Sie sind hier:

Futter für Samson

Das Klinikum Bremerhaven Reinkenheide hat ehemals psychisch Kranke auf dem ersten Arbeitsmarkt angestellt, damit sie anderen seelisch Erkrankten helfen. Denn die so genannten Genesungsbegleiter finden oft andere, ungewöhnlichere Wege zu den Patienten als Pfleger und Ärzte.

Betroffenheit heilt. Davon zumindest sind die Verantwortlichen des Zentrums für seelische Gesundheit am Klinikum Bremerhaven Reinkenheide überzeugt. Nicht zuletzt deshalb hat die Klinikleitung 2010 als erste in Deutschland den Mut aufgebracht, ehemalige Patienten fest einzustellen – als so genannte Genesungsbegleiter. Sie unterstützen die seelisch Erkrankten auf den Stationen aus einer praktischen und subjektiven Perspektive heraus – erfolgreich, wie alle Beteiligten bezeugen.

"Ex-In" nennen sich die Genesungsbegleiter auch. Der Begriff kürzt die englische Bezeichnung „Experience Involvement“ ab. Das bedeutet so viel wie: Aus eigenem Erleben und eigener Anschauung einzubringen, was Patienten fühlen, wie sie sich sehen und was sie wünschen.

Begegnung auf Augenhöhe

Birgit Kowski ist eine von sechs Genesungsbegleitern im Bremerhavener Klinikum. "Ich-Wissen plus Ich-Wissen gibt Wir-Wissen", erklärt sie die gemeinsame Arbeit mit den Patienten. Alle Begleiter kennen die seelischen Erschütterungen der Patienten aus dem eigenen Leben, wissen damit umzugehen. "Unsere Aufgabe ist es, den betroffenen Patienten den Weg von der Station wieder nach Hause aufzuzeigen", sagt sie, "auf diesem Genesungsweg sind wir diejenigen, die die Bedürfnisse der Patienten vertreten."

Heute haben rund 380 Menschen bundesweit eine solche Ex-In-Ausbildung gemacht. Sie arbeiten zum Beispiel in Beratungszentren. Aber die Bremerhavener Klinik Reinkenheide war die erste, die Genesungsbegleiter fest auf dem regulären Arbeitsmarkt ohne Bezuschussung und als Teil des betreuenden Teams auf einer Station einstellte. 2006/2007 fand in Bremen der Ausbildungskurs statt. "Da ging es zum Beispiel darum, wie wir unseren Erkrankungen einen Sinn geben können", sagt Kowski. "Überhaupt war die Selbsterforschung ein ganz wichtiger Teil der Arbeit. Nur deshalb können wir auf Station helfen."

Dass Psychiatrie-Patienten ihre Situation manchmal als völlig aussichtslos und unveränderbar sehen, ist leicht vorstellbar. Umso wichtiger sind für sie Beispiele des Gelingens. In ihren Genesungsbegleitern sehen die Patienten leibhaftig vor Augen, dass Gesundung möglich ist – eine Erfahrung, die zum Durchhalten anspornt, sagt Pflegedienstleiterin Angelika Lacroix. Und eine Erfahrung, die wohl kein Arzt und keine noch so professionelle Pflege vermitteln könnten.

Anwälte der Patienten

In Bremerhaven werden die Genesungsbegleiter als Anwälte der Patienten gehört. Wenn gewünscht, gehen sie auch mit zu den Arztgesprächen. Aber viel der positiven Wirkung ergibt sich aus dem tagtäglichen zwischenmenschlichen Kontakt. "Dann können Patienten auch mal Dampf ablassen und rummeckern", sagt Kowski. "Und sie wissen, dass ihr Ärger nicht aus dem Raum getragen und schon gar nicht dokumentiert wird."

Manchmal sind die Problemlösungen der Genesungsbegleiter so bestürzend einfach und naheliegend, dass wohl kein Medizinprofi darauf gekommen wäre. So hatte eine Patientin stets große Angst, allein mit dem Bus zu fahren. "Da habe ich mich gefragt – wie kriege ich sie dazu?", berichtet Kowski. Schließlich war Samson die Lösung. Samson ist das Meerschweinchen der Patientin. Kowski riet der Patientin, mit ihrem Mobiltelefon ein Filmchen von Samson aufzuzeichnen und immer bei sich zu tragen. "Das Filmchen hat sie daran erinnert, warum sie sich den Stress mit den Busfahrten antut", sagt Kowski, "Samson musste gefüttert werden."

Verunsicherte Profis

Krankenhäuser sind traditionell Orte von Hierarchien und Privilegien. Wer davon profitiert, möchte zunächst nicht teilen. Aber genau das fordern die Genesungsbegleiter schon durch ihre schiere Anwesenheit. Kein Wunder, dass Pflegedienstleiterin Angelika Lacroix es anfangs nicht leicht hatte, ihre Idee zu verwirklichen, medizinische Laien in den Behandlungsprozess mit einzubinden und sie dafür sogar zu bezahlen. Für sie sind die Genesungsbegleiter denn auch keine Laien, sondern "Experten aus Erfahrung" und damit wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil der Krankenhausversorgung.

Die guten Erfahrungen in anderen Ländern haben die Klinikleitung in Bremerhaven schließlich überzeugt. Aber nach wie vor arbeitet Lacroix daran, alle mit ins Boot der multiprofessionellen Teams zu holen. "Ich begleite alle Berufsgruppen der Stationen mit Workshops, Supervision und Coachings", sagt Lacroix. Am schwierigsten waren die Abteilungen zu überzeugen, in denen viele Mitarbeiter eine Fachweiterbildung haben. "Klar haben die sich zuerst gefragt, wieso mache ich eine große Ausbildung, wenn hier auch praktisch Ungelernte ihr Geld verdienen?", so Lacroix, "da kommen auch Angst und Neid auf, wenn dann neue Mitarbeiter vor allem ihrer Erfahrungen wegen eingestellt werden." Schnee von gestern. "Inzwischen stehen alle Mitarbeiter hinter dem Projekt."

Mehr unter www.klinikum-bremerhaven.de und www.ex-in.net

5.026 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Angelika Lacroix

Pflegedienstleiterin Klinikum Bremerhaven Reinkenheide

E-Mail: Angelika.Lacroix[at]klinikum-bremerhaven.de

Erstellungsdatum: 15.12.2013