Sie sind hier:

Jeans oder Oberhemd?

Die Bremer Baumwollbörse ist das weltweite Zentrum für Baumwollprüfung – eine hanseatische Institution. Foto: Baumwollbörse
Die Bremer Baumwollbörse ist das weltweite Zentrum für Baumwollprüfung – eine hanseatische Institution. Foto: Baumwollbörse

Im Allerheiligsten der Baumwollprüfer: Die Bremer Baumwollbörse ist das weltweite Zentrum für Baumwollprüfung, eine hanseatische Institution – und verantwortlich für die "Bremen Rules". Im Oktober wird dieses „Grundgesetz“ der Branche 140 Jahre alt.

Baumwollbörse, Raumnummer 400A: Karsten Fröse fixiert ein Büschel Baumwolle zwischen Daumen und Zeigefingern beider Hände. Er schaut nach Flecken und Verschmutzungen, überprüft den Farbton, misst die Fasern mit Hilfe einer Längenskala. "Das wäre jetzt eine eins Punkt drei zweiundreißigstel Inch", sagt der 53-Jährige. Knapp unter 28 Millimeter, mittlere Faserlänge – für Jeans ginge das in Ordnung. Ein Garn, aus dem ein hochklassiges Oberhemd gefertigt werden soll, erfordere allerdings deutlich feinere und längere Fasern.

Fröse ist beeidigter Klassierer in der Baumwollbörse, einer der letzten seiner Zunft. Früher standen solche Handklassierer reihenweise hier und in den Häfen, als in Bremen noch Baumwollballen aus Übersee in Millionenzahl an Land kamen und als es die instrumentelle Faserprüfung nicht gab. Besonders in der Mitte des Baumwolljahrs, im Winter, brummte ihr Geschäft.

Der Raum, in dem Karsten Fröse steht, nennt sich Arbitrageraum. Mit seinem künstlichen Tageslicht und dem mattschwarzen Boden befindet sich nicht einfach irgendwo in Bremen. Die Baumwollbörse hat ihren Platz im Herzen der Stadt, einen Steinwurf entfernt vom Rathaus. Hoch oben weht die Flagge mit einer stilisierten Baumwollpflanze. Die enormen Glasflächen auf der Westseite des vierten Stocks ermöglichten es den Klassierern in der Vergangenheit, vormittags ohne direkte Sonneneinstrahlung ihre Proben zu begutachten.

Geschäftspalast am Bremer Marktplatz

Die Bremer Baumwollbörse definiert internationale Qualitätsstandards und trägt so den Namen der Hansestadt in die Welt. Foto: Milko Haase
Die Bremer Baumwollbörse definiert internationale Qualitätsstandards und trägt so den Namen der Hansestadt in die Welt. Foto: Milko Haase

Das Ergebnis der "Qualitätsarbitrage" entscheidet im Streitfall über den Marktwert einer Baumwolllieferung. Und Gelegenheit für Differenzen gab und gibt es immer wieder bei einem Naturprodukt wie Baumwolle, das gehandelt wird, bevor die Pflanze überhaupt auf dem Acker steht, und das bis zu seinem Einsatz in der Textilindustrie viele Stationen zurücklegt.

Auch wenn das stattliche Jahrhundertwendegebäude – vermutlich das größte historische Geschäftshaus der Stadt – durch Kriegsschäden einiges von seiner Pracht eingebüßt hat, weisen allein seine Dimensionen auf die Bedeutung der Baumwolle für Bremen hin. Heute ist die Hansestadt ein großer Importhafen für Baumwollstoffe – der Handel mit der Rohware ist jedoch größtenteils abgewandert.

Bereits am 1. Oktober 1872 waren auf Initiative von Bremer Kaufleuten die "Bestimmungen für den Bremer Baumwollhandel" in Kraft gesetzt worden, um die Interessen der deutschen Baumwollwirtschaft zu stärken. Einige Jahre später schlossen sich Importeure, Agenten, Makler, Spediteure, Frachtführer und Bankiers in einem Verein unter dem Namen "Bremer Baumwollbörse" zusammen.

Die Baumwollbörse veröffentlicht auch 140 Jahre später ihre "Bremen Rules". Diese werden nach eigenen Angaben dem Großhandel mit Baumwolle im Inland sowie Importen nahezu durchgängig zugrunde gelegt. "Sie sind eine Art Handelsgesetzbuch der Baumwollbranche", so Klassierer Fröse, der in der Baumwollbörse auch für die Pflege der "Rules" zuständig ist. Dieses "Grundgesetz" für den Baumwollhandel umfasst beispielsweise eine eigene Gerichtsbarkeit und ein Instrumentarium zur Beilegung von Meinungsverschiedenheiten der vertragsschließenden Parteien über die Qualität der gelieferten Ware. Tatsächlich gehandelt wurde über den Börsenverein nur bis etwa 1970. Inzwischen versteht man sich mehr als Wegbereiter und Dienstleister für die internationale Baumwollwirtschaft.

