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Kurzfassung: Die stumme Erzählerin

Sie spricht nicht – sie schreibt. Mit 13 Jahren wurde bei Nicoleta Craita Ten’o Schizophrenie und Autismus diagnostiziert. Ihre Romane, Erzählungen und Gedichtsammlungen sind mehrfach ausgezeichnet. Foto: Silke Düker
Sie spricht nicht – sie schreibt. Mit 13 Jahren wurde bei Nicoleta Craita Ten’o Schizophrenie und Autismus diagnostiziert. Ihre Romane, Erzählungen und Gedichtsammlungen sind mehrfach ausgezeichnet. Foto: Silke Düker

Mit 13 Jahren hörte Nicoleta Craita Ten’o auf zu sprechen. Stattdessen schrieb sich das Mädchen unermüdlich den Schmerz, ihre Wünsche und Sehnsüchte von der Seele. Die inzwischen 30-jährige Bremer Autorin hat mehrere Romane, Erzählungen und Gedichtsammlungen veröffentlicht.

In der Tagesstätte für psychisch Kranke stehen die Fenster im Wintergarten offen. Gerade eben hat hier noch etwa ein Dutzend Menschen zu Mittag gegessen. Ein Mitarbeiter säubert die Tische. Vor einem der Fenster sitzt Nicoleta Craita Ten’o. Sie schreibt auf einen Zettel: "Um 14 Uhr muss ich putzen. Auch hier. Dann das Treppenhaus, die drei Toiletten, und den Raum vorne wischen und staubsaugen." Seit einigen Monaten erst arbeitet sie in der Tagesstätte. Die 30-Jährige kommuniziert mit ihren Mitmenschen nur schriftlich. Vor 17 Jahren hörte sie mit dem Sprechen auf.

Was in der Einrichtung kaum jemand weiß: Die 30-Jährige ist Schriftstellerin. In ihrem Heimatland Rumänien erhielt sie bereits als 20-Jährige den renommierten Literaturpreis "Prima Verba" für ihren Roman "Rebel" ("Rebellisch").

Als Achtjährige erstes Gedicht geschrieben

Als Kind besucht Nicoleta Craita Ten’o die Grundschule in ihrer Heimatstadt GalaTi in Rumänien. Sie ist sprachgewandt, bereits mit acht Jahren verfasst sie ihr erstes Gedicht. Es folgen viele weitere. Dann plötzlich, mit 13 Jahren, zieht sie sich von einem Tag auf den anderen aus dem Leben zurück. Die Ärzte diagnostizieren Schizophrenie und Autismus. Von nun an spricht Nicoleta kein Wort mehr. Die Schule muss sie abbrechen. Drei Jahre verbringt sie im Bett, will die Wohnung nicht mehr verlassen.

Ihre Mutter ist verzweifelt, möchte helfen. Überzeugt von ihrem Talent, schickt sie eine Auswahl ihrer Gedichte an den Präsidenten des Verbandes rumänischer Schriftsteller. Der ist begeistert und bietet sofort eine Veröffentlichung an. Es erscheint Nicoletas erster Lyrikband "Durerea in durere piere" (Der Schmerz verschwindet im Schmerz). Zwei Jahre später erscheint ihr Debüt-Roman "Pe urmele Fefelegei" (Auf den Spuren von Fefelegei) und noch im selben Jahr ein weiterer rumänisch-sprachiger Gedichtband. "Da habe ich plötzlich begriffen, dass ich schreiben kann. So wurde aus etwas ganz Intimem ein starker Wunsch, der Welt etwas von mir zu hinterlassen", teilt sie mit.

Als sie 18 Jahre alt ist, siedeln die Eltern, beide Schiffsbauingenieure, mit ihr und der jüngeren Schwester nach Deutschland über. In Bremen angekommen, schreibt sie die ersten Jahre noch in ihrer Muttersprache. Dann bringt sie sich die neue Sprache selbst bei. Nicht nur notdürftig, sondern nahezu perfekt. Beim Lernen geht sie systematisch vor, übersetzt mithilfe eines Wörterbuchs ins Deutsche. "Als ich anfing, auf Deutsch zu schreiben, habe ich bis zu acht Stunden für ein Gedicht gebraucht. Immer noch schlage ich bei jedem Text im Duden nach. Mir fehlt das Gespür, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Ich habe sie eher 'mathematisch' gelernt. Ich wünschte mir sehr, ich könnte sie spüren, weil Deutsch eine wunderschöne Sprache ist", schreibt die Autorin.

Nicoletta schreibt wie eine Besessene. "Ich schreibe morgens nach dem Aufwachen oder – wenn ich vormittags in der Tagesstätte arbeite – nach der Arbeit, wenn ich nach Hause komme. Ich habe meine eigenen Rituale und mein eigenes Programm", erklärt sie. Die Arbeit trägt Früchte. Vor drei Jahren erschien Nicoletas erster deutschsprachiger Lyrikband "Haruka", ein Jahr später "Drei Köpfe" sowie eine Erzählung. Im Sommer 2012 brachte der Zwiebelzwerg-Verlag einen Prosa-Band heraus. "Inzwischen sind diese eigenen Bücher der Grund, wieso ich am Leben bin, meine Motivation weiterzukämpfen."

Wohnung voller Puppen

Ihre Bücher sind für sie Lebensinhalt und Motivation – die stumme Autorin Nicoleta Craita Ten’o hofft, eines Tages von der Schriftstellerei leben zu können. Foto: Silke Düker
Ihre Bücher sind für sie Lebensinhalt und Motivation – die stumme Autorin Nicoleta Craita Ten’o hofft, eines Tages von der Schriftstellerei leben zu können. Foto: Silke Düker

Nicoletta kämpft viel. Mit dem Leben, ihrer Vergangenheit, gegen die Zeit: "Ich möchte ein Kind sein", bekennt sie. "Deswegen habe ich mir mein eigenes Universum aufgebaut. Meine Wohnung ist voll mit Puppen. Ich lasse sie keine Sekunde aus dem Arm. Sie begleiten mich auch außerhalb der Wohnung. Das stößt nicht immer auf Toleranz." Doch der Wunsch, als Kind wahrgenommen zu werden, ist übermächtig. Mit einer Ausnahme: "Meine Bücher sollen die einer erwachsenen Frau sein. Sie sind mein Ventil und mein Zugang zur Normalität. Ich wünsche mir, irgendwann mal von der Schriftstellerei leben zu können."

Kontakt zu den anderen Patienten der Tagesstätte hat Nicoleta nicht. "Ich fühle mich hier vor allem wohl, wenn ich arbeiten kann", schreibt sie auf den Zettel. Das heißt: Stofftiere für Kinder nähen, Mützen und Schals stricken oder Hausarbeiten verrichten. Die neue Tätigkeit strukturiert ihren Tagesablauf, der – seit sie bei der Mutter ausgezogen ist – zunehmend von Selbständigkeit geprägt ist. Sie wohnt zusammen mit ihrer Katze Haruka, die sie seit 14 Jahren begleitet. "Ich kann mich auf sie verlassen, sie hat ein wachsames Auge auf mich."

Mehr unter www.zwiebelzwerg.de

4.834 Zeichen, Autorin: Silke Düker

Pressekontakt

Zwiebelzwerg Verlag

E-Mail: verlag[at]zwiebelzwerg.de

Erstellungsdatum: 20.06.2013