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Der große Wurf

Für die meisten ist es einfach ein Spiel mit einer bunten Plastikscheibe – ein netter Zeitvertreib für sonnige Tage am Strand oder im Garten. Für den 22-jährigen Bremer Simon Lizotte dagegen ist das Werfen von Frisbeescheiben ein Profisport, der ihm eine internationale Karriere ermöglicht.

Ob es ein guter Wurf ist – das weiß Simon Lizotte, sobald seine Hand die Plastikscheibe losgelassen hat. Tagesform, Wurftechnik, Windverhältnisse – wie weit das Frisbee fliegt, das hängt von vielem ab. Beim "Fall Desert Wind Open" in Primm bei Las Vegas hat für den Bremer am 25. Oktober 2014 alles zusammen gepasst. Es war ein guter Wurf, ein sehr guter sogar: 263,2 Meter, der weiteste Frisbeewurf, der jemals gemessen wurde – ein neuer Weltrekord.

Simon Lizotte spielt Frisbee seit seinem zweiten Lebensjahr. Die frühe Begeisterung für die Plastikscheiben verdankt er seinem Vater David. Der stammt aus Kanada und brachte aus seiner Heimat die Leidenschaft für ein Spiel mit, das in Deutschland damals noch kaum jemand kannte: Discgolf, eine Kombination aus Frisbee und Golf. Statt mit Schlägern und Bällen laufen Discgolfer mit einem Rucksack voller bunter Frisbeescheiben über den Platz – und das Ziel ist auch kein Loch, sondern ein etwa 70 Zentimeter hoher Fangkorb aus Eisenketten. Geübte Werfer verpassen ihren Scheiben gewaltige Geschwindigkeiten. Simon Lizottes Spitzenwert liegt bei 144 Stundenkilometern. Die Wahl der Frisbeescheibe hat dabei einen ähnlich großen Einfluss auf das Spiel wie die Entscheidung für einen bestimmten Schläger beim klassischen Golf: Wer eine große Distanz überbrücken will, wählt eine anders geformte Scheibe als jemand, der das Frisbee im nahen Korb versenken will.

Anfangs auf Bäume und Mülleimer gezielt

"Am Anfang haben wir in öffentlichen Grünanlagen gespielt und dort auf Bäume und Mülleimer gezielt", erinnert sich Simon Lizotte grinsend. Mittlerweile gibt es rund 60 Discgolf-Parcours bundesweit, zwei davon in Bremen. "Es ist schon enorm, wie sich dieser Sport in den vergangenen Jahren entwickelt hat", sagt er und man merkt ihm die Freude darüber an, dass er selbst Teil dieser Entwicklung ist. Besonders im vergleichsweise dünn besiedelten Finnland wachse die Zahl der Discgolfer rasant. "Dort gibt es inzwischen rund 400 Discgolf-Parcours – und das bei gerade mal 5,4 Millionen Einwohnern. Das ist schon Wahnsinn." Die Vorzüge der Sportart liegen für ihn auf, oder besser gesagt, in der Hand: "Discgolf ist einfach zu lernen – und am Frisbeewerfen haben fast alle Spaß."

Dennoch gibt es in Europa nur wenige Discgolfer, die ihr Können in überregionalen Turnieren messen. "Hier kommen bei einem Turnier vielleicht so 70 Leute zusammen. Da kennt irgendwann jeder jeden." Seit 2010 war Simon Lizotte viermal in Folge Deutscher Meister im Discgolf, 2012 wurde er erstmals Europameister. Das klingt eindrucksvoll, doch ihm fehlten, so sagt er, irgendwann die Herausforderungen – und eine Möglichkeit, mit dieser Sportart Geld zu verdienen. "Mit 500 Euro Preisgeld kann man seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten." Doch genau das war schon früh Simon Lizottes Ziel, erinnert sich sein Schulfreund Karol Chmielewski. "In der fünften Klasse haben die meisten Jungs bei uns in der Klasse davon geträumt, irgendwann Profi-Fußballer zu werden. Nur er wollte schon immer Profi-Discgolfer werden – und er hat's geschafft."

