Sie sind hier:

Mit Radiowellen zum Cocktail

Gefragte Erfindung: Die beiden Wirtschaftsingenieure Marco Lewandowski (links) und Kolja Schmidt vor ihrem Cocktailautomaten. Foto: Thomas Joppig
Gefragte Erfindung: Die beiden Wirtschaftsingenieure Marco Lewandowski (links) und Kolja Schmidt vor ihrem Cocktailautomaten. Foto: Thomas Joppig

Zwei Mitarbeiter der Universität Bremen haben einen elektromagnetisch gesteuerten Cocktailautomaten entwickelt, den sie mit ihrer Firma SL Engineering vermarkten.

Weihnachtsfeiern in Firmen können vieles sein: lustig oder langweilig, verkrampft oder ausgelassen. Und manchmal sind sie auch inspirierend. Für Kolja Schmidt (32) und Marco Lewandowski (30) war es jedenfalls eine Weihnachtsfeier, die sie auf eine aussichtsreiche Geschäftsidee brachte. Die beiden Wirtschaftsingenieure arbeiten im BIBA, dem Bremer Institut für Produktion und Logistik an der Universität Bremen. Wie viele ihrer Kollegen hatten sie vor zwei Jahren keine Lust auf Punsch und Plätzchen bei der Weihnachtsfeier. Cocktails sollte es geben - aber wie versorgt man über 100 Mitarbeiter in kurzer Zeit mit den gewünschten Drinks – und das ohne Bar und Barkeeper? In anderen Betrieben hätte man die Cocktailpläne wohl schnell begraben – nicht so im BIBA. Denn zu den Forschungsschwerpunkten des Instituts gehört die Automatisierung von Produktions- und Logistikprozessen: Die BIBA-Mitarbeiter erforschen zum Beispiel, wie Roboter in der Logistik von Warenströmen eingesetzt werden können oder wie bestellte Artikel mit technischer Hilfe den Weg vom Lager zum Kunden finden.

Kein Wunder also, dass der Forschungsdrang der wissenschaftlichen Mitarbeiter geweckt war. In gut zweimonatiger Arbeit entwickelten sie die sogenannte Cocktailfabrik, eine Maschine, die verschiedene, individuelle Drinks mixen kann – und dabei mit elektromagnetischen Wellen gesteuert wird. Radio Frequency Identification, kurz RFID, nennt sich dieses Verfahren.

An dem schmalen, etwa 1,60 Meter hohen Automaten baumeln verschiedene Karten. Auf jeder dieser Karten befindet sich ein sogenannter Transponder – eine Art winziges Funkgerät –, so flach wie ein Aufkleber. Dieser Transponder enthält die Rezeptur für den jeweiligen Cocktail. Hält man ihn an eine markierte Stelle an der Außenwand der Maschine, so werden die Informationen an das Gerät übertragen und die Cocktailfabrik legt los. In wenigen Sekunden werden Rum, Wodka, Saft und Co. in das Glas im Ausgabeschacht gespritzt. "Und das geschieht mit solchem Druck, dass man sich das Schütteln sparen kann", sagt Kolja Schmidt.

Kein Ersatz für Barkeeper

Cocktail auswählen, Taste drücken – und schon füllt sich das Glas: Marco Lewandowski zeigt, wie der Automat funktioniert. Foto: Thomas Joppig
Cocktail auswählen, Taste drücken – und schon füllt sich das Glas: Marco Lewandowski zeigt, wie der Automat funktioniert. Foto: Thomas Joppig

Professionelle Barkeeper wollen er und sein Kollege mit der Erfindung jedoch keineswegs arbeitslos machen. "Einen guten Cocktail zu mixen – das ist schon eine Kunst", sagt Schmidt. "Uns geht es eher darum, ein Angebot für Großveranstaltungen zu schaffen." Zur Zeit arbeiten sie an einer neuen Variante der Maschine, die zum Beispiel in Bartresen integriert werden kann. Um den Automaten zu vermarkten, haben sie die Firma "SL Engineering" gegründet – denn langfristig wollen sie die Maschine in Serie produzieren und verkaufen.

