Sie sind hier:

Singendes Holz

Christian Kuhlmann ist Cembalobauer. Seine Instrumente, die in mehreren hundert Stunden Handarbeit entstehen, sind historischen Vorbildern aus dem 17. und 18. Jahrhundert nachempfunden. Foto: Jörg Sarbach
Christian Kuhlmann ist Cembalobauer. Seine Instrumente, die in mehreren hundert Stunden Handarbeit entstehen, sind historischen Vorbildern aus dem 17. und 18. Jahrhundert nachempfunden. Foto: Jörg Sarbach

Christian Kuhlmann ist Cembalobauer. Seine Instrumente, die in mehreren hundert Stunden Handarbeit entstehen, sind historischen Vorbildern aus dem 17. und 18. Jahrhundert nachempfunden. Zum Einsatz kommen sie auch beim Musikfest Bremen.

Neben der Hobelbank liegt eine CD-Sammlung mit klassischen Musikstücken, auf dem Boden sind Holzspäne verstreut: Wenn Christian Kuhlmann in seiner Werkstatt zum Hobel greift, um Pappel- oder Eichenholz in die gewünschten Maße zu bringen, begleitet ihn dabei meist alte Musik. Seine Arbeit erfordert nicht nur gutes Handwerk, sondern auch Herz und Gehör. "Ein Cembalo ist mehr als die Summe seiner Teile, es hat Leben", sagt Christian Kuhlmann. Ihn hat der Klang zum Cembalobau gebracht. Das war vor 20 Jahren.

Bundesweit gehen nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks knapp 600 geprüfte Klavier- und Cembalobauer ihrer Arbeit nach. Christian Kuhlmann hat sich ausschließlich dem originalgetreuen Nachbau des Cembalos verschrieben, das im 17. und 18. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte, später aber in den Schatten des Klaviers geriet. Klang, Aufbau und Mechanik unterscheiden sich stark: Anders als beim Klavier werden beim Cembalo etwa die hellen Töne durch ein Anreißen der Saiten erzeugt.

Die Liebe zu alter Musik

Christian Kuhlmann war gelernter Tischler, als er seine Leidenschaft für Cembali über alte Musik entdeckte. Gemeinsam mit einem Freund baute er damals Lautsprecher. "Da das Cembalo sehr feine Klänge produziert, eignet es sich sehr gut zum Test von Lautsprechern", erklärt der 45-Jährige. Als später die Idee entstand, selbst ein Cembalo zu bauen, war das der Grundstein für Christian Kuhlmanns Beruf(ung). Er fuhr nach Antwerpen, um im Museum und in Privatsammlungen historische Cembali zu studieren, machte Fotos, erstand eine Bauzeichnung – und begann mit dem ersten Nachbau. "Das war der Anfang." Heute spricht Kuhlmann gern vom Instrument als "offenem Buch", das er statt eines Lehrbuchs studiert habe. Seine Erfahrung habe ihm gezeigt: "Wenn man den Klang verinnerlicht hat, baut man ihn mit hinein."

Es ist der zentrale Ansatz seiner Arbeit in der heimischen Kellerwerkstatt: Der Nachbau soll keine "bloße" plangenaue Kopie des Originals sein. "Es kommt beim Bau nicht auf die Maße, sondern den Klang an. Ich bin daran interessiert, das Originalinstrument nachzubauen und genauso klingen zu lassen", sagt der Cembalobauer. Die verwendeten Materialien orientieren sich am Original – so wird der Korpus aus weichem Pappelholz gefertigt, innen werden Eiche und Douglasie verarbeitet oder auch mal Birnenholz, wenn es ursprünglich von den Meistern verwendet wurde. Die Auswahl der Hölzer hat mit der Herkunft der Instrumente zu tun: So griffen flämische Cembalobauer teils auf anderes Holz zurück als italienische oder spanische – alles hat Auswirkungen auf den Klang des Instruments.

Rund 750 Stunden braucht Christian Kuhlmann in der Regel für ein Instrument mit zwei Manualen, sprich Tastaturen; bei den Einmanualigen werden rund 400 Stunden veranschlagt. Um zum Beispiel die Flügelform eines Cembalo-Korpus herzustellen, muss das Holz gebogen werden. Kuhlmann macht das unter Zufuhr von Hitze – das dauert Stunden. Schon ein kurzer Blick in das Innenleben des Instruments zeigt, dass hier kleinteilige, präzise Handarbeit gefragt ist: Über den Resonanzboden ziehen sich die Saiten. Jede wird später mechanisch durch den Kiel angerissen, der wiederum beweglich in einen Holzstab – Springer genannt - eingearbeitet ist. 60 gibt es pro Register, sprich Saitensatz. Kuhlmann fertigt jeden Springer selbst, denn: "Der Klang steckt schon im Kiel." Bereits hier mache es einen Unterschied, ob das Holz des Springers am unteren Ende fein oder nur grob angeschliffen ist.

