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Die Nische als Erfolgsrezept

Birgitta Rust hat aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht: Als einziges Nordlicht absolvierte sie in Bayern die zweijährige Ausbildung zur Brennerin. Foto: Jens Schulz
Birgitta Rust hat aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht: Als einziges Nordlicht absolvierte sie in Bayern die zweijährige Ausbildung zur Brennerin. Foto: Jens Schulz

Mit 46 Jahren hatte sich Unternehmensberaterin Birgitta Rust entschlossen, noch einmal umzusatteln. Heute betreibt die Bremerin die einzige Premium-Destillerie im Norden. Mit Erfolg.

An diesem Montagmorgen liegt ein Grauschleier über dem Bremer Hafenbecken. Der Dunst verschluckt die Geräusche der vorbeifahrenden Lkw, die die Lagerhäuser ansteuern. Hier, mitten in der Bremer Überseestadt, steht der Schuppen 2. Die moderne Glasfassade daneben lässt Blicke ins Gebäudeinnere zu. Alles Mögliche würde man hier vermuten: Gastronomie, Souvenirgeschäft an der Hafenkante. Aber eine Obstbrennerei?

Obstbrennereien haben in Norddeutschland keine große Tradition. Unternehmerisch lassen sich daraus zwei Schlüsse ziehen: Es ist ein aussichtsloses Unterfangen ohne Markt. Oder: Es hat noch niemand probiert. Birgitta Rust zählt zu den Menschen, die gern Neues ausprobieren.

Die 50-Jährige sitzt an einem langen Holztisch und blickt hinaus aufs Wasser. "Die Chance, diese Räume zu bekommen, hat mir den letzten Kick gegeben." Die Wand hinter ihr ist mit wettergezeichneten Holzbohlen versehen, auf dem Tisch liegt eine rot-weiß-karierte Decke. Es ist ein rustikales Dekor, das sich nahtlos ins ansonsten moderne Ambiente ihrer Verkaufsräume einfügt. Nebenan schließt sich die gläserne Manufaktur an: ein nüchterner Arbeitsraum, der von großen kupfer- und silberfarbenen Behältern dominiert wird – im Zentrum das, was jeder Brenner braucht: Brennblasen. So werden die Behälter genannt, in denen der Alkohol gebrannt wird. Temperaturregler, Hähne, Messgeräte: Wie kommt eine Bremer Unternehmensberaterin dazu, in diesem Metier noch einmal ganz von vorn anzufangen?

Birgitta Rust hat diese Geschichte in den vergangenen Monaten oft erzählt. Seit der Eröffnung der Destillerie im November 2011 hat sie diverse Preise und Auszeichnungen erhalten, Interviews über ihren Weg gegeben. Kurz zusammengefasst sah dieser so aus: Als sie im Zuge der Finanzkrise 2008 als angestellte Unternehmensberaterin plötzlich in einer Sackgasse angekommen war, stand sie vor der Frage: "Wie baut man sich eine neue Existenz auf?" Mit 46 Jahren in ihrem Beruf anderweitig unterzukommen, sei illusorisch gewesen, sagt sie rückblickend.

Ein Brennseminar gab den Ausschlag

Mit 46 Jahren baute sich Birgitta Rust eine neue Existenz auf: Heute betreibt die  Bremerin die einzige Premium-Destillerie im Norden. Foto: Jens Schulz
Mit 46 Jahren baute sich Birgitta Rust eine neue Existenz auf: Heute betreibt die Bremerin die einzige Premium-Destillerie im Norden. Foto: Jens Schulz

So geriet das, was sie bis dato in ihrer Freizeit gemacht hatte, in den Fokus: Bei einem Brennseminar hatte sie bereits Jahre zuvor "Feuer gefangen" für das Handwerk, hatte sich in ihrer Freizeit einiges angelesen und eine Tischdestille zugelegt. "Die Vielfalt der Aromatik hat mich fasziniert", sagt sie. Langsam reifte die Idee, aus ihrem Freizeitvergnügen einen Beruf zu machen. Als einziges Nordlicht absolvierte sie in Bayern die zweijährige Ausbildung. Danach war klar: "Jetzt gehe ich diesen Weg." Parallel wurde der Businessplan geschrieben. Drei wichtige Voraussetzungen, sagt Birgitta Rust, hätten ihr den Aufbau ihres neuen Unternehmens ermöglicht: "Ich hatte die Zeit, das Geld und die Ausbildung."

