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Kurzfassung: Dem Himmel so nah

Der Fallturm in Bremen gilt Weltraumforschern als eine der ersten Adressen für Experimente unter Schwerelosigkeit. An ausgewählten Wochenenden steht das 146 Meter hohe Bauwerk neuerdings für einen ganz anderen Zweck zur Verfügung: Paare können sich in der Turmspitze trauen lassen und kommen so dem siebten Himmel noch ein wenig näher.

Bis zu diesem Moment ist alles glatt gelaufen, doch als die Braut dem Bräutigam den Ring an seinen linken Ringfinger stecken will, hakt es zunächst. Es benötigt etwas sanften Druck, bis das gute Stück schließlich seinen neuen Platz gefunden hat. Einen Kuss später ist es vollbracht: Kirstin Sievers und Jörg Schröder sind verheiratet.

Die beiden Bremer sind an diesem Samstag im September das erste Paar überhaupt, das sich im Fallturm das Ja-Wort gibt. Es ist ein besonderer Ort: Er bietet einen beeindruckenden Blick über Bremen, das Universitätsgelände und das Naturschutzgebiet Blockland – wenn die Sicht einigermaßen klar ist. Ausgerechnet zur Premierenhochzeit will das Wetter nicht so recht mitspielen: Kurz vor Beginn der Zeremonie hat sich ein Gewitter entladen, jetzt liegt dichter Nebel über der Stadt. Das Brautpaar nimmt es gelassen.

Start nach langer Planung

Anderthalb Jahre haben Lucie-Patrizia Arndt vom Zentrum für Angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) der Universität Bremen und ihre Kollegen daran gearbeitet, den Fallturm für Hochzeiten bereitstellen zu können. Die Idee dafür habe es schon lange gegeben, berichtet Arndt – nicht zuletzt, weil in der Turmspitze schon mehrere Heiratsanträge gestellt wurden. "Irgendwann haben wir dann beschlossen, die Idee in die Tat umzusetzen, weil es hier einfach so bezaubernd ist." Das war jedoch mit einigem Aufwand verbunden: Standesamt, Innenressort und andere Behörden mussten zustimmen, wegen der außergewöhnlichen Lage sind zudem spezielle Sicherheitsrichtlinien einzuhalten, der Turm musste offiziell als Trauraum gewidmet werden.

Jeweils an einem Samstag und einem Sonntag im Monat richten die ZARM-Mitarbeiter nun bei entsprechender Nachfrage den Konferenzraum in 126 Metern Höhe für Trauungen her und bereiten alles für den Sektempfang in der darüber liegenden gläsernen Panorama-Lounge mit dem 360-Grad-Rundumblick vor. Eine Herausforderung dürfte für viele Brautpaare die Auswahl der Gäste sein: Auf elf Gäste müssen sie sich beschränken, mehr dürfen aus Sicherheitsgründen nicht mit nach oben kommen.

Forschung unter Weltraumbedingungen

Eröffnet wurde der einzige Fallturm Europas 1990 als Großlabor zur Forschung unter Weltraumbedingungen. Dabei ist das Prinzip einfach: Alle Gegenstände, die im Vakuum frei fallen, sind nahezu schwerelos. Das gilt auch für die 500 Kilogramm schwere Kapsel, die regelmäßig von der Spitze der 120 Meter hohen Röhre im Inneren des Turms fallen gelassen wird und in der sich das jeweilige Experiment befindet. Knapp fünf Sekunden nach ihrem Abwurf landet die Kapsel mit einer Geschwindigkeit von 167 Kilometern pro Stunde in einem Abbremsbehälter. Seit 2004 ist außerdem ein Katapultsystem in Betrieb, das die Kapsel zunächst durch die Röhre nach oben schießt und dadurch die Versuchszeit fast verdoppelt. Bis zu drei Experimente lassen sich pro Tag durchführen. Bei Forschungsgruppen ist die Anlage so gefragt, dass sie für mindestens ein Jahr im Voraus ausgebucht ist.

Auch Bräutigam Jörg Schröder hat sich schon früh für das Bremer Wahrzeichen interessiert, allerdings nicht aus wissenschaftlichen Gründen. "Ich fand die Turmspitze schon immer spannend und habe vor Jahren mal überlegt, dort einen Chill-Club einzurichten", erzählt der 48-Jährige. Da die Panorama-Lounge aber damals nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war, kam er mit seinen Plänen nicht weit. Als er nun von einem Freund hörte, dass man dort heiraten kann, war klar, wo seine Hochzeit stattfinden sollte. Kurz vorher hatte er um die Hand seiner langjährigen Partnerin angehalten.

Einzigartiger Ort

Während der Trauung sitzen die beiden Töchter Tori und Caprice in der ersten Reihe neben ihren Eltern. Standesbeamtin Karin Simon bezeichnet den Fallturm in ihrer Ansprache als das, was er ist: Ein einzigartiger Ort zum Heiraten. Als "kleines Rezept für eine glückliche Ehe" gibt sie dem Brautpaar mit auf den Weg: "Man nehme reichlich frisches Vertrauen, eine gute Prise Respekt und das Bemühen, dem anderen weder in der Sonne noch im Schatten zu stehen." Insofern lässt sich das Hochzeitswetter am Ende sogar als gutes Omen deuten, denn angesichts des Nebels ist von Sonne und Schatten ohnehin weit und breit nichts zu sehen.

Zeichen: 4.557, Autorin: Anne-Katrin Wehrmann

Mehr unter: www.zarm.uni-bremen.de

Pressekontakt:

Lucie-Patrizia Arndt

Kommunikation ZARM

E-Mail: lucie-patrizia.arndt[at]zarm.uni-bremen.de

Erstellungsdatum: 24.09.2014