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Künstlerischer Gastronom

Champagner oder Grünkohl: Jürgen D. Schmidt hat bei verschiedensten Buchprojekten mitgewirkt. Foto: Thomas Joppig
Champagner oder Grünkohl: Jürgen D. Schmidt hat bei verschiedensten Buchprojekten mitgewirkt. Foto: Thomas Joppig

In den 60er-Jahren eröffnete er eines der ersten französischen Bistros in Deutschland – und entdeckte in Paris seine Leidenschaft für die Fotografie: Der Bremer Jürgen D. Schmidt ist ein Mann mit zwei ganz unterschiedlichen Erfolgsgeschichten.

Zwischen Konfitüren und Obstbränden stehen sie: Bücher über Champagner, über Cognac – und über Grünkohl, reich bebildert mit Fotografien von Jürgen D. Schmidt. Was für eine schräge Themen-Mischung mag man sich auf den ersten Blick denken. Doch irgendwie passen die Bände in dieses Geschäft, das in Bremen seit 140 Jahren beides pflegt: ausgefallene Spezialitäten und traditionelle Küche auf hohem Niveau. Grashoff ist ein Name in der Stadt und weit darüber hinaus. Ein Feinkostgeschäft mit Bistro, das sogar Loriot in einem seiner Bücher erwähnt hat: "In der allgemeinen Ratlosigkeit, was mit dem Geld von Radio Bremen anzufangen sei, stießen wir auf das Restaurant Grashoff. Das Geld wurde gut angelegt. Wenn die Barmittel knapp wurden, halfen wir hinter der Bar aus."

Jürgen D. Schmidt hat das Bistro und Feinkostgeschäft in der Bremer Innenstadt mehr als 30 Jahre lang geführt, bevor er es 2006 an seinen Sohn Oliver übergeben hat. Wer den heute 75-Jährigen trifft, kann sich gut vorstellen, dass Vicco von Bülow ihn geschätzt hat: Der passionierte Fliege-Träger hat einen Sinn für skurrile Situationen – und für eine feine Lebensart.

Beides prägt sein Leben seit Jahrzehnten. "Dabei wäre ich als Jugendlicher eigentlich gern Astronom geworden", erinnert er sich. In einer nahe gelegenen Sternwarte beginnt der junge Bremer damals, Himmelskörper durch das Teleskop zu fotografieren, um sich dann doch einem irdischeren Beruf zuzuwenden: Er übernimmt 1962 das Feinkostgeschäft seiner Eltern, das damals bereits eine 90-jährige Tradition vorzuweisen hat.

Delikatessen-Transport per Pferd und Wagen

Rückblick: Am 23. April 1872 erscheint im Bremer Courier eine Anzeige, in der ein gewisser Brüne Grashoff eine Geschäftseröffnung bekannt gibt: "Mit dem heutigen Tage eröffne ich im Hause Schüsselkorb 23 eine Delicatessen-Handlung und halte dieselbe einem verehrten Publikum bestens empfohlen", schreibt er. Das verehrte Publikum lässt sich nicht lange bitten, schließlich bekommen die Bremer bei Grashoff vieles, was sie bis dato nicht oder nur von Reisen her kennen: Belgische Pralinen zum Beispiel, Gänseleber aus Frankreich oder Gemüse aus den Niederlanden. Der Transport solcher Waren ist damals ungleich schwerer als heute, schließlich erfolgt der Transport mit Pferd und Wagen – und nicht per Flugzeug oder Lkw mit Kühlaggregat.

Die Qualität von Grashoffs Speisen spricht sich schnell herum: Bereits wenige Wochen nach der Eröffnung darf Brüne Grashoff die Gerichte für ein Dinner in Bremerhaven liefern, das damals zu Ehren einer österreichischen Nordpolar-Expedition stattfindet. Grashoff macht also das, was man heute Catering nennt. "Der Mann war seiner Zeit weit voraus", sagt Jürgen D. Schmidt.

Sein Großvater Johann Georg Schmidt ist es, der das Geschäft im Jahr 1900 vom kinderlos gebliebenen Firmengründer übernimmt. Der Kaufpreis beträgt damals 90.000 Reichsmark. "Das entspricht einem Gegenwert von etwa 1,5 Millionen Euro", sagt der heutige Geschäftsführer Oliver D. Schmidt, der sich ebenfalls intensiv mit der Firmengeschichte beschäftigt hat. "Nur ein Zehntel davon war Eigenkapital, die übrige Summe hat er sich von Freunden geliehen." Die Schmidts, so merkt man, hatten offensichtlich schon früh ein Talent, andere Menschen für ihre Ideen zu begeistern.

Johann Georg Schmidt erweitert das Sortiment um Produkte aus den USA. Baked Beans zum Beispiel – oder eine gewisse rote Sauce, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa noch völlig unbekannt ist: Ketchup. Die schwerste Zeit erlebt das Feinkostgeschäft in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Regale sind fast leer, Essen gibt es nur noch gegen Vorlage von Lebensmittelmarken. Wer will da noch an Feinkost denken? Bei Grashoff bekommt man Wein nur noch, wenn man eine Flasche mitbringt – wer einen Kuchen will, muss Butter, Mehl und Eier selbst beisteuern. Mit dem einsetzenden Wirtschaftswunder entspannt sich die Lage. Nach den entbehrungsreichen Jahren sehnen sich viele Menschen nach Genuss.

