassade. Gäste, die es weniger bildungsbürgerlich mögen, bekommen Anekdoten zu hören. Manche Touristen wundern sich, weshalb an der Fassade nicht auf Handel und Schifffahrt hingewiesen wird. Die Stadtführerin verweist dann auf den gegenüberliegenden Schütting, den traditionsreichen Sitz der Handelskammer. Andere sind erstaunt, dass nur die Frontseite des Rathauses in der Renaissance neu gestaltet wurde, während die Seitenwände im gotischen Stil blieben. "Das ist eben hanseatische Bescheidenheit", pflegt Eva Rogge dann zu sagen.

Bei katholischen Reisegruppen spart sie in jedem Fall das Relief über dem siebten Rathausbogen aus. Dort hält ein Mann eine Weltkugel mit einem Kreuz darauf in der linken Hand. Er steigt über den am Boden kriechenden Papst und entwendet diesem mit der Rechten sein Schwert. Der Pontifex ist als solcher unschwer zu erkennen. Er trägt eine Tiara auf dem Kopf – und den Papststab im Hintern. Ein symbolisches Aufbegehren gegen die katholische Kirche und ihren Machtanspruch. Knapp 100 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg hatte die Reformation also auch an der Bremer Rathausfassade ihre Spuren hinterlassen.

Seit 2004 gehört das Gebäude zusammen mit dem Roland zum Weltkulturerbe der Unesco. Seither ist das Interesse am Rathaus noch einmal deutlich gestiegen, weiß Maike Lucas, Sprecherin der Bremer Touristik-Zentrale. Wer wissen möchte, wie es im Inneren des Bauwerks aussieht, kann dafür bei der Touristik-Zentrale eine spezielle Führung buchen. Ein Angebot, das immer mehr Bremen-Besucher nutzen, seit das Gebäude auf der Welterbe-Liste steht: "2004 hatten wir rund 10.000 Gäste bei den Führungen, 2010 waren es doppelt so viele", sagt Lucas. "Für uns als Touristik-Zentrale ist es natürlich toll, dass das Bremer Rathaus von der Unesco nun auf derselben Liste geführt wird wie das Taj Mahal oder die Pyramiden von Gizeh."

Mehr unter www.rathaus.bremen.de

8.346 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Bremer Landesamt für Denkmalpflege

Professor Dr. Georg Skalecki

E-Mail: office[at]denkmalpflege.bremen.de

Bremer Touristik-Zentrale

Maike Lucas

E-Mail: lucas[at]bremen-tourism.de

Erstellungsdatum: 20.12.2011