Birgitta Rust setzt seither auf die Nische. Ihr Unternehmen nannte sie "Birgitta Rust Piekfeine Brände". Sie brennt nun ausschließlich erlesene Brände, Geiste, Liköre und seit diesem Jahr reift der erste Whisky in Holzfässern. Ihre Kunden sind meist Feinkostgeschäfte und Gastronomie mit erlesener Digestivauswahl. Unter den zehn Bränden sind Schlehen-, Hagebutten-, Walnuss- und Haselnussbrand, unter den fünf Likörsorten Zwetschge und Williamsbirne. Dazu gibt es den ersten "Bremer Bitter" – ein Kräuterlikör, den Birgitta Rust auf Bremer Bedürfnisse zur Grünkohlzeit ausgerichtet hat. "Mich interessieren ausgefallene Dinge und es reizt mich, sie selbst auszuprobieren", sagt die Brennerin. "Es gibt solch eine Vielfalt an Kräutern, Blüten, Früchten und Schalen, die man kombinieren kann." Die Aromen nach Gärprozess und Destillation in der richtigen Konzentration im Alkohol eingefangen zu haben, ist die große Kunst ihres Metiers. Derzeit etwa hat sie einen Gin mit Zitronengras in der Entwicklung.

Whisky aus Bremen

In der hauseigenen Brennerei werden ausschließlich erlesene Brände, Geiste, Liköre gebrannt. Nun gibt es den ersten Bremer Bitter – ein Kräuterlikör, den Birgitta Rust auf Bremer Bedürfnisse zur Grünkohlzeit ausgerichtet hat. Foto: Jens Schulz
In der hauseigenen Brennerei werden ausschließlich erlesene Brände, Geiste, Liköre gebrannt. Nun gibt es den ersten "Bremer Bitter" – ein Kräuterlikör, den Birgitta Rust auf Bremer Bedürfnisse zur Grünkohlzeit ausgerichtet hat. Foto: Jens Schulz

Das Portfolio ist rasch gewachsen. 3000 Halbliterflaschen wird sie 2012 voraussichtlich an Bränden produziert haben, 1000 Flaschen Likör. Der erste Single Malt Whisky soll 2015 soweit sein. Im Produktionsraum nebenan liegt ein Holzfass, darauf steht in Kreide geschrieben: "The first Hanseatic Single Malt". Mit ihrer Produktreihe "Nordische Wildfrüchte" hat sie ein Alleinstellungsmerkmal – und in dieser Hinsicht auch einen Vorteil gegenüber den traditionellen Obstbrennereien im Süden: "Sie brennen das, was sie auf ihren Feldern haben. Ich habe die freie Wahl."

Derzeit versucht Birgitta Rust, Kontakte ins "Alte Land" zu knüpfen, denn bei den Obstbränden mit Apfel und Birne würde sie gern auf den regionalen Anbau zurückgreifen. Dafür müssen jedoch noch die Voraussetzungen geschaffen werden: Üblich ist, dass Äpfel und Birnen früh gepflückt werden und in der Lagerung reifen – für die Brennerei ist dieses Obst nicht geeignet. "Das Obst muss bis zur vollen Reife am Baum hängen", erklärt Birgitta Rust. Deshalb lässt sie sich momentan noch von den fränkischen und österreichischen Obstbauern beliefern, die sie während ihrer Praxisaufenthalte im Süden kennengelernt hat.

Die beiden Brandblasen im Nebenraum sind an diesem Morgen in Betrieb. Ein Geruch von Alkohol, leicht und fruchtig, liegt in der Luft, zu hören ist nichts. "Ich brenne gerade Whisky-Raubrand und auf der Feinbrandblase Williams-Birne", erklärt die Brennerin. Der Raubrand ist in der Regel in drei Stunden durch, der Feinbrand benötigt acht. Während dieses Prozesses wird der im gegorenen Rohstoff vorhandene Alkohol samt Aroma durch Erhitzen destilliert, anschließend werden die Alkoholdämpfe im Kühler tröpfchenweise eingefangen. Der hochprozentige Feinbrand wird zum Schluss "auf Trinkstärke" gebracht, sprich auf 40 Prozent Volumen.

Im Herbst, wenn das meiste Obst reif ist, beginnt die Hauptproduktion. Dann wird der Job der Brennerin zur körperlichen Arbeit. Eimerweise muss umgefüllt, müssen Obst und Flüssigkeiten transportiert werden. Die Brennseminare, die Birgitta Rust nebenbei gibt, sind deshalb ein guter Ausgleich. Ihre Entscheidung umzusatteln, habe sie nie bereut, sagt die Brennerin. Vor kurzem bekam sie die Anfrage, ob sie das Bundesland Bremen bei der "Internationalen Grünen Woche" in Berlin vertreten wolle. Der Erfolg, sagt Birgitta Rust, habe ihr bestätigt: "Das hier ist absolut mein Ding."

Mehr unter www.br-piekfeinebraende.de

6.377 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

Lena Wulfmeyer

Molthan van Loon Communications

E-Mail: lena.wulfmeyer[at]mvlcc.de

Erstellungsdatum: 18.12.2012