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Der nächste Messi

Uwe Harttgen sorgt als Leiter des Nachwuchsleistungs-zentrums von Werder Bremen gemeinsam mit der Uni Bremen dafür, dass psychologisches Wissen in die DFB-Trainerausbildung einfließt. Foto: SV Werder Bremen
Uwe Harttgen sorgt als Leiter des Nachwuchsleistungs-zentrums von Werder Bremen gemeinsam mit der Uni Bremen dafür, dass psychologisches Wissen in die DFB-Trainerausbildung einfließt. Foto: SV Werder Bremen

Nicht nur Top-Technik, sondern auch Persönlichkeiten entwickeln: So sieht eine optimale Talentförderung im Fußball aus, meint Ex-Profi Dr. Uwe Harttgen. Deshalb sorgt der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums von Werder Bremen mit der Uni Bremen dafür, dass psychologisches Wissen in die DFB-Trainerausbildung einfließt.

Die Tendenz im Millionengeschäft Fußball ist seit Jahren klar: Der Wettstreit um viel versprechende Talente wird immer größer. Immer jünger werden die Nachwuchskicker, die von Vereinen entdeckt und in die eigene Talentschmiede aufgenommen werden – in der Hoffnung, einen Bundesligaprofi von morgen dabei zu haben. Erwartungen und Leistungsanforderungen sind immens gestiegen.

So hat der Alltag eines 15-Jährigen, der in einem Nachwuchsleistungszentrum eines Bundesligisten ist, wohl nur noch wenig gemein mit dem eines Gleichaltrigen: Schule und Hausaufgaben ja, doch für das Fußballtalent, das auf der Sportschule bereits am Morgen die erste Trainingseinheit absolviert hat, geht es am Nachmittag auf dem Platz weiter. Hier gilt es, den Trainer täglich von sich zu überzeugen; kontinuierlich daran zu arbeiten, irgendwann eine Chance im Profikader zu erhalten. Es bleibt wenig Freizeit und Zeit für Freundschaften jenseits des Fußballs, meist steht schon der erste Karriereberater vor der Tür. All das nehmen die jungen Leute in Kauf für den großen Traum von der Bundesliga.

"Wir bauen Module so auf, dass der Weg dahin führen kann", beschreibt Dr. Uwe Harttgen die Rolle der Vereine. Seit Jahren begleitet er als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums bei Werder Bremen die jungen Talente, sieht die Leistungs- und Disziplinanforderungen – und zugleich die Vereine vor einer großen Aufgabe. "Im Nachwuchsleistungszentrum gibt es die anspruchsvolle Situation, die soziale, persönliche und sportliche Entwicklung der Talente voranzutreiben", sagt Uwe Harttgen.

Ungenutzte Ressourcen in der Persönlichkeitsentwicklung

Wie gehen Nachwuchsfußballer mit Leistungsanforderungen um, welche Erwartungen haben sie? Diese Frage hatte Harttgen schon vor Jahren zum Inhalt seiner Doktorarbeit in Psychologie gemacht, die er nebenher an der Universität Bremen schrieb. Längst ist aus der Studie ein Kooperationsprojekt zwischen Werder Bremen und dem Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen gewachsen, das sich mittlerweile in der dritten Förderung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) befindet. Thema der derzeitigen Studie: "Psychologische und gesundheitliche Leistungsförderung für jugendliche Fußballtalente". Denn bei der – in vielerlei Hinsicht ausgereiften – Talentförderung in Deutschland sieht der 47-Jährige vor allem in einem Bereich ungenutzte Ressourcen: in der Persönlichkeitsentwicklung. "Wir wollen Leistung entwickeln, vernachlässigen oft aber viele Parameter."

Ein Ziel der aktuellen Forschung ist, Wissen aus Entwicklungspsychologie und Stressforschung für die Ausbildung von Talenten nutzbar zu machen. Die ersten Module zur Persönlichkeitsentwicklung sind jetzt in den Lehrplan der DFB-Trainerausbildung aufgenommen worden; sowohl bei den Verbandslehrern als auch angehenden B- und A-Lizenz-Trainern.

