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Bananen zu Biokohle

Bei der Grünabfallkompostierung der Firma Nehlsen in Bremen entsteht Blumenerde oder Struktur- bzw. Feinkompost. Foto: Nehlsen AG
Bei der Grünabfallkompostierung der Firma Nehlsen in Bremen entsteht Blumenerde oder Struktur- bzw. Feinkompost. Foto: Nehlsen AG

Biomüll ist viel zu wertvoll, um ihn ausschließlich in Kompostierungsanlagen verrotten zu lassen. Wie sich Reststoffe aus der Lebensmittelindustrie als Rohstoff- oder Energiequelle nutzen lassen, ist Thema eines Forschungsvorhabens und Unternehmensnetzwerkes des Technologie-Transferzentrums ttz Bremerhaven.

Überall wo Lebensmittel verarbeitet werden, bleibt am Ende der Produktionskette etwas übrig. Was in der privaten Küche schnell mal einen ganzen Mülleimer füllt, wächst in der Nahrungsmittelindustrie zu Tausenden Tonnen heran. Anders als im bunt gemischten Biomüll aus dem privaten Haushalt handelt es sich bei den Abfällen aus der industriellen Produktion zumeist um sortenreine Reststoffe. "Eigentlich viel zu schade, um es einfach zu entsorgen", meint Alexander Schank, Teamleiter am Technologie-Transfer-Zentrum ttz Bremerhaven. "Dennoch wird dieser Müll für viel Geld entsorgt und meist in der Müllverbrennung verfeuert." Dabei gibt es eine Alternative: Bio-Recycling – die gezielte Nutzung von Bioabfällen für die Rohstoff- und Energiegewinnung ist das zentrale Thema eines Forschungsvorhabens und Unternehmensnetzwerkes, das von Bremerhaven aus deutschlandweit gesteuert wird.

So ganz neu sieht die Idee hinter dem ttz-Projekt auf den ersten Blick nicht aus. Schließlich wird in vielen Kommunen Biomüll bereits seit Jahren gesammelt und zumeist zu Kompost verarbeitet. Zudem wächst die Zahl der Biogas-Kraftwerke rasant, in denen Methan aus dem Zersetzungsprozess von biogenen Reststoffen zur Stromerzeugung genutzt wird. "Über diesen Ansatz hinaus kann man mit Biomüll aber noch viel mehr anfangen", ist Schank überzeugt: "Mit dem passenden Verfahren lassen sich beispielsweise Inhaltsstoffe extrahieren und als Rohstoff nutzen." Aus dem Trester, der beim Auspressen von Oliven übrig bleibt, lasse sich beispielsweise ein Stoff für die Ledergerbung gewinnen, der gegenüber chemischen Produkten den Vorteil hat, biologisch abbaubar zu sein.

13 Institutionen – ein Ziel

Die Abfälle aus der Biotonne landen in der Nehlsen AG in einer geschlossenen Bioabfallkompostierungsanlage. Dort entsteht Frischkompost, der in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Foto: Nehlsen AG
Die Abfälle aus der Biotonne landen in der Nehlsen AG in einer geschlossenen Bioabfallkompostierungsanlage. Dort entsteht Frischkompost, der in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Foto: Nehlsen AG

Was einleuchtend klingt und deshalb als leicht realisierbar erscheint, bringt jedoch gleich mehrere Herausforderungen mit sich: "Zunächst muss man wissen, wo welche Reststoffe anfallen. Dann muss man die Verfahren kennen oder entwickeln, um aus dem Reststoff einen Wertstoff zu machen. Und schließlich muss man Interessenten finden, die das Material verwenden können und wollen", erläutert Schank. Um praktische Erfahrungen und Lösungen für diese Herausforderungen zu finden, hat das TTZ in einem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Modell- und Forschungsvorhaben gemeinsam mit 13 Unternehmen und Verbänden das "Biores-Netzwerk" gegründet, das jetzt auch einen internet-basierten Marktplatz für den Handel mit Sekundärroh- und -wertstoffen betreibt.

