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Der Herr der Wale

In den 1960er Jahren machte der Bremerhavener Wal-Experte Günther Behrmann einen bahnbrechenden Fund: Schwertwale besitzen ein Schlüsselbein. Bis heute hat der 81-Jährige 150 wissenschaftliche Arbeiten verfasst. Foto: Frank Miener
In den 1960er Jahren machte der Bremerhavener Wal-Experte Günther Behrmann einen bahnbrechenden Fund: Schwertwale besitzen ein Schlüsselbein. Bis heute hat der 81-Jährige 150 wissenschaftliche Arbeiten verfasst. Foto: Frank Miener

Günther Behrmann hat sich den Walen verschrieben. Auch mit 81 Jahren jettet der Bremerhavener Präparator deshalb noch um die Welt. Maritime Museen rund um den Globus schätzen seine Kompetenz.

An der Decke von Günther Behrmanns Büro im Dachgeschoss eines Bremerhavener Mehrfamilienhauses hängen Skelette von Fischen. Von einem Schrank lugt eine Schildkröte herunter. Bücher stehen in der Ecke und viele Bilder von seinen Reisen hängen an der Wand. Behrmann ist gelernter Präparator. Sein Spezialgebiet sind Wale. "Ich habe schon immer Interesse an der Anatomie gehabt", erzählt Behrmann, der auch noch mit 81 Jahren präpariert. Etliche Pottwal-Skelette hat er schon zusammengesetzt. Durch seine Arbeit wurde er zum international angesehenen Wal-Experten.

Günther Behrmann reist deshalb viel und hilft weltweit, maritime Museen zu errichten. Behrmann war lange Jahre Präparator und außerdem Leiter des Nordsee-Museums am Institut für Meeresforschung in Bremerhaven, das später vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) übernommen wurde.

Fachwelt erstaunt über Entdeckung

1956 floh er aus der DDR in den Westen und machte Station in Bayern. Nachdem er in Kiel am Institut für Haustierkunde sechs Semester Anatomie studierte, kam er 1960 nach Bremerhaven. Sein Auftrag lautete, Meerestiere zu präparieren. Zwei Jahre später machte er einen für die Wissenschaft beinahe sensationellen Fund. "Wir haben an Schwertwalen gearbeitet und dabei herausgefunden, dass sie Schlüsselbeine haben", erzählt Behrmann. Das war zu der Zeit eine Überraschung für die Fachwelt, die zunächst skeptisch reagierte.

Als Präparator hatte er keinen Lehrstuhl inne, sondern war als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Erst nachdem ein angereister Professor den Fund selbst untersuchte und die Entdeckung bestätigte, wurde in der Fachwelt akzeptiert, dass Behrmann Recht hatte. "Das war natürlich eine Genugtuung für mich", sagt Günther Behrmann heute. Vor allem auch, weil der Professor ihm einen Rat mitgab: "Hören Sie nicht auf, und machen sie da weiter." Genau das hat er getan und so inzwischen rund 150 wissenschaftliche Arbeiten über Meerestiere, darunter allein 75 zur Anatomie der Wale, in der Fachpresse veröffentlicht.

Arbeiten im Ausland überprüft

Seit er einen Wal hat springen sehen, ist Günther Behrmann von der Spezies fasziniert. Nun widmet er sich einer neuen Leidenschaft: den Pilzen. Bereits 2.000 hat der Präparator mit seiner Frau katalogisiert. Foto: Frank Miener
Seit er einen Wal hat springen sehen, ist Günther Behrmann von der Spezies fasziniert. Nun widmet er sich einer neuen Leidenschaft: den Pilzen. Bereits 2.000 hat der Präparator mit seiner Frau katalogisiert. Foto: Frank Miener

Das war aber nicht immer einfach. "Ich wurde oft infrage gestellt und bin sehr viel kritisiert und auch persönlich angegriffen worden", erinnert sich der 81-Jährige. In deutschen Fachzeitschriften, die er sogleich als Beleg aus dem Regal zieht, fallen tatsächlich unschöne Worte über den Bremerhavener Präparator.