Perspektive in den USA

Es braucht wohl eine gehörige Portion Leidenschaft, ja Besessenheit dazu, um in einer Nischensportart eine Berufsperspektive zu entdecken. "Weltweit gibt es nur etwa ein Dutzend Discgolfer, das ausschließlich von diesem Sport leben kann", sagt Simon Lizotte. Er wollte dazugehören. "Und mir war irgendwann klar, dass ich das nur erreichen kann, wenn ich an vielen Turnieren in den USA teilnehme, denn dort sind die Preisgelder ungefähr zehn Mal so hoch wie in Deutschland." In dem US-amerikanischen Frisbeescheiben-Hersteller Discmania hat der Bremer einen Sponsor gefunden, der seine Reisen, Startgelder und ein Wohnmobil finanziert. Gemeinsam mit dem US-Amerikaner Avery Jenkins nimmt er als "Discmania Sky Team" an großen Turnieren teil.

Für Simon Lizotte sind die Turniere in jeder Hinsicht eine außergewöhnliche Erfahrung – das wird schnell klar, wenn er davon erzählt. Plötzlich sei da bei den Wettbewerben wieder ein Gefühl von Spannung und echter Konkurrenz. Bei manchen Turnieren verfolgen bis zu 1.000 Schaulustige seine Würfe, viele Discgolf-Fans fragen ihn auf Facebook nach Tricks oder freuen sich darüber, wenn er nach einem Turnier ihre Scheiben signiert. Träume von Star-Ruhm hegt er jedoch nicht: "Ich bin froh, dass ich nur in der Discgolf-Szene bekannt bin. Ein Star zu sein und ständig unter Beobachtung zu stehen – das stelle ich mir furchtbar anstrengend vor." Sein Geld verdient Simon Lizotte durch Preisgelder, Discgolf-Kurse und Verkaufserlöse von Frisbeescheiben, die sein Sponsor mit seinem Namen bedruckt hat. Reich habe ihn das erste Jahr als Weltreisender in Sachen Discgolf nicht gemacht. "Aber ich kann von meinem Sport gut leben – und erlebe Dinge, die ich in keinem anderen Beruf erleben würde."

30.000 Kilometer mit dem Wohnmobil gereist

Seit er im Januar 2014 in die USA aufbrach, führt er ein modernes Nomadenleben: 21 Turniere in elf Ländern hat er im vergangenen Jahr absolviert, fast 100 Stunden im Flugzeug verbracht sowie rund 30.000 Kilometer mit dem Wohnmobil zurückgelegt und dabei unter anderem 38 US-Bundesstaaten bereist. Die einzige Konstante auf den Reisen sind die anderen Profi-Discgolfer, die er bei den Turnieren immer wieder trifft. "Trotz der Konkurrenz wächst man zusammen und hat irgendwann das Gefühl, Teil einer Familie zu sein." Sein Teampartner Avery Jenkins führt dieses Leben seit Jahren, er ist ständig unterwegs und übernachtet wahlweise in seinem Wohnmobil, im Hotel oder bei Freunden, die überall auf der Welt verstreut leben. "Wenn wir irgendwo ein Turnier hatten, zückte er einfach sein Handy und rief Leute an, bei denen wir dann wohnen konnten." Faszination schwingt mit, wenn Simon Lizotte davon erzählt.

In Deutschland ist er nur noch selten. Zuletzt war er Ende 2014 für ein paar Wochen in seiner Heimatstadt Bremen. Ein turbulentes Jahr lag hinter ihm, da tat ein bisschen Vertrautheit ganz gut: Die Eltern, die alten Freunde, der Fangkorb im Garten, auf den er als Kind zielte. Ein Blick zurück – und nach vorn. Er will noch viel in seinem Sport erreichen. Bei vier Turnieren hat er im vergangenen Jahr den ersten Platz belegt, weitere internationale Wettbewerbssiege sollen folgen. "The Wunderkind" nennt ihn sein Sponsor in Anspielung auf seine frühen Erfolge in Deutschland. "Ich habe viel Unterstützung bekommen", sagt Simon Lizotte. "Aber zum Sieger kann ich mich nur selbst machen."

Zeichen: 6.748, Autor: Thomas Joppig

Mehr unter: www.discmania.net/simons-blog

Pressekontakt:

Simon Lizotte
E-Mail: simon.lizotte8332[at]gmail.com

Erstellungsdatum: 25.02.2015