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Ritterburg mit Toilette

Vor einem Jahr machte sich die Kulturwissenschaftlerin Luise Lübke selbstständig und gründete nach finnischem Vorbild die erste Kinder-Architekturschule Deutschlands in Bremen – den Baukasten. Foto: Focke Strangmann
Vor einem Jahr machte sich die Kulturwissenschaftlerin Luise Lübke selbstständig und gründete nach finnischem Vorbild die erste Kinder-Architekturschule Deutschlands in Bremen – den "Baukasten". Foto: Focke Strangmann

Im "Baukasten" von Luise Lübke können schon Vierjährige ihr eigenes Traumhaus bauen. Die 35-jährige Kulturwissenschaftlerin bietet Architekturkurse für Kinder an.

Der sechsjährige Alexander malt mit Eifer ein kleines Plastikteil grau an. "Das wird das Klo für die Ritter", erklärt er, während er mit einem Pinsel noch mehr Farbe aufträgt. Vor ihm steht eine noch nicht ganz fertig gebaute Ritterburg samt Burggraben. An einem der vier Türme will er später die selbstgebastelte Toilette ankleben. Alexander besucht zusammen mit fünf weiteren Jungen einen Kurs im Bremer "Baukasten" – es ist die erste Architekturschule für Kinder in Deutschland.

"Kindern Architektur zu vermitteln, kommt gerade aus der Nische heraus", sagt "Baukasten"-Gründerin Luise Lübke. Verlage gäben entsprechende Bücher heraus, Spielzeughersteller böten Bausätze in verschiedensten Varianten an. Luise Lübke freut sich über den Trend, der so zu Beginn ihrer Selbstständigkeit vor rund einem Jahr noch nicht abzusehen war.

Damals kamen verstärkt Schulen auf sie zu, die mit ihrer Hilfe den Schülern Architektur näher bringen wollten. Für die Bremerhavener Astrid-Lindgren-Ganztagsschule erarbeitete die 35-Jährige einen Lehrplan für das Unterrichtskonzept Architektur. "Kinder können dabei ganz nebenbei erlernte Fähigkeiten aus Mathematik, Naturwissenschaften, Sachkunde und Kunst einsetzen", erklärt Lübke. An einer anderen Schule soll sie die Kinder mit an der Planung und Gestaltung einer neuen Mensa beteiligen.

Spielerisch den Blick für Architektur öffnen

Ihr gehe es nicht darum, zukünftige Architekten auszubilden, sagt die "Baukasten"-Leiterin. Vor allem sollten die Kinder ihre Kreativität ausleben und einen Sinn für Proportionen, Formen und Konstruktionstypen bekommen. Erlernt werde handwerkliches Geschick ebenso wie abstraktes Denken. Gerne beginne sie einen Kurs damit, durch die Straßen spazieren zu gehen, um sich die verschiedenen Häuser genauer anzuschauen. "Ich möchte den Kindern den Blick für Architektur öffnen", sagt Luise Lübke. Den spielerischen Ansatz hält sie dabei für ganz wichtig. Manchmal kämen Kinder aber auch schon mit ganz konkreten Entwürfen und Skizzen.

Auch handwerkliche Fähigkeiten werden in Lübkes Kursen gefördert. "Hier können die Kinder sägen, bohren, schneiden und hämmern", sagt Lübke. Das findet auch Alexander gut. "Für ihn ist es das Größte, an der Werkbank zu arbeiten", sagt seine Mutter Olga Janzen. Direkt neben Alexander arbeitet der sechsjährige Jonas gerade an der Gestaltung des Außenbereichs seiner Ritterburg. Um seine Bäume aus Schaschlikstäbchen und grüner Wolle klebt er mit einer Heißklebepistole kleine Kieselsteinchen.

Auch Luise Lübke hat sich bereits als Kind für Architektur begeistert. Das hat Tradition in ihrer Familie: Der Lebensgefährte ihrer Mutter ist Architekturhistoriker und ihr Großvater Hermann Henselmann war der bedeutendste Architekt der DDR. Seine Bauwerke prägen noch heute das Gesicht Ost-Berlins.

