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Bücher im ewigen Eis

Leseratte im ewigen Eis: Die Physikerin Lisa Kattner durfte die hauseigene Bibliothek der Forschungsstation Neumayer III des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts in der Antarktis erweitern. Foto: Jölund Asseng
Leseratte im ewigen Eis: Die Physikerin Lisa Kattner durfte die hauseigene Bibliothek der Forschungsstation Neumayer III des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts in der Antarktis erweitern. Foto: Jölund Asseng

In der Antarktis gibt es nicht nur Pinguine, sondern auch Ratten – genauer: Leseratten. Sie wohnen auf der deutschen Forschungsstation Neumayer III und können aus dem Vollen schöpfen. Den neun Überwinterern, die 14 Monate auf der Station verbringen, stehen gleich zwei gut ausgestattete Bibliotheken zur Verfügung.

Physikerin Lisa Kattner liest für ihr Leben gern. Deswegen war es für sie wie ein kleiner Lottogewinn, als sie für einen namhaften Geldbetrag Bücher einkaufen durfte. Das war vor zwei Jahren. Sie war gerade auf dem Sprung, die kommenden 14 Monate zusammen mit acht Kollegen an einem der einsamsten Orte der Welt zu verbringen: Auf Neumayer III, der Forschungsstation des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Antarktis. Die Bücher sollten die dortige Bibliothek erweitern.

"Auf der Neumayer-Station gibt es sogar gleich zwei Bibliotheken", erzählt Lisa Kattner. Für eine von beiden war ihr Bücher-Einkauf gedacht, den eine Spende der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglicht hatte. Die andere Bücherei ist ein Werk des Kölner Künstlers Lutz Fritsch, das er bereits vor neun Jahren geschaffen hat.

Wer im ewigen Eis der Antarktis als Forscher zum Verständnis des Klimas und seiner Veränderungen beitragen will, muss einiges aushalten: Temperaturen, die nur während weniger Tage geringfügig über die Null-Grad-Grenze klettern, über längere Zeit dagegen ohne Weiteres auf minus 40 Grad Celsius sinken können. Zwei Monate lang geht die Sonne nicht auf, die Polarnacht wird dann allenfalls durch Polarlichter erhellt. Und ebenso viele Monate geht die Sonne nicht unter.

Auch am Neujahrstag aktiv

Dazu kommen plötzlich einsetzende Schlechtwetterlagen, die jeden Schritt vor die Stationstür zum lebensgefährlichen Unterfangen machen können. Und es wartet jede Menge Arbeit auf die Forscher: "Gerade weil man nie weiß, ob und wie lange das Wetter das Arbeiten unmöglich macht, nutzt man jede Gelegenheit für seine geplanten Experimente", sagt Jölund Asseng, der als Stationsleiter auf Neumayer III eingesetzt war, als auch Lisa Kattner dort arbeitete. Selbst am Neujahrstag sind die Wissenschaftler aktiv.

Wer sich auf so etwas einlässt und 14 Monate lang den Familien, Freunden und dem vertrauten Alltag "Adieu" sagt, muss überzeugt sein von dem, was er tut. "Für mich war das schon ein Kindheitstraum", sagt Asseng. Immer wieder stellte der Meteorologe die Verwirklichung zurück: "Solange meine Kinder klein waren, kam es für mich selbstverständlich nicht in Frage, die Familie für eine so lange Zeit allein zu lassen."

Wer Asseng oder andere Wissenschaftler wie Lisa Kattner über ihre Erfahrungen im Eis erzählen hört, bekommt einen kleinen Eindruck davon, wie faszinierend das Leben und Arbeiten in einer einmaligen Atmosphäre am Ende der Welt sein kann. Aber auch auf der Schelfeiskante an der Atka-Bucht im nordöstlichen Weddell-Meer gibt es so etwas wie Alltag, Routine, Feierabend und den Wunsch, einfach mal abzuschalten.

Speziell dafür hat Lutz Fritsch bereits 2004/2005 einen Raum geschaffen. Zehn Jahre zuvor hatte Fritsch schon einmal in der damaligen AWI-Station Neumayer II Eindrücke vom Leben im ewigen Eis gesammelt. "Mich faszinierte die Weite, die Maßstabslosigkeit des Naturraums, die Ästhetik der dem Eis innewohnenden Kräfte sowie der Kontrast zwischen der Zivilisations-Geschwindigkeit und der Langsamkeit und der scheinbaren Raum-Zeitlosigkeit dieses Naturraums am Ende der Welt", beschreibt Fritsch seine Eindrücke.

