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Kurzfassung: Hanseatisch freizügig

Tugenden werden an der Bremer Rathausfassade durch menschliche Figuren symbolisiert: So streckt die nackte Enthaltsamkeit dem Betrachter ihren Po entgegen und hält dabei den Bremer Schlüssel empor. Foto: Thomas Joppig
Tugenden werden an der Bremer Rathausfassade durch menschliche Figuren symbolisiert: So streckt die nackte Enthaltsamkeit dem Betrachter ihren Po entgegen und hält dabei den Bremer Schlüssel empor. Foto: Thomas Joppig

Sie erzählt von Sternzeichen und Evangelisten, von Sex und Tugenden, von antiken Meeresgöttern und vom Widerstand gegen das Papsttum: 2012 wird die Fassade des Bremer Rathauses 400 Jahre alt.

Wenn Bremer zeigen wollen, dass es sich in ihrer Stadt schon immer gut leben ließ, dann führen sie ihren Besuch gern vor die Rathausarkaden und erzählen die Geschichte von der Gründung Bremens. Über dem zweiten Bogen ist bei genauerem Hinsehen eine kleine Henne mit ihren Küken zu erkennen. Arme Fischer, so erzählt man sich, hatten die Glucke einst im Schutz einer Uferdüne an der Weser entdeckt, als sie eine neue Bleibe suchten. "Das ist ein guter, geschützter Platz, lassen wir uns nieder", sollen sie gesagt haben.

Die Baumeister der Rathausfassade hatten vor 400 Jahren allerdings anderes im Sinn, als sie die Henne in den Stein meißelten: Eine junge Frau hält ihren Arm um die Glucke und das Kükennest. "Hier geht es um wachenden Schutz", erklärt Bremens Landesdenkmalpfleger Professor Dr. Georg Skalecki. Das Relief symbolisiert eine von vielen Tugenden, die über den elf Rathausbögen dargestellt werden. "Da geht es um Gerechtigkeit, Treue, Hoffnung, Liebe, Weisheit oder Mäßigung", sagt der Denkmal-Experte. "Die Ratsherren wollten damit zeigen, dass sie ihre Entscheidungen auf einem großen Fundament von Werten treffen."

Langweilig sollte die Darstellung dieser Werte jedoch nicht daher kommen. Meist sind es junge attraktive Frauen, die die einzelnen Tugenden und ihr Gegenteil repräsentieren. Die lockige Sanftmut zum Beispiel streichelt leicht bekleidet ein Lamm und sitzt dabei ganz gelassen auf der wilden Wut mit der Löwenmähne. Und die nackte Enthaltsamkeit hält den Bremer Schlüssel empor, während sie sich vom Betrachter abwendet und ihm ihren wohlgeformten Po zeigt.

"Die Freizügigkeit der Darstellungen hatte auch mit dem neu gewonnen Selbstbewusstsein der Menschen in der Renaissance zu tun", sagt Landesdenkmalpfleger Skalecki. "Dennoch hätten viele Figuren damals sicher als anstößig gegolten, wenn nicht jede von ihnen etwas symbolisiert hätte."

Eva Rogge erläutert bei Stadtführungen viele Details über das Bremer Rathaus und seine prachtvolle Renaissancefassade. Foto: Thomas Joppig
Eva Rogge erläutert bei Stadtführungen viele Details über das Bremer Rathaus und seine prachtvolle Renaissancefassade. Foto: Thomas Joppig

Als die prachtvolle Fassade unter der Leitung des renommierten Bildhauers und Stadtbaumeisters Lüder von Bentheim zwischen 1608 und 1612 entstand, war das Repräsentationsbedürfnis der Bremer gewachsen. Bremen wollte endlich freie Reichsstadt werden. Doch dieses Privileg konnte nur der Kaiser der Stadt verleihen. "Umso wichtiger war es den Bremern, sein Vertrauen zu gewinnen", sagt Skalecki. "Man wollte selbstbewusst und zugleich gebildet auftreten – und die Fassade sollte genau diese Haltung symbolisieren."

Seit 30 Jahren zeigt Eva Rogge Touristen die Stadt. "Die Pracht der Rathausfassade löst bei den Gästen jedes Mal Staunen aus“, weiß sie. Auf ihren Rundgängen muss sie sich auf einige wenige Besonderheiten konzentrieren. Kunstinteressierten zeigt sie gern die Symbolik der Fassade. Gäste, die es weniger bildungsbürgerlich mögen, bekommen mehr Anekdoten zu hören. Bei katholischen Reisegruppen spart sie in jedem Fall das Relief über dem siebten Rathausbogen aus. Dort hält ein Mann eine Weltkugel mit einem Kreuz darauf in der linken Hand. Er steigt über den am Boden kriechenden Papst und entwendet diesem mit der Rechten sein Schwert. Der Pontifex ist als solcher unschwer zu erkennen. Er trägt eine Tiara auf dem Kopf – und den Papststab im Hintern. Ein symbolisches Aufbegehren gegen die katholische Kirche und ihren Machtanspruch.

Mehr unter www.rathaus.bremen.de

3.438 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Bremer Landesamt für Denkmalpflege

Professor Dr. Georg Skalecki

E-Mail: office[at]denkmalpflege.bremen.de

Bremer Touristik-Zentrale

Maike Lucas

E-Mail: lucas[at]bremen-tourism.de

Erstellungsdatum: 20.12.2011