International reagierte die Fachwelt dagegen aufgeschlossener. "Ich ließ meine Arbeiten aufgrund der Kritiken in Deutschland im Ausland überprüfen", berichtet er. Die Universitäten in Innsbruck, Leiden und Bern untersuchten die Arbeiten Behrmanns und bestätigten seine Ergebnisse schließlich. Alle gegen Behrmanns Arbeiten erhobenen Vorwürfe konnten dadurch zweifelsfrei widerlegt werden. Es waren andere Zeiten. Heute ficht das den Fachmann nicht mehr an.

Wer einmal einen Wal habe springen sehen, der sei von der Spezies gefangen. "Die Tiere sind faszinierend", sagt er. "Für mich ist es der Reiz der Anatomie." Über diese habe er viel lernen können, zum Beispiel über das Gehör und das Gehirn. So viel, dass er inzwischen ein ausgewiesener Wal-Experte ist, dessen Rat selbst im Ruhestand noch viel in Anspruch genommen wird: Als Betreuer von Diplomanden und als Vortragsredner.

Karibik, Oman, Malediven

Seine wichtigste Aufgabe in den vergangenen Jahren war aber der Aufbau verschiedener Museumssammlungen auf der ganzen Welt. In der Karibik ist er tätig gewesen, im Oman und auf den Malediven. "Sie alle haben jetzt irgendwie ein Nordsee-Museum", schmunzelt er. Denn das kennt Behrmann in- und auswendig: Von 1960 bis zur Schließung für die Öffentlichkeit arbeitete er dort zunächst als Präparator und übernahm später die Leitung der Einrichtung. 24 Jahre war er dafür verantwortlich, über 5.000 Exponate zu sammeln und aufzubereiten. So konnten die Besucher im Nordsee-Museum riesige Walskelette bestaunen und dem Gesang der mächtigen Meeressäuger zuhören.

Als 1984 das Institut für Meeresforschung in das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) eingegliedert wurde, schloss das Museum und wurde zur wissenschaftlichen biologischen Sammlung des AWI. Seit 1999 ist die Sammlung eingelagert, erst vor wenigen Wochen wurde der Beschluss gefasst, sie zumindest in Teilen im Bremerhavener Schaufenster Fischereihafen wieder zu präsentieren.

Die Museen im Ausland haben Behrmann und seine Mitstreiter im Rahmen der jeweiligen Kultur gestaltet. "Und doch tragen sie alle die gleiche Handschrift", sagt der Experte. So auch die hochmodernen Vitrinen im 1999 gegründeten Eco Centre auf Kuramathi (Malediven): Dort ist ein Walskelett hinter Glas ausgestellt und das Tier scheint dort aufgrund einer ausgeklügelten Konstruktion frei im Raum zu schweben. "Das ist schon gut gelungen", freut sich Behrmann.

Neue Leidenschaft gefunden

Mit der gleichen Genauigkeit, mit der er einst die Wale untersuchte, widmet er sich nun zusammen mit seiner Frau seiner neuen Leidenschaft. Rund 2.000 verschiedene Pilzarten haben die beiden bisher katalogisiert. Dazu wandern sie im Herbst täglich durch die Region. "Meine Frau fotografiert, ich präpariere und mache Schnittzeichnungen", sagt Behrmann. Und dabei überlegt er schon, ob man das nicht auch publizieren sollte.

Mehr unter epic.awi.de (Publikationen von Günther Behrmann)

5.442 Zeichen, Autor: Frank Miener

Pressekontakt:

Günther Behrmann

Centre of Marine Research and Investigations of Cetacea

E-Mail: guenther.behrmann@gmx.de

Erstellungsdatum: 26.11.2013