Instrumente sind bei Konzerten im Einsatz

Ein Blick in das Innenleben eines Cembalos zeigt, dass beim Bau präzise Handarbeit gefragt ist. Über den Resonanzboden ziehen sich die Saiten. Jede wird später mechanisch durch den Kiel angerissen, der wiederum beweglich in einen Holzstab eingearbeitet ist.  Foto: Jörg Sarbach
Ein Blick in das Innenleben eines Cembalos zeigt, dass beim Bau präzise Handarbeit gefragt ist. Über den Resonanzboden ziehen sich die Saiten. Jede wird später mechanisch durch den Kiel angerissen, der wiederum beweglich in einen Holzstab eingearbeitet ist. Foto: Jörg Sarbach

Das Instrument in seiner Bestimmung zu erleben, ist dem Cembalobauer spürbar wichtig. Neben Nachbauten und Restaurierungen vermietet er heute auch historische Tasteninstrumente für große Konzerte: beispielsweise bei den Musikfestspielen Potsdam im Schloss Sanssouci, den Internationalen Händel-Festspielen in Göttingen, dem Festival der alten Musik in Brügge – und seit rund zehn Jahren beim Musikfest Bremen, das dieses Jahr am 24. August beginnt. Vor und während des Festes sorgt Christian Kuhlmann dafür, dass das Cembalo an Ort und Stelle steht, gestimmt und einsatzbereit ist. Für den Musiker ist er der erste Ansprechpartner, wenn es um das Instrument geht.

Hauskonzertreihe wiederbelebt

Sein allererstes Instrument, der Nachbau eines flämischen Cembalos aus dem Jahr 1644, steht noch im heimischen Wohnzimmer. Auch die Blumenornamente, die im Original den Resonanzboden schmückten, sind hier nachempfunden. In kräftigen Farben blüht der Mohn, schlängeln sich Blütenstiele und auch die äußere Marmoroptik, den die Meister im 17. Jahrhundert imitierten, ist originalgetreu. Eine Optik, die dafür gemacht ist, dass sie betrachtet wird.

Diese Gelegenheit bietet sich einem kleinen Publikum zu ausgewählten Anlässen: Vor einigen Jahren begann Christian Kuhlmann damit, sein Haus für Hauskonzerte zu öffnen. Ursprüngliche Idee war, Cembalo-Interessenten und Auftraggebern eine Möglichkeit zu bieten, das Instrument in Konzertatmosphäre zu erleben. Daraus entstand eine inzwischen etablierte Veranstaltungsreihe, zu der Kuhlmann und seine Frau Sabine – sie ist Barockgeigerin – ausgewählte Musiker in ihr Haus einladen und die Türen für rund 50 Gäste öffnen. Nach dem Konzert wird zum Büffet geladen, das das Ehepaar gemeinsam zubereitet.

Die Konzertreihe hat längst ein Eigenleben entwickelt: Eingeladen werden nicht nur Cembalisten, sondern auch Gäste wie Rosario Conte, der Solo-Lautenist der Sängerin Cecilia Bartoli, oder der Hammerklavierist Kristian Bezuidenhout. In Bremen sind die Konzerte im "Kulturhaus Ronning" inzwischen ein Geheimtipp mit Warteliste. Der Name geht übrigens auf Kuhlmanns Urgroßvater, den hanseatischen Kaffeekaufmann Carl Ronning, zurück.

Sein Urenkel sagt heute: "Ich bin ein Verfechter des alten Handwerks." In seiner Kellerwerkstatt entsteht vieles nicht nur in Handarbeit, sondern "mit Hand, Verstand, Gefühl und Geist". Ganz wie es die Meister im 17. Jahrhundert taten. So zeigt sich auf einem französischen Cembalo aus dem Jahr 1751, das der Erbauer ebenfalls sein eigen nennt, originalgetreu ein handgemalter Vogel, der auf einem abgestorbenen Baum sitzt. Schon im 18. Jahrhundert wollte man damit sagen: Das tote Holz, es singt wieder.

Mehr unter www.cembalo-bremen.de

6.459 Zeichen, Autorin: Astrid Labbert

Pressekontakt:

Atelier für Cembalobau

Christian Kuhlmann

E-Mail: chris.kuhlmann[at]cembalo-bremen.de

Erstellungsdatum: 12.07.2013