Einer der Partner dieses Netzwerkes ist das Bremer Entsorgungsunternehmen Nehlsen, das zu den zehn Großen dieser Branche in Deutschland zählt. Nehlsen betreibt bereits an mehreren seiner 80 Standorte Anlagen, in denen Biomüll und Grünabfall zu Frisch- und Trockenkompost verarbeitet wird. Zugleich verfügt das Unternehmen über große Erfahrung im Umgang mit sogenannten Reststoff-Strömen – das heißt mit dem Einsammeln, Sortieren, Trennen und Verwerten von recyclingfähigem nicht-biologischem Material aus der industriellen Produktion sowie aus der Hausmüll-Sammlung.

Die Bremer Entsorger gehören zu den Vorreitern und Verfechtern von Strategien, die die Abfallbeseitigung mit praktiziertem Umweltschutz verbinden – mit der Initiative ProKlima beispielsweise will das Unternehmen neue Verfahren und Produkte entwickeln, die Energie sparen, erzeugen oder effizienter nutzen und so zum Klimaschutz beitragen. "Treibende Kraft dabei ist nicht nur unser Umweltbewusstsein", meint Nehlsen-Geschäftsführer Hans-Dieter Wilcken. "Mit Hilfe energiesparender Technologien und durch die bessere Verwertung von Reststoffen können Firmen ihre Kosten erheblich reduzieren." In Sachen Bio-Recycling sieht Wilcken zudem in naher Zukunft erheblichen Handlungsdruck entstehen, der verstärkte Verwertungsstrategien für Biomüll erfordert – das gerade in Kraft getretene neue Kreislaufwirtschaftsgesetz schreibt ab 2015 vor, Bio-Abfälle aus Privathaushalten getrennt vom übrigen Müll zu sammeln. "Das führt zwangsläufig zu einem erhöhten Anfall von Biomasse und verstärkt den Zwang zum Recyceln", so Wilcken.

Leuchtturmprojekte in Arbeit

Die bessere Verwertung von Biomüll ist für Alexander Schank aber nicht nur eine Konsequenz aus den bestehenden oder neuen gesetzlichen Vorgaben. "Biomüll ist eine wichtige Ressource für den Einsatz von Biomasse in der Energiegewinnung. Die Industrie kann erheblich Rohstoff-, Produktions- und Entsorgungskosten sparen", meint Schank. Um neuen Recyclingmöglichkeiten den Weg zu ebnen, konzentriert sich das Biores-Netzwerk zur Zeit auf drei Leuchtturmprojekte. Das erste beschäftigt sich mit der Wiedernutzung von Produktionsrückständen aus der Lebensmittelindustrie: "Hier geht es sowohl um Verfahren, die Rohstoffe extrahieren als auch um die Verwendungsmöglichkeiten sowie die anschließende optimale thermische Nutzung der nicht verwertbaren Abfälle", erläutert Schank. Kurz gesagt: Es geht darum, das Wertvolle so gut wie möglich und den verbleibenden Rest optimal zur Energiegewinnung zu nutzen.

Das zweite Leuchtturmprojekt befasst sich mit der optimierten Verwertung von biogenen Abfällen, wie sie beispielsweise von Nehlsen eingesammelt werden. Die Bremer Phytolutions GmbH – sie gehört ebenfalls zum Netzwerk – nutzt organische Reststoffe und Kohlendioxid aus Bioreaktoren zur Produktion von Algen, die wiederum Rohstoffe für die chemische Industrie, für Medikamente oder Fette und Öle liefern. Im Mittelpunkt des dritten Leuchtturmprojektes steht die Frage, wie landwirtschaftliche Produkte vielfältiger genutzt werden können. Bei dieser sogenannten Kaskadennutzung geht es darum, Grünschnitt aus der Landschaftspflege mit Hilfe von Biokohle zu hochwertigem Bodenzusatz zu veredeln oder Bio-Brennstoff-Pellets herzustellen: "Der am Ende verbleibende Rest kann dann zur Wäremeerzeugung in Strohvergasern eingesetzt werden und so Landwirte unabhängig vom Heizöl machen", ist Schank überzeugt.

Mehr unter www.ttz-bremerhaven.de und www.biores-netzwerk.de

6.168 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

TTZ Bremerhaven

Christian Colmer

E-Mail: CColmer[at]ttz-bremerhaven.de

Nehlsen AG

Michael Drost

E-Mail: michael.drost[at]nehlsen.com

Erstellungsdatum: 18.06.2012