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Kurzfassung: Mode aus Milch

Mit Ihrem Startup-Unternehmen Qmilch produziert die Diplom-Biologin und Modeschöpferin Anke Domaske nachhaltige Mode aus Milch. Foto: Qmilch
Mit Ihrem Startup-Unternehmen "Qmilch" produziert die Diplom-Biologin und Modeschöpferin Anke Domaske nachhaltige Mode aus Milch. Foto: Qmilch

Fasern aus neuartigen Kunststoffen entwickeln, be- und verarbeiten – Alltag am Bremer Faserinstitut. Doch Garn aus Milch? Auch das können die Wissenschaftler – im Dienste der Mode.

Für "Qmilch" ist heute "Spinntag". Das heißt für die drei jungen Leute des Startups, im Technikum des Bremer Faserinstituts (FIBRE) mittels einer großen Maschine – ähnlich einem Fleischwolf – sehr dünne Protein-Fäden zu produzieren. Hauptsächlich Eiweißpulver und Wasser, aber auch andere, geheime Zutaten werden dafür verknetet, auf 80 Grad erwärmt und durch eine Siebplatte gedrückt. Diese farblose Faser hat womöglich das Potenzial, die gesamte Textilindustrie zu revolutionieren: Sie ist strapazierfähig, nachhaltig ökologisch produziert, antibakteriell und antiallergen.

Durchschnittlich 15 Kilogramm Fasern produziert das Team von "Qmilch" auf diese Weise pro Arbeitstag im Faserinstitut. Hier steht der Prototyp einer eigens für die Herstellung der Milchfaser modifizierten Spinnanlage. Ihr Rohstoff: Biomilch, die von den Molkereien aus verschiedenen Gründen aus dem Verkehr gezogen wurde. Normalerweise landet sie im Ausguss. "Rund zwei Millionen Tonnen Milch werden so allein in Deutschland jährlich vernichtet", erzählt Anke Domaske. Die 29-Jährige ist der Kopf des Startups: Diplom-Biologin, Modeschöpferin und Erfinderin der Naturfaser "Qmilch". Sie entwickelt mit dem FIBRE das noch einzigartige Verfahren zur Herstellung von Stoff aus Milch und hat in den letzten zwei Jahren mit diesem Patent bereits ein halbes Dutzend nationale und internationale Innovationspreise abgeräumt.

Als die Hannoveranerin mit ihrem Plan an das Institut herantrat, war man am FIBRE sofort interessiert. In dem Institut auf dem Gelände der Universität Bremen betreiben die Fachleute seit rund 20 Jahren angewandte Forschung zum Beispiel für die Luftfahrt, die Automobil- und die Windkraftindustrie. Sie kümmern sich unter anderem um die Entwicklung von Hochleistungsverbundwerkstoffen, Fertigungstechnologien, Faserentwicklung, Qualitätssicherung und Materialentwicklung und -charakterisierung.

Die farblose Milchfaser ist dünner als ein Haar und erinnert an die feinen Fäden von Seidenraupen. Trotzdem ist sie strapazierfähig und obendrein noch antibakteriell und antiallergen. Foto: Qmilch
Die farblose Milchfaser ist dünner als ein Haar und erinnert an die feinen Fäden von Seidenraupen. Trotzdem ist sie strapazierfähig und obendrein noch antibakteriell und antiallergen. Foto: Qmilch

"Bei uns werden jährlich zwei bis drei Anträge zur Thematik Faserentwicklung gestellt", erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Lars Bostan, der das junge Team aus Hannover betreut. "Üblicherweise erforschen und entwickeln wir neue Fasern in öffentlich geförderten Forschungsvorhaben." Die Entwicklung der Milchfaser aber unterscheide sich von der sonstigen Arbeit in zwei Punkten: "Es ist für uns das erste Mal, dass wir an der Entwicklung einer zu 100 Prozent biobasierten Faser mitwirken." Auch unterscheide sich der Spinnprozess, den man entwickele, in mancher Hinsicht komplett vom Herkömmlichen. "Das ist in diesem großen Umfang bisher noch nicht der Fall gewesen."

Nicht zuletzt legen die Entwicklungen am Textil-Markt nahe, dass die Bremer mit der Milchfaser auf das richtige Pferd gesetzt haben könnten: "Aufgrund der steigenden Energie- und Rohstoffkosten und des wachsenden Bedarfs an Faserstoffen erleben Produkte auf biologischer Basis gerade eine starke Nachfrage", erklärt Lars Bostan. Allein auf dem deutschen Markt fehlen derzeit rund sechs Millionen Tonnen Textilfasern, die unter anderem zur Verstärkung von Kunststoffbauteilen verwendet werden.

Hinzu kommt: Die Zeichen stehen günstig für umweltbewusst erzeugte Waren, denn die Baumwollverarbeitung geriet schon vor Jahren in die Kritik. Angefangen beim Einsatz von Pestiziden über den Wasserverbrauch von 20.000 Litern pro T-Shirt zum Auswaschen der Gifte – bei Biobaumwolle immerhin noch 10.000 Liter – bis hin zu langen Transportwegen. "Für die Produktion eines T-Shirts aus der Milchfaser brauchen wir lediglich zwei Liter Wasser", hält Domaske dagegen. "Zudem produzieren wir in Deutschland, momentan noch ausschließlich in Bremen, mit deutscher Biomilch und verwenden ausschließlich Ökostrom zur Produktion." Erste Kleidungsstücke aus der Faser lassen sich über Anke Domaskes Modelabel MCC bereits ordern, allerdings muss derzeit noch vorbestellt werden.

An der Faser sind aber auch ganz andere Branchen interessiert: 180 Anfragen von Firmen aus aller Welt liegen bereits auf Anke Domaskes Schreibtisch. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Branchen, von der Bekleidungs- bis hin zu Autoindustrie. "Wir prüfen derzeit das gesamte Eigenschaftsspektrum der Faser", erklärt Lars Bostan. "Davon hängt dann ab, in welche Märkte man eindringen kann", sagt der Experte. Der Textilmarkt sei womöglich nur einer von vielen.

Mehr unter www.qmilk.eu

4.482 Zeichen, Autorin: Silke Düker

Pressekontakt:

Qmilch GmbH

Anke Domaske

E-Mail: info[at]qmilk.eu

Erstellungsdatum: 23.10.2012