Bücher im 20-Fuß-Container

Vor neun Jahren schuf der Kölner Künstler Lutz Fritsch eine Bibliothek in der Antarktis. Der 20-Fuß-Container beherbergt tausend Bücher – Stiftungen von Künstlern und Wissenschaftlern aus allen Disziplinen. Foto: Jölund Asseng
Vor neun Jahren schuf der Kölner Künstler Lutz Fritsch eine Bibliothek in der Antarktis. Der 20-Fuß-Container beherbergt tausend Bücher – Stiftungen von Künstlern und Wissenschaftlern aus allen Disziplinen. Foto: Jölund Asseng

Das Erlebte und Empfundene setzte er in einem zehn Jahre währenden Prozess um, an dessen Ende die "Bibliothek im Eis" entstand: ein 20-Fuß-Container, außen in verschiedenen Grüntönen lackiert, das Dach und der Boden sind knallrot gestrichen. Im Inneren ist die beheizte Box mit Teppichboden, Holzmöbeln und einem Ledersofa ausgestattet. Vor dem Fenster steht zudem ein Schreibtisch mit Sessel. Eine Landmarke sollte der Container sein, ein Gegenpol zur Forschungsstation, schreibt Fritsch auf seiner Homepage.

Der nüchternen Sachlichkeit der wissenschaftlichen Arbeit hielt er seine künstlerische Idee entgegen: Die Bibliothek enthält tausend Bücher – Fritsch hatte Künstler und Wissenschaftler aller Disziplinen persönlich gebeten, ein Buch für diesen speziellen Ort auszuwählen und zu stiften. "Da ist alles zusammengekommen, was man sich vorstellen kann", berichtet Lisa Kattner. Belletristik, Fachliteratur und Bildbände sind zu finden. "Vieles auch mit einer persönlichen Widmung", weiß Kattner.

Als Fritsch die "Bibliothek im Eis" schuf, hatte der Container auf dem Eis noch eine ganz besondere Bedeutung. "Es war der einzige Ort, von dem man aus einem Fenster auf die Eislandschaft schauen konnte", sagt Jölund Asseng. Denn die damalige Neumayer-Station war eine Röhre unter dem Eis, in der die Wissenschaftler lebten und arbeiteten. Die neue, 2009 in Betrieb genommene Station steht über dem Eis. Jeder Raum bietet Ausblick, jeder Stationsbewohner hat sein eigenes Zimmer, so hat der grüne Container etwas von seiner besonderen Funktion eingebüßt. "Aber trotzdem ist die Bibliothek ein beliebter Ort, um einfach einmal abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen", sagt Lisa Kattner.

"Entdeckung der Langsamkeit" steht im Regal

Nur des Lesens willen muss sich allerdings niemand die Mühe machen, durch Schnee und Eis zu stapfen. Im "Wohnzimmer" von Neumayer III steht jene zweite Bibliothek, die Lisa Kattner mit ihrem Großeinkauf neu ausgestattet hat. "Die Bücherei ist über Jahre gewachsen", sagt die Atmosphären-Forscherin. Immer wieder haben die Teams Bücher mitgebracht. Moderne Literatur ist dort ebenso zu finden wie Geschichtliches: "Wir haben dort auch die Expeditionsberichte von anderen Polarforschern", sagt Lisa Kattner. Sten Nadolnys "Entdeckung der Langsamkeit" über die Expeditionen von John Franklin gehört genauso dazu wie das Buch "In Nacht und Eis", in dem Polar-forschungspionier Frietjof Nansen die norwegische Eis-Expedition von 1893 bis 1896 beschreibt.

Allerdings: Auch wenn 14 Monate in der Antarktis nach viel Zeit zum Lesen klingen – den Gesamtbestand der beiden Büchereien schafft wohl kaum jemand. "Man nimmt sich so viel vor und kommt am Ende dann doch längst nicht zu allem", erinnert sich Jölund Asseng an seine Zeit. Außerdem bietet Neumayer III nicht nur die beiden gut ausgestatteten Bibliotheken, sondern auch eine umfangreiche Videothek. Jeden Sonntagabend trifft sich das Team zum "Tatort-Gucken" – die Antarktisstation dürfte über eine der umfassendsten Sammlungen der beliebten Krimi-Serie verfügen. "500 Folgen werden das wohl sein", schätzt Asseng. Und spätestens wenn der Vorspann über den Bildschirm flimmert, ist es am Ende der Welt nicht anders als in vielen deutschen Wohn-zimmern: während die Tatort-Kommissare den Tätern hinterher jagen, legt die Forschergemeinschaft entspannt die Füße auf den Tisch.

Mehr unter www.awi.de/de/infrastruktur/stationen/neumayer_station/ und www.lutz-fritsch.de

6.976 Zeichen, Autor: Wolfgang Heumer

Pressekontakt:

Dr. Folke Mehrtens

AWI-Pressereferentin

E.Mail: folke.mehrtens[at]awi.de

Erstellungsdatum: 27.05.2013