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Kurzfassung: Zuflucht für die Seele

Refugio Bremen ist die einzige große psychosoziale Anlaufstelle für Flüchtlinge in Norddeutschland. Der Verein berät und behandelt seit 25 Jahren traumatisierte Flüchtlinge und Folterüberlebende. Etwa 250 Menschen finden hier jährlich Zuflucht. Einer von ihnen war Michael Davies aus Sierra Leone.

Zehn Jahre ist es her, dass Michael Davies bei Refugio zum ersten Mal klingelte. "Ich hatte nur Stress im Kopf und konnte keinen klaren Gedanken fassen", erinnert sich der 35-Jährige. Von den Psychotherapeuten der Beratungsstelle für Flüchtlinge erhoffte er sich Hilfe. Damals, mit 25, hatte er bereits viel erlebt.

Als er 16 ist, überreden ihn Verwandte dazu, sich für sein Land am Bürgerkrieg in Sierra Leone zu beteiligen. "Da kämpften noch viel Jüngere als ich. Die Kinder hatten Gewehre und damit Macht und Einfluss, in einem Land, wo es keine Regeln mehr gab". Michael beginnt, sich mit der Situation zu arrangieren – wie so viele andere tausend Kinder und Jugendliche. Doch schon bald kann er nachts nicht mehr schlafen: "Damals wusste ich, ich habe einen Fehler gemacht." Er möchte raus aus dem Horror. Die einzige Chance: Flucht.

"Das Beste, was mir passieren konnte"

2001 kommt er nach Bremen. "Ich war aggressiv und verrückt in dieser Zeit, weil ich mich so verloren fühlte", erinnert er sich. Nachts hat er Albträume, schreit und weint im Schlaf und schreckt mit Herzklopfen hoch. Auf Anraten der Flüchtlingsinitiative beginnt er eine Therapie bei Refugio. "Das Beste, was mir passieren konnte", meint er rückblickend. Zwei Jahre lang besucht er dort die Psychotherapeutin Renata Misa Obrsal-Ihssen. Die gebürtige Tschechin arbeitet seit elf Jahren bei Refugio.

Wie Michael suchen rund 250 Flüchtlinge aus 30 Ländern jährlich das Beratungs- und Behandlungszentrum auf. 2013 waren darunter 124 Neuanmeldungen. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien, Afghanistan und der Türkei. Menschen, die hier Hilfe suchen, wurden aufgrund ihrer religiösen, politischen, ethnischen oder sexuellen Zugehörigkeit verfolgt oder gar gefoltert. "Das erste Ziel in der Therapie mit schwer traumatisierten Menschen ist die Herstellung einer Situation der Sicherheit und eines Vertrauensverhältnisses für die weitere Arbeit", erklärt Renata Misa Obrsal-Ihssen.

Knapp 60 Prozent der neu angemeldeten Klienten sind weiblich, etwa 30 Prozent sind minderjährig. Kinder erhalten hier eine kindgerechte Therapie, einmal die Woche wird gespielt, gebastelt oder gezeichnet. Die Eltern warten solange draußen. Trotzdem sei es wichtig, die Eltern mit einzubeziehen. "Sie haben Angst um ihr Kind. Viele wissen auch nicht, was eine Psychotherapie ist, was wir machen, warum es ihrem Kind plötzlich besser geht", erzählt die Therapeutin.

Einige der neun fest angestellten und zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter arbeiten bereits seit 25 Jahren bei Refugio. Auch wenn es oft mühsam ist. "Ein Grundproblem unserer Arbeit ist, dass ein Großteil unserer Patienten einen ungesicherten Aufenthaltsstatus hat", sagt Obrsal-Ihssen. Doch erfordere eine Therapie vor allem einen sicheren Rahmen. Refugio versucht, die Neuankömmlinge in ein soziales Netz zu bringen und sie zu beraten, wie sie zu ihren Rechten kommen.

Dolmetscher sind unerlässlich

Eine weitere Hürde ist die Sprachbarriere. Obwohl die Therapeuten bei Refugio verschiedene Ansätze wie Körper-, Musik- oder Kunsttherapie verfolgen, die den Hilfesuchenden ermöglichen, ihren Gefühlen auch ohne Sprache Ausdruck zu geben, sind in der Psychotherapie Dolmetscher als Sprach- und Kulturvermittler unerlässlich. "Die Therapie-Dolmetscher befinden sich in einer besonders belastenden Situation", erklärt Obrsal-Ihssen. "Sie hören als erste – noch vor dem Therapeuten – die schlimmen Geschichten von Folter, Verfolgung und Flucht, von Vergewaltigung und Demütigung, und das auch noch in der Muttersprache – sie sind also ganz nah dran." Noch dazu passiere es, dass die Patienten vom Dolmetscher oft unbewusst Hilfe erwarten. Die Übersetzer machen daher bei Refugio eine Ausbildung, um besser die eigenen Grenzen erkennen zu können.

Gründung eines Stiftungsfonds

Beratung und Therapie sind für die Flüchtlinge unentgeltlich. Der Verein ist deshalb auf Spendengelder und Fördermittel angewiesen. 2009 gründete Refugio einen Stiftungsfond, der die Arbeit langfristig unabhängig machen soll. Inzwischen ist das Stiftungsfonds-Kapital auf rund 100.000 Euro angewachsen. Im Frühjahr 2014 konnte der Fonds in eine eigenständige Stiftung umgewandelt werden. Es ist ein wichtiger Schritt, die Arbeit des Behandlungszentrums nachhaltig abzusichern, sagt Obrsal-Ihssen.

Michael Davies ist seiner Therapeutin unendlich dankbar. "Sie lehrte mich, wie man mit Menschen umgeht, wie man Beziehungen eingeht." Sie war es auch, die ihn an seine Leidenschaft für Musik erinnerte. Michael schöpfte Mut und gründete mit einem Freund eine Band. Er lernte die deutsche Sprache, schloss eine Ausbildung zum Speditionskaufmann ab. Nun arbeitet er halbtags in seinem Job. "Ich brauche daneben noch viel Zeit für meine vielen anderen Aktivitäten", lacht er. Zum Beispiel im Übersee-Museum Bremen, wo er Kindern etwas über afrikanische Kultur erzählt.

Seit einem Jahr hat er eine neue Band, mit deren Auftritten er sogar Geld verdient. Was er in seinem Leben noch erreichen will? "Ich möchte irgendwann Kinder haben und ihnen ein Vorbild sein, ihnen zeigen, dass man etwas Gutes aus seinem Leben machen kann."

5.418 Zeichen, Autorin: Silke Düker

Mehr unter: www.refugio-bremen.de

Pressekontakt:

Refugio Bremen

E-Mail info[at]refugio-bremen.de

Erstellungsdatum: 21.05.2014