Trainerausbildung greift Persönlichkeitsentwicklung auf

Bernd Stöber ist beim DFB mit der Umsetzung betraut und erklärt: "Es geht darum, das Geschehen im alltäglichen Training auch unter pädagogischen Gesichtspunkten zu betrachten und Trainern Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die Entwicklung der Persönlichkeit ein Nebenprodukt des Trainings sein kann." Zum Beispiel kann das heißen, die klassische Trainingseinheit "Sechs gegen Sechs" nicht nur als Übung von Passspiel, Ausdauer und Freilaufen zu nutzen. Stattdessen kann dabei gleichzeitig das Übernehmen von Verantwortung, von Rollen im Team geübt werden. Dazu werden Spielsituationen so angelegt, dass Spieler eigene Lösungen entwickeln müssen, um ihre Aufgabenstellung zu erfüllen. „Das ist schon mal ein Anfang", sagt Bernd Stöber. "Fußball kann nicht die Aufgaben übernehmen, die das Leben stellt, aber wir können unseren Teil dazu beitragen, Fußballer zu eigenständigen Persönlichkeiten zu erziehen." Angesichts der stetig gestiegenen Leistungsanforderungen an Talente ist er sich sicher: "Uns wird diese Thematik noch langfristig begleiten."

Der DFB verpflichtet seit Anfang 2000 alle Lizenzvereine der 1. und 2. Bundesliga dazu, Nachwuchsleistungszentren zu betreiben. Das sollte die Nachwuchsarbeit flächendeckend ankurbeln und ist inzwischen erfolgreich geschehen. "Es war klar, dass die Belastung und Beanspruchung für Talente steigen würde. Uns war deshalb wichtig, das genauer zu beobachten", erläutert Ulf Schott, DFB-Abteilungsleiter Talentförderung, das fortdauernde Interesse des Sportverbands an der Forschung der Bremer. Auch die aktuelle Studie setzt für ihn an einem elementaren Punkt an: "Die Entwicklung der Persönlichkeit ist wichtig und muss sich auch im alltäglichen Training widerspiegeln. Es ist ein Fehler, wenn das Selbstvertrauen nur auf der Säule Fußball basiert", so Schott. "Wenn es mal nicht so läuft oder der Spieler verletzt ist, wird es schwierig. Das ist die soziale Verpflichtung, die wir den Kindern und Jugendlichen gegenüber haben. Gleichzeitig hat es natürlich auch eine leistungsoptimierende Funktion."

Harttgen: "Leistungsentwicklung wird nie linear verlaufen"

In seinen Vorträgen vor Fußballtrainern betont Harttgen immer wieder: "Der wichtigste Punkt ist: Der Aufbau der Identität findet in der Jugend statt." Diese Erkenntnis kann der Leistungsoptimierung dienen und Fehleinschätzungen und falsche Beanspruchung eines jugendlichen Kickers schützen. "Man muss berücksichtigen, in welcher Phase sich ein Jugendlicher befindet. Es gibt Zeiten, in denen er gar nicht in der Lage ist, etwas aufzunehmen", erläutert Harttgen. "Das sollten Trainer berücksichtigen. Wir wollen sie dafür sensibilisieren."

Gemeinsam mit Professor Dietrich Milles von der Uni Bremen und Kollegen hält Werders promovierter Ex-Profi bundesweit Vorträge. Das Interesse ist da, doch der Blick auf die "weichen Faktoren" stößt im Leistungsfußball auch auf Grenzen; nicht jeder Fußballtrainer ist schließlich für seine Kommunikationsfreudigkeit bekannt. "Es ist wie mit allem Neuen: Es braucht seine Zeit", sagt Harttgen. "Die Auseinandersetzung ist anstrengend, aber wir dürfen nicht aufhören, sie zu führen. Leistungsentwicklung wird nie linear verlaufen." Nicht umsonst spricht der 47-Jährige vorzugsweise von "komplexer Talentförderung".

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6.434 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

SV Werder Bremen

Mediendirektor Tino Polster

E-Mail: tino.polster[at]werder.de

Erstellungsdatum: 21.05.2012