Paris-Reise wird zum prägenden Erlebnis

Erinnerung an den Stammgast Loriot. Über die Büste eines Knollennasenmännchens freut sich Jürgen D. Schmidt bis heute. Foto: Thomas Joppig
Erinnerung an den Stammgast Loriot. Über die Büste eines Knollennasenmännchens freut sich Jürgen D. Schmidt bis heute. Foto: Thomas Joppig

1962 steigt Jürgen D. Schmidt ins Geschäft seiner Eltern ein. Eine Reise nach Paris wird für ihn zum Schlüsselerlebnis, das seine weitere berufliche Laufbahn prägt. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara besucht Schmidt einen Lieferanten in der französischen Hauptstadt, der die beiden prompt zum Abendessen zu sich nach Hause einlädt. Schmidt und seine Frau staunten nicht schlecht, als sie im Salon zunächst einen Aperitif serviert bekamen, auf den dann fünf weitere Gänge folgten. Die beiden sind beeindruckt von der Raffinesse der Speisen und dem eleganten wie spielerischen Ritual des Dinierens. "Auf dem Nachhauseweg haben meine Frau und ich beschlossen, ab jetzt nur noch französisch zu essen", erinnert sich Jürgen D. Schmidt schmunzelnd.

Und noch ein zweites Schlüsselerlebnis widerfährt ihm auf seiner Reise: Er merkt, dass für einen begeisterten Fotografen wie ihn, Menschen das spannendste Motiv sind. Da sind die stolzen Händler in den Markthallen, die suchenden Passanten vor den Schaufenstern oder der benebelte Clochard mit der Weinflasche. Schmidt drückt gern und oft auf den Auslöser. Unauffällig, mit einer kleinen Kamera und sicherem Gespür für Menschliches und allzu Menschliches.

Wieder zurück in Bremen, bauen er und seine Frau den hinteren Teil ihres Feinkostgeschäfts zum Bistro um und servieren ihren Gästen kleine Speisen wie Pasteten oder Zwiebelsuppe mit Baguette. Französische Bistros sind damals in Deutschland eine Seltenheit und schon bald wird Grashoff zum Treffpunkt von prominenten Künstlern und Geschäftsleuten. Auch viele Stars, die in der Radio-Bremen-Talkshow "3 nach 9" zu Gast sind, lassen sich einen Besuch im Bistro nicht entgehen. Ob André Heller oder Uri Geller, Marianne Koch oder Otto Waalkes – die Liste der Prominenten, die sich bei Grashoff sehen lassen, wird länger und länger.

Vicco von Bülow aber schließt das Bistro und Feinkostgeschäft besonders ins Herz. "Einmal haben wir ihn und einige seiner engsten Mitarbeiter zu uns nach Hause zum Frühstücken eingeladen", erinnert sich Jürgen D. Schmidt. "Am Ende haben sich unsere Wege erst nach Mitternacht wieder getrennt." Schmidt hat Loriot nicht nur als Komiker, sondern auch als ernsthaften, nachdenklichen und bescheidenen Menschen kennengelernt. "So skurril seine Filme und Sketche auch sein konnten, wenn man ihn privat traf, hatte man nie das Gefühl, dass er einen auf den Arm nimmt."

Er ist nicht der einzige Gast, der Jürgen D. Schmidt und seine Familie beeindruckt. "Das Spannende an unserem Beruf ist ja, dass wir mit ganz unterschiedlichen Leuten ins Gespräch kommen. Ob Ärzte, Geschäftsleute oder Künstler. Jeder bringt seine ganz eigene Sicht auf die Welt mit." Dieses Interesse an Menschen und ihren Eigenheiten spiegelt sich auch in vielen von Schmidts Fotografien wider. Gäste wie der damalige Radio-Bremen-Chefredakteur Gert von Paczensky wissen um seine Leidenschaft für Fotografie und ermutigen Schmidt, an Buchprojekten mitzuwirken.

Einer seiner ersten Bildbände dreht sich zum Beispiel um die legendäre Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park. Mit sicherem Blick für die Besonderheiten hat sich Schmidt diesem Ort genähert. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen Prediger und erboste Bürger, Weltverbesserer und Komiker – und ihr gebanntes und bisweilen amüsiertes Publikum. Kreativität zeigt Jürgen D. Schmidt aber auch im eigenen Betrieb: Eigene Produkte sind im Laufe der letzten Jahre zu einem immer wichtiger werdenden Standbein des Unternehmens geworden.

So haben die Schmidts unter anderem eine Serie eigener Schokoladencremes herausgebracht. Ob dunkle Schokolade mit sizilianischem Blutorangenöl oder weiße Schokolade mit Macadamia-Nüssen: Die Cremes gibt es in diversen Sorten. „Sie sind ein echter Verkaufsschlager, den wir mittlerweile sogar bis in die USA exportieren“, sagt Oliver D. Schmidt nicht ohne Stolz. Der heutige Firmenchef spielt nebenbei als Gitarrist in der Bremer Rockband B-Tripe, mit der er vor kurzem seine zweite CD veröffentlicht hat.

Sie sind eben eine kreative Familie, die Schmidts. Und so verwundert es auch nicht, dass Senior Jürgen D. Schmidt wieder an einem neuen Buch arbeitet: Diesmal geht es um die Firmengeschichte, schließlich feiert Grashoff in diesem Jahr sein 140-jähriges Bestehen. Und während er noch von der bewegten Firmengeschichte erzählt, klingelt das Telefon. Der Bremer Bausenator Joachim Lohse ist am anderen Ende der Leitung. Er hat eine gute Nachricht für die Schmidts. Nach längeren Diskussionen darüber, wie man in Bremen an Loriot erinnern könnte, ist eine Entscheidung gefallen. Der Platz, an dem sich Grashoff befindet, soll künftig Loriot-Platz heißen. Ein zufriedenes Lächeln zieht über die Lippen von Jürgen D. Schmidt.

Mehr unter www.grashoff.de

9.982 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Bistro Grashoff

Jürgen D. Schmidt/Oliver D. Schmidt

E-Mail: info@grashoff.de

Erstellungsdatum: 27.09.2012