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Aufbruch in der neuen Welt

Neue Räume für eine spannende Erlebnisausstellung: Der Erweiterungsbau des Deutschen Auswandererhauses beschäftigt sich mit Deutschland als Einwanderungsland. Bild: Deutsches Auswandererhaus
Neue Räume für eine spannende Erlebnisausstellung: Der Erweiterungsbau des Deutschen Auswandererhauses beschäftigt sich mit Deutschland als Einwanderungsland. Bild: Deutsches Auswandererhaus

Aufbrechen, auswandern, ankommen – aber was erwartet die Neubürger in ihrer neuen Welt? Im Erweiterungsbau, der demnächst eröffnet wird, gibt das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven Antworten auf neue Fragen.

Migration ist ein Wort, das im Deutschen Auswandererhaus nur selten zu hören ist, am ehesten noch in Zusammenhang mit Forschungsprojekten. Aber sonst klingt es viel zu sachlich für ein Thema, das doch in erster Linie durch persönliche Schicksale geprägt ist. Bald wird der Begriff aber wohl häufiger zu hören sein; denn er ist – seltsam genug – das einzige Wort in der deutschen Sprache, das Aus- und Einwandern, Aufbrechen und Ankommen in einem Ausdruck miteinander verbindet. Genau diese Verbindung wird das Haus ab dem 22. April 2012 herstellen. Dann eröffnet das Erlebnismuseum zur europäischen Auswanderungsgeschichte seinen Erweiterungsbau. Er ist Deutschland als Einwanderungsland gewidmet. "Auch dieses Mal werden wir authentische persönliche Schicksale in den Mittelpunkt einer erlebnisorientierten Schau stellen", sagt Museumsdirektorin Simone Eick.

Dass Aus- und Einwandern eigentlich untrennbar miteinander verbunden sind, war den Planern des Auswandererhauses rund um den Hamburger Architekten Andreas Heller schon klar, als sie im Jahr 2001 die ersten Skizzen für das neue Museum zeichneten. Doch damals waren politische und gesellschaftliche Diskussionen um das Thema "Wandern" eher durch Abgrenzung und Verlustängste geprägt, die sich in Begriffen wie Arbeitsmigrant, Wirtschaftsflüchtling, Asylbewerber und Einschleicher spiegelten. "Ich glaube, dass wir durch unsere Arbeit einen guten Beitrag zur Versachlichung der Debatte geleistet haben", meint Simone Eick, ohne deshalb unbescheiden zu wirken. Denn seit seiner Eröffnung 2005 führte das Auswandererhaus seinen mehr als 1,4 Millionen Besuchern deutlich vor Augen: Auswandern ist nichts, was man mal einfach so macht. Die Heimat zu verlassen, fällt schwer. Wer es dennoch tut, hat handfeste Gründe dafür. Und das Glück am Ende des langen Weges ist zunächst einmal nur eine Hoffnung, aber nicht garantiert.

Vom Bahnhof in das Leben

"Immer wieder fragen uns unsere Besucher: Wie geht es weiter?", sagt Simone Eick. Allein das sei schon Grund genug, sich mit weiteren Aspekten des Wanderungsthemas zu befassen. Mit dem Erweiterungsbau bekommt auch die Dauerausstellung im Haupthaus ein zusätzliches Kapitel. An einer weiteren Station, einer gänzlich neuen Inszenierung, werden die Besucher jenen Auswanderern begegnen, deren Lebensweg sie zuvor vom Aufbruch aus Europa in die Fremde bis zur Ankunft auf Ellis Island vor New York gefolgt sind. Jetzt geht es um die Frage: Was ist aus den Wanderern nach der Ankunft geworden? "Symbol für das Thema Ankommen ist für uns der Grand Central Terminal in New York", erläutert die Direktorin. Die Kulissenlandschaft werde ähnlich beeindruckend wie die riesige Schiffswand und Kajenlandschaft, mit der das Thema Aufbruch und Überfahrt beginnt, verspricht sie. Die Überzeugung, etwas buchstäblich Großartiges zu schaffen, war auf jeden Fall Motivation genug, dafür das museumseigene Kino abzureißen und in den Erweiterungsbau zu verlegen. Passend zum Haus, dessen Exponate größtenteils aus dem privaten Besitz von Auswanderer-Nachfahren stammen, ist ein Gestaltungsdetail, das einer längst vergangenen Zeit entlehnt ist: "Wir setzen ein richtig klassisches Diorama ein", freut sich die Museumsdirektorin darüber, dem Trend zu ausgefeilter Ausstellungselektronik ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Aus dem zentralen New Yorker Bahnhof heraus können die Besucher den weiteren Schicksalsweg der Protagonisten verfolgen. Wie auf Schienen führt dieser Weg nahezu zwangsläufig in Situationen, deren Bezeichnung zu den besonderen Reizworten jeder aufgeregten Wanderungsdiskussion zählt: Integration. Haben sich die deutschen Einwandern tatsächlich in ihre neue Heimat gefügt? Und wurden sie von den zur Multikulti-Nation glorifizierten Amerikanern tatsächlich mit offenen Armen empfangen? "Viele Deutsche haben sich über lange Zeit abgegrenzt, eigene Schulen betrieben und auch kaum Sprachkenntnisse erworben. Andererseits hatten die protestantischen Amerikaner große Vorbehalte vor allem gegenüber katholischen Zuwanderern aus Irland und aus Deutschland", weiß Simone Eick.

