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Mit Satelliten auf Höhenflug

Integration eines SAR-Lupe-Satelliten bei OHB in Bremen. Der Bau des satellitengestützten Radarsystems SAR-Lupe bedeutete 2001 den Durchbruch für OHB in der Raumfahrttechnikbranche. Foto: OHB AG
Integration eines SAR-Lupe-Satelliten bei OHB in Bremen. Der Bau des satellitengestützten Radarsystems SAR-Lupe bedeutete 2001 den Durchbruch für OHB in der Raumfahrttechnikbranche. Foto: OHB AG

Vom kleinen Werkstattbetrieb für Wagenheber zum international gefragten Hersteller von Raumfahrttechnik: Die Entwicklung des Bremer Unternehmens OHB AG gehört zu den spannendsten Erfolgsgeschichten der Branche.

Wenn OHB-Vorstandschef Marco R. Fuchs über die Perspektiven seines Unternehmens spricht, dann macht er es gern so wie die Satelliten seiner Firma: Er beobachtet weltweite Entwicklungen zunächst einmal mit einem gewissen Abstand, denn erst aus der Distanz werden manche Zusammenhänge deutlich. Satellitentechnik ist ein Zukunftsmarkt – davon ist der 49-Jährige fest überzeugt. Und als größten Motor dieses Trends sieht er die Globalisierung: "Je mehr Verflechtungen es auf der Welt gibt, desto größer wird der Bedarf an globalen Informationen. Und Satelliten liefern diese Informationen."

Ob Bilder von Umweltentwicklungen oder Unwettern, TV-Signale oder Standortinformationen fürs Navi: Satelliten sind zu schwebenden Dienstleistern geworden. Und Marco R. Fuchs glaubt, dass diese Entwicklung ihren Höhepunkt noch längst nicht erreicht hat. "Die Satelliten werden dank leistungsfähiger Technologien immer kleiner und kompakter. Und sie liefern immer detailliertere Bilder."

In naher Zukunft, so glaubt er, werden Satelliten Bilder der Erde übertragen, die so genau sind, dass man jeden gefällten Baum darauf erkennen kann. Und sie könnten mit präzisen Informationen dabei helfen, intelligente Verkehrskonzepte zu entwickeln. "Es besteht jedenfalls kein Grund, anzunehmen, jetzt sei schon alles erfunden. Das hat man in den USA vor 100 Jahren auch schon mal geglaubt und wollte schon das Patentamt abschaffen. Heute weiß man: Das wäre ein Fehler gewesen", sagt Fuchs und lacht.

Der Firmenchef strahlt Zuversicht aus und er hat Grund dazu: Sein Unternehmen wächst rasant und macht dabei sogar großen Mitbewerbern Konkurrenz. So hat OHB im Februar einen 250 Millionen Euro schweren EU-Auftrag gewonnen: Das Unternehmen soll weitere acht Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo bauen, das die EU als leistungsfähigere Alternative zum US-amerikanischen GPS etablieren will. Für OHB ist es der dritte Riesenauftrag in Folge. Erst zwei Jahre zuvor war die Bremer Firma damit beauftragt worden, 14 Galileo-Satelliten im Wert von 566 Millionen Euro herzustellen. Wenige Monate später folgte der Auftrag der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA, sechs neue Meteosat-Wettersatelliten zu fertigen. Auftragswert: 750 Millionen Euro.

In den vergangenen zwei Jahren hat das Unternehmen denn auch die Zahl seiner Mitarbeiter am Standort Bremen von 300 auf 450 erhöht. Zählt man außerdem die Tochterfirmen im In- und Ausland hinzu, die der OHB AG ganz oder mehrheitlich gehören, kommt man mittlerweile auf insgesamt 2.400 Mitarbeiter, die OHB im Bereich Luft- und Raumfahrttechnik beschäftigt.

Die Vorbereitung der ESA-Projekte ist aufwendig: In Bremen werden die Satelliten zwar geplant und zusammengebaut, ihre Einzelteile kommen jedoch aus verschiedenen ESA-Mitgliedsstaaten. Wie viel OHB aus welchem Land bestellen darf, ist genau festgelegt: Je stärker sich ein EU-Staat an einen gemeinsamen Raumfahrtprojekt beteiligt, desto mehr Geld soll auch in Form von Aufträgen ins Land zurückfließen. Neben diesen europäischen Gemeinschaftsprojekten arbeitet OHB jedoch auch im Auftrag der Privatwirtschaft. So baut das Unternehmen zum Beispiel im Auftrag des spanischen Satellitenbetreibers Hispasat einen neuen Kommunikationssatelliten, der TV- und Mobilfunksignale überträgt.