An den Leistungen des Großvaters wollte Luise Lübke sich nicht messen lassen. "Ich habe mich deshalb nicht getraut, Architektur zu studieren, das Vorbild war zu groß", räumt Lübke ein. So kam die gebürtige Berlinerin 2004 nach Bremen, um an der Universität das Studium der Kunst- und Kulturwissenschaften sowie der Soziologie aufzunehmen. Ihr besonderes Interesse galt vor allem der Architekturvermittlung für Kinder und Jugendliche.

Architekturschule in Finnland als Vorbild

In der Bremer Architekturschule Baukasten können Kinder spielerisch ihre Kreativität ausleben, einen Sinn für Proportionen, Formen und Konstruktionstypen bekommen. Foto: Focke Strangmann
In der Bremer Architekturschule "Baukasten" können Kinder spielerisch ihre Kreativität ausleben, einen Sinn für Proportionen, Formen und Konstruktionstypen bekommen. Foto: Focke Strangmann

Nach dem Studium stand für sie fest, dass sie genau das auch beruflich weiter machen wollte. "Etwas anderes war für mich undenkbar." Doch einen Job in dem Bereich gab es nicht, deshalb musste sie ihn sich selbst schaffen. Sie erfuhr von der Architekturschule für Kinder "Arkki" in Helsinki, besuchte sie und war begeistert von den Angeboten. "Die machten genau das, was ich machen wollte", sagt die Mutter von zwei sechs und elf Jahre alten Töchtern.

Sie schrieb ein Konzept, wurde von der Bremer Aufbau-Bank ein Jahr lang in ihrer Existenzgründung gefördert und gewann den Bremer Gründerwettbewerb "Campusideen". Schließlich mietete sie einen Raum in der Innenstadt für ihre Schule an und besorgte Modellbaupappe, Kunststoffe, Wolle, Eierschalen und Zahnstocher als Baumaterialen. Inzwischen hat sie schon erste Sponsoren gefunden, die sie mit Bauteilen unterstützen. Mithilfe ihrer Schwester erstellte sie den Internetauftritt des "Baukastens" sowie Flyer.

Neben den wöchentlichen Kursen bietet sie auch Familienworkshops an, zu denen bereits Vierjährige mit ihren Eltern kommen können. "Bauen ist ein natürlicher Drang des Kindes", sagt Lübke. Kleinkinder stapeln Bauklötze zu Türmen oder bauen mit Legosteinen Häuser. Zudem veranstaltet Luise Lübke Desgin-Workshops, bei denen Kinder selbst Möbel gestalten können. Auch Kindergeburtstage hat der "Baukasten" inzwischen im Programm. Gebaut werden kann alles, was gefällt: Weltraumstationen, Knusperhäuschen, Swimmingpools, Pferdeställe oder eben Ritterburgen.
Seit rund sieben Wochen beschäftigt sich ihr Freitagskurs mit Rittern. "Es ist mir wichtig, dass wir uns einem Thema ganzheitlich nähern", sagt Lübke. Die Gruppe hat sich ein Bilderbuchkino angeschaut, sich gegenseitig Geschichten aus dem Mittelalter erzählt, und jeder hat Bücher von zuhause mitgebracht. "Dabei kam die Frage auf, ob die Ritter damals schon Toiletten hatten", erzählt Lübke.

Das Thema ließ den sechsjährigen Alexander nicht mehr los, deshalb war es für ihn wichtig, dass seine Ritterburg entsprechend ausgestattet wird. Sein "Klo" hat er inzwischen fertig angemalt und legt es zum Trocknen hin. Nächsten Freitag will er es an der Burg befestigen.

Mehr unter www.baukasten-bremen.de

5.653 Zeichen, Autorin: Janet Binder

Pressekontakt:

Luise Lübke

E-Mail: kontakt[at]baukasten-bremen.de

Erstellungsdatum: 27.05.2013