Deutschland und die Einwanderung

Überraschende Fakten aus dem Deutschen Auswandererhaus: Italienische Einwanderer verkauften in Deutschland bereits Ende des 19. Jahrhunderts Eis. Hier zu sehen: Primo Olivier, um 1909 in Süddeutschland. Foto: Sammlung Deutsches Auswandererhaus/ Leihgabe Nino Olivier
Überraschende Fakten aus dem Deutschen Auswandererhaus: Italienische Einwanderer verkauften in Deutschland bereits Ende des 19. Jahrhunderts Eis. Hier zu sehen: Primo Olivier, um 1909 in Süddeutschland. Foto: Sammlung Deutsches Auswandererhaus/ Leihgabe Nino Olivier

Spätestens an dieser Stelle drängt sich die Frage auf: Wie verhält es sich eigentlich in Deutschland mit dem Thema Einwanderung? Die Antworten wird es in dem Erweiterungsbau geben, den der Bund und das Land Bremen jeweils mit zwei Millionen Euro und die privaten Museumsbetreiber mit 500.000 Euro finanzieren. Die Stadt Bremerhaven steuert das Grundstück bei. Was genau in dem Bauwerk zu sehen sein wird, ist noch geheim. Simone Eick kann zwar mit ansteckender Begeisterung von ihrem Haus und dessen zentralen Themen sprechen, bei der Frage nach dramaturgischen Details schweigt sie jedoch freundlich: "Am besten ist es, sich dies nach der Eröffnung selbst anzuschauen."

Die zentrale Botschaft der neuen Dauerausstellung lautet: Deutschland ist ein Einwanderungsland, und zwar nicht erst, seitdem "Gastarbeiter" tatkräftig das Wirtschaftswunder mitgestalteten. "Wir müssen ja nicht unbedingt bis zur Völkerwanderung zurückgehen", meint die Museumsdirektorin, "aber Ein- und Auswanderung sind in diesem Land immer selbstverständlich gewesen." Immerhin ist das heutige Deutschland von acht Ländern umgeben und damit ein Transitland, dessen Vorgänger immer in wechselvollen – allerdings nicht immer guten – Beziehungen zu den Nachbarn stand.

Für seine neue Ausstellung geht das Team des Auswandererhauses 300 Jahre in der deutschen Geschichte zurück und widmet das erste Kapitel im Neubau den Hugenotten. In Brandenburg-Preußen fanden rund 20.000 protestantische Flüchtlinge aus Frankreich ein neues Zuhause. In Berlin hinterließen sie mit dem Französischen Dom und dem angrenzenden Quartier rund um den Gendarmenmarkt Spuren, die bis heute die Stadt prägen. An solchen Beispielen zeigt das Bremerhavener Museum, dass Aus- und Einwandern nicht nur persönliche, sondern auch prägende kulturelle Aspekte für das jeweilige Zielland hat.

Ganz nebenbei werden die Besucher dann auch spannenden Fakten darüber begegnen, wie Einwanderer ihren Alltag prägen – mit teilweise überraschenden Detailinformationen: "Italienisches Eis ist nicht erst mit den 'Gastarbeitern' der 50er und 60er-Jahre zu uns gekommen", erzählt Simone Eick. Tatsächlich kamen die ersten Eisverkäufer bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Das zeigt das Deutsche Auswandererhaus am Beispiel einer Familie, die aus Norditalien nach Sachsen zog und dort mit dem Eisverkauf aus einem Handwagen begann. Mehrfach wanderte die Familie zwischen ihrer alten und neuen Heimat hin und her. Ihr Beispiel dokumentiert ganze Epochen deutscher und europäischer Geschichte bis hin zu den Wirtschaftswunderjahren.

Natürlich spielen in der neuen Ausstellung nicht nur historische, sondern auch aktuelle Aspekte eine wesentliche Rolle. Wie fühlen sich Menschen, die "mit Migrationshintergrund" in Deutschland leben? Welches Land ist ihre Heimat – das Herkunftsland oder der Aufenthaltsort? Behutsam nähert sich das Auswandererhaus solchen Themen, die immer noch viel gesellschaftlichen Diskussionsstoff bergen, auch wenn sich die Debatten nach Beobachtung von Simone Eick deutlich entspannt haben. Einzelne Themen werden darüber hinaus in vertiefenden Sonderausstellungen aufgegriffen, beispielsweise die Herkunft von Fremdenfeindlichkeit.

Bei aller wissenschaftlichen Distanz, die das Museum zu der politischen Dimension des Einwandererthemas bewahrt, ist das Team um Simone Eick doch mit viel Gefühl und persönlichem Engagement bei der Sache. Kein Wunder, denn das Auswandererhaus ist ein Stück gelebtes Einwanderungsland: "Hier arbeiten Menschen aus elf Nationen", sagt Simone Eick. Sie alle sind lebendiges Zeugnis für die Überzeugung der Museumsdirektorin: "Familienübergreifende Sesshaftigkeit gehört in der heutigen Gesellschaft eher zu den Ausnahmen." Das neue Museum will den Beweis dafür antreten.

Mehr unter www.dah-bremerhaven.de

8.084 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

Deutsches Auswandererhaus

E-Mail: presse[at]dah-bremerhaven.de

Erstellungsdatum: 20.03.2012