Millimetergenaue Arbeit

Animation dreier Galileo FOC-Satelliten, die OHB für das europäische Navigationssystem Galileo baut. Foto: OHB AG
Animation dreier Galileo FOC-Satelliten, die OHB für das europäische Navigationssystem Galileo baut. Foto: OHB AG

Die Satellitenbauer arbeiten in Hallen, die nur mit steriler Laborkleidung betreten werden dürfen – darunter ein ganz neuer Reinraum von 1.500 Quadratmetern mit Namen "Galileo", der erst im Mai dieses Jahres in Betrieb genommen wurde. Schmutz könnte die empfindlichen Bauteile schädigen, die hier in millimetergenauer Arbeit installiert werden, bevor eine robuste Metallummantelung den Satelliten reif für den Flug ins All macht. Denn so filigran die einzelnen Bauteile auch sind, so robust muss der Satellit am Ende als Ganzes sein, damit er in bis zu 36.000 Kilometern Höhe gegen Meteoriten oder umher fliegenden Weltraumschrott gewappnet ist. Eine Arbeit, für die man eine Menge Vorwissen braucht – und so sind in den großen Fertigungshallen fast nur studierte Ingenieure und Maschinenbauer am Werk.

Wer ihnen bei ihrer Arbeit zusieht, kann sich nur schwer vorstellen, dass die Firmengeschichte von OHB mit nur fünf Angestellten in einer kleinen Werkstatt im Bremer Ortsteil Hemelingen begonnen hat. Rückblende auf das Jahr 1981: Christa Fuchs, die Mutter von Marco R. Fuchs, sucht eine neue Herausforderung. Ihre Kinder sind aus dem Haus – und die gelernte Kauffrau fühlt sich zu jung und tatendurstig, um sich ausschließlich auf den Haushalt zu konzentrieren. Sie will wieder arbeiten – am liebsten selbstständig. Auf eine bestimmte Branche hat sie sich dabei nicht festgelegt. Rückblickend sagt sie heute: "Ich hätte mir auch gut vorstellen können, einen Wollladen zu eröffnen."
Doch es soll anders kommen: Die Betreiber der Firma Otto Hydraulik Bremen stehen kurz vor dem Rentenalter und suchen einen Nachfolger. Der kleine Betrieb hat sich auf die Reparatur von Wagenhebern für die Bundeswehr spezialisiert. Für Christa Fuchs, Tochter eines Maschinenfabrikanten, ist das kein gänzlich unbekanntes Terrain und so entscheidet sie sich, die Firma zu übernehmen. Vier Jahre später packt auch ihren Mann Manfred der Unternehmerehrgeiz. Der Raumfahrtingenieur entschließt sich, die Sicherheit seiner Festanstellung hinter sich zu lassen und in die Firma seiner Frau zu wechseln. Gegen den aktuellen Trend will er Raumfahrtsysteme kleiner und kostengünstiger entwickeln.

Kleine Aufträge, große Wirkung

Gemeinsam mit den Mitarbeitern der Firma beginnt er, Forschungskapseln für Weltraumexperimente zu bauen. Kleine Aufträge, die der Firma aber den Ruf eintragen, ein zuverlässiger und kostenbewusster Lieferant für Raumfahrttechnik zu sein. Die Aufträge werden größer, das Unternehmen wächst und bezieht 1988 den heutigen Firmenstandort in der Nähe der Bremer Uni. 1995 gibt Marco R. Fuchs seinen Job als Anwalt in den USA auf und steigt in das Unternehmen der Eltern ein.

Das Jahr 2001 bringt OHB den Durchbruch. Die Bundeswehr hat einen Großauftrag zu vergeben: Es geht um den Bau des satellitengestützten Radarsystems SAR-Lupe. OHB bewirbt sich und gewinnt die Ausschreibung gegen die Konkurrenz von Großunternehmen. Der Auftragswert: 320 Millionen Euro. Branchenkenner sind verblüfft: Wie kann es sein, dass ein relativ unbekanntes Unternehmen einen Auftrag gewinnt, der finanziell ein Vielfaches so groß ist wie sein Jahresumsatz?

Vom Außenseiter zum Titelverteidiger

"Viele waren damals skeptisch, als wir diesen Auftrag an Land gezogen haben", erinnert sich Marco R. Fuchs. "Erst fünf Jahre später, als die ersten Radarsatelliten planmäßig ins All geschossen wurden und auch von Anfang an funktionierten, wuchs der Respekt." 2013 wird der Auftrag für eine neue Generation SAR-Lupe-Satelliten ausgeschrieben – und OHB will sich wieder bewerben: "Für uns ist das natürlich eine andere Ausgangssituation als 2001", sagt Fuchs. "Damals waren wir Außenseiter, jetzt sind wir Titelverteidiger."

Seine familiären Strukturen hat OHB behalten. Christa und Manfred Fuchs arbeiten bis heute im Unternehmen mit – und das findet ihr Sohn auch gut so. "Sie erden das Ganze", sagt er. "Wir wollen an den Prinzipien festhalten, die uns groß gemacht haben: Flexibilität, überschaubare Strukturen und kurze Entscheidungswege. Das war damals mit fünf Mitarbeitern genauso wichtig wie heute mit 450. Vom Selbstverständnis her sind wir noch immer ein Familienbetrieb."

Mehr unter www.ohb.de

7.673 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

OHB AG

Steffen Leuthold

E-Mail: steffen.leuthold[at]ohb.de

Erstellungsdatum: 18.06.2012