Clubsofa und Paternoster

Der Klassierer und gelernte Außenhandelskaufmann Karsten Fröse hat sein bisheriges Berufsleben nur mit Baumwolle gearbeitet – er erfühlt die Qualität der Faser. Foto: Milko Haase
Der Klassierer und gelernte Außenhandelskaufmann Karsten Fröse hat sein bisheriges Berufsleben nur mit Baumwolle gearbeitet – er erfühlt die Qualität der Faser. Foto: Milko Haase

Noch heute treffen sich die Vereinsmitglieder einmal im Jahr im großen Sitzungssaal des Börsen-Gebäudes. Präsidenten aus der Vorkriegszeit schauen dort in Öl von den Wänden; im holzvertäfelten Kommissionszimmer nebenan mit Clubsofa und prächtigem Tabernakel lassen sich in einer verborgenen Telefonzelle gut vertrauliche Gespräche führen. Wer es gern bequem hat, gelangt nach Sitzungsende per Paternoster zum Ausgang.

Alles andere als nostalgisch ist die Atmosphäre in den Laborräumen des Faserinstituts Bremen, mit dem die Baumwollbörse kooperiert. Rollwagen mit fußballgroßen Baumwoll-Proben stehen vor vollverkleideten Hightech-Testmaschinen Schlange. An Bildschirmen ermitteln die Mitarbeiter die Faktoren, die Qualität und Einsatzmöglichkeiten des Naturmaterials bedingen: Faserlänge, Reifegrad, Farbe und Verschmutzung zählen dazu. Baumwolle wie etwa die aus Ägypten, die sich zu besonders feinem Garn spinnen lässt, ist besonders hochwertig. Genormten Prüfungen seien nötig, um den aktuellen technischen Anforderungen der Industrie gerecht zu werden, erläutert Fröse. Handklassierer wie ihn gebe es nur noch ganze fünf in Deutschland – alle in Bremen.

Auch die Zahl der Beschäftigten der Baumwollbörse verkleinerte sich infolge der Entwicklung des Baumwollhandels massiv. Von 200 blieben 14, von denen sich nur noch einige ausschließlich mit Baumwolle beschäftigen. Die übrigen kümmern sich um die Verwaltung des riesigen Gebäudes, in dem noch eine Handvoll Firmen aus der Baumwollwirtschaft ihren Sitz haben, inzwischen aber auch Anwälte, ein Konsulat, Therapeuten und Detektive.

Internationale Qualitätsstandards

Die Bremer Baumwollbörse (BBB) sei trotz dieses Schrumpfungsprozesses immer noch "erste Anlaufstelle für alle Fragen hinsichtlich des Rohstoffes Baumwolle", so der Präsident der Vereinigung, Jens D. Lukaczik. "Durch die Gründung von ICA Bremen gemeinsam mit der International Cotton Association sind wir seit Oktober 2011 das weltweite Zentrum für Baumwollprüfung. Wir definieren internationale Qualitätsstandards und tragen so den Namen der Hansestadt in die Welt." Die besondere Position der BBB in der globalen Baumwollindustrie zeige sich auch in der internationalen Baumwolltagung in Bremen, die die BBB alle zwei Jahre gemeinsam mit dem Faserinstitut organisiert.

Zurück in Raum 400A, dem Allerheiligsten der Baumwollprüfung. Wenig, was hier nicht standardisiert wäre, um möglichst neutrale Arbeitsbedingungen zu schaffen. Das reflektionsfreie Licht. Die neutralgrauen Wände. In Metallregalen lagern hunderte von identisch großen Pappkartons, in denen Baumwoll-Standards aus Amerika, Afrika, Asien und Australien verwahrt werden: In je sechs Briketts aufgeteilte Kissen aus Rohbaumwolle mit genau bestimmten Eigenschaften. Ein "Middling White Colour" 31 aus Argentinien? So müsste er aussehen. Welcher Anteil an Laub entspricht einem "Leaf Grade 3"? Hier ist es festgelegt. Bis ins Jahr 1924 geht diese Sammlung zurück, die auf Standards des US-Landwirtschaftsministeriums basiert. Laut Fröse ist es die weltweit größte und aktuellste Sammlung dieser Art.

Die Fünf-Kilo-Proberollen mit der Hülle aus Packpapier, die sich im Arbitrageraum ebenfalls stapeln, legt er vor allem bei Fachseminaren auf den Arbeitstisch. 3.000 Proben am Tag, Luft, die vor Baumwollpartikel nur so staubte – das war einmal. Heute berät der Klassierer und gelernte Außenhandelskaufmann, er bildet aus, hat mit Händlern und Vertretern von Spinnereien zu tun. Für ihn, der sein ganzes bisheriges Berufsleben mit Baumwolle gearbeitet hat, sei der Umgang mit den flauschigen Fasern nach wie vor ein sinnliches Erlebnis, sagt Fröse. Und zupft sich ein neues Büschel Fasern aus einer Probe. Jeans oder Oberhemd? Das wird er fühlen.

Mehr unter www.baumwollboerse.de

7.360 Wörter, Autor: Milko Haase

Pressekontakt:

Bremer Baumwollbörse

Elke Hortmeyer

E-Mail: hortmeyer[at]baumwollboerse.de

Erstellungsdatum: 27.09.2012