Auf Messen ist die Cocktailfabrik bereits erfolgreich im Einsatz. Die beiden Erfinder haben den Automaten in den vergangenen zwei Jahren fast 30 Mal ausgeliehen. "Viele Unternehmen finden es praktisch, potenziellen Kunden auf Messen ohne großen Aufwand Cocktails anbieten zu können", sagt Kolja Schmidt. "So einen Automaten hat nicht jeder. Das ist schon ein Hingucker und eine gute Möglichkeit, um mit Messebesuchern ins Gespräch zu kommen."

In der Tat sieht die Cocktailfabrik nicht wie ein gewöhnlicher Getränkeautomat aus. Das Gerät hat eine Front aus dunklem Holz. Röhrenförmige Glastanks für Saft und Spirituosen ragen wie Schornsteine aus der Decke. Die gläsernen Seitenwände der Maschine leuchten weiß. Stellt man ein Glas hinein, werden die Seitenwände rot. Sobald der Cocktail in Arbeit ist, pulsiert das Licht und wenn der Drink fertig ist, schaltet der Automat auf grüne Beleuchtung um, sodass der Benutzer sofort weiß, dass er sein Glas entnehmen kann.

"Wie eine Lochkartensteuerung"

Solche kleinen Spielereien gefallen den beiden – auch wenn Marco Lewandowski mit einem Schmunzeln einräumt, dass die Maschine selbst eigentlich "ziemlich dumm ist". Schließlich kämen alle Informationen, die nötig sind, um einen Cocktail zu mixen, von außen – also über die Karten mit den Transpondern: "Das funktioniert so ähnlich wie früher eine Lochkartensteuerung." Genau das mache die Maschine aber auch flexibel einsetzbar. "Man muss nicht an ihr herumschrauben, wenn man mehr Rum in der Pina Colada haben möchte. Man speichert das entsprechende Mischverhältnis einfach auf dem Transponder – und die Maschine gehorcht."

Diese Möglichkeit unterscheide den Apparat von anderen Cocktailautomaten, die es auf dem Markt gibt. Schmidt und Lewandowski haben diese Art der Informationsübertragung zum Mixen der Zutaten deshalb patentrechtlich schützen lassen. Sie sehen darin ein großes Potenzial. "Noch gibt es nur wenige Smartphones, die RFID-Informationen senden können. Aber das könnte sich bald ändern", sagt Kolja Schmidt. "Dann könnte man sich seinen Lieblingscocktail zum Beispiel im Internet zusammenstellen, bräuchte nur noch das Smartphone an den Automaten zu halten und hätte wenige Sekunden später das Getränk – und zwar genau in dem Mischverhältnis, das man sich gewünscht hat." Dieses Verfahren sei natürlich nicht nur für Cocktails denkbar, sondern auch für andere Zutaten. "Man könnte auf dieser Basis auch Automaten entwickeln, die Supermarktkunden ihr Lieblingsmüsli zusammenstellen oder im Baumarkt die gewünschte Wandfarbe mischen", erklärt Schmidt.

Aus der einstigen Weihnachtsfeier-Erfindung kann sich also noch eine Menge entwickeln. Mit echten Zutaten haben die beiden übrigens nicht gearbeitet, als sie ihre Cocktailmaschine schufen. Statt mit Spirituosen wurden die Glastanks mit Wasser und Lebensmittelfarben gefüllt. Eine ganz nüchterne Erfindung also.

Mehr unter www.cocktailfabrik.info, www.biba.uni-bremen.de

5.675 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

Pressekontakt:

Kolja Schmidt/Marco Lewandowski

E-Mail: mail[at]cocktailfabrik.info

Erstellungsdatum: 20.11.2012