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Schwimmendes Denkmal

Schiffe erzählen Geschichte(n): die der Bremerhavener Bark "Seute Deern" steckt dabei voller Geheimnisse und Denkwürdigkeiten. Aber nicht nur deswegen gilt das größte erhaltene hölzerne Frachtsegelschiff der Welt, das das Flaggschiff des Deutschen Schiffahrtsmuseums (DSM) ist, als schwimmendes Denkmal einer ganzen Epoche.

Auf der Jungfernfahrt verschwand der Kapitän; die Besatzung musste schon im zweiten Hafen ausgetauscht werden. Zwischen den Planken quoll das Wasser durch; überall im Rumpf tickte der Holzwurm: Die Geschichte der "Seuten Deern" (Plattdeutsch für "süßes Mädchen") begann 1919 alles andere als glücklich. Kaum zu glauben, dass der 74 Meter lange Dreimaster im Bremerhavener Museumshafen heute, fast 100 Jahre später, als das größte erhaltene hölzerne Frachtsegelschiff der Welt gilt. "Ein Stück Technikgeschichte", schwärmt Schifffahrtshistoriker Dirk J. Peters.

Er kennt die "Seute Deern" wie seine Westentasche: Als Wissenschaftler des Deutschen Schiffahrtsmuseums hat er sich ausgiebig mit dem geschichtsträchtigen Windjammer beschäftigt. Schiffe wie die "Seute Deern" "dokumentieren eine bedeutende industrielle Epoche an der Küste und sind zudem Zeugnisse des beginnenden Welthandels", betont er. Die "Seute Deern" ist das Flaggschiff des Deutschen Schiffahrtsmuseums in Bremerhaven und Kern der Museumsflotte im Alten Hafen der Stadt. Lange vor dem Bau der heutigen Touristenmagneten Klimahaus und Deutsches Auswandererhaus und selbst vor der Einweihung des Deutschen Schiffahrtsmuseums 1975 war der Großsegler bereits die erste Besucherattraktion der Seestadt. Sogar den Status eines Denkmals erreichte die "Seute Deern" im Zusammenhang mit dem Gesamtensemble des DSM.

Einziges Exemplar einer ganzen Gattung

Schon ein einziges Schiff wie die "Seute Deern" enthält Geschichten für ein ganzes Buch. Auch wenn der hölzerne Rumpf aus den USA stammt, entspricht seine Bauweise jener Schiffbauerkunst, die Bremerhaven ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten deutschen Werftenstandorte machte. Mehr als 250 solcher Tiefwassersegler wurden an der Weser gebaut.

Aus den USA wurde das Schiff, das ursprünglich "Elisabeth Bandi" hieß, zunächst nach Finnland und schließlich an eine Hamburger Reederei verkauft – schon damals war Schifffahrt ein globales Geschäft. Der weitere Kurs als Holzfrachter und Schulschiff führte den mittlerweile vom Viermastschoner zum Dreimaster umgebauten Segler auf die Ostsee und durch weitere Kapitel der Schifffahrtshistorie. "Selten hat ein Schiff so viele Wandlungen mitgemacht", meint Peters: "Gerade deshalb ist es so bemerkenswert, dass es als einziges Exemplar einer ganzen Gattung von Schiffen erhalten geblieben ist."

Der Historiker kennt die Geschichte der "Seuten Deern" im Detail. Zudem weiß er über die Welt der Schifffahrt in den vergangenen Jahrzehnten und die Geschichte des modernen Schiffbaus so viel wie kaum jemand anderes. Vor der Wende dokumentierte er alle westdeutschen Werften und ihre Technik; nach der Wende reiste er im Osten von Werft zu Werft. Für den Industriearchäologen war die deutsche Einheit ein Glücksfall: "Auf den Werften im Osten war seit Jahrzehnten nichts verändert worden. Da konnte man Technikgeschichte noch richtig erleben", erinnert er sich.

Peters: Ein wahrer Experte des Schiffsbaus

Eher aus Zufall verschrieb er sich als Historiker der Schifffahrt und dem Schiffbau. Wäre es nach seinen Eltern gegangen, wäre er Maurer geworden. Stattdessen lernte er auf einer Werft Maschinenschlosser. Anschließend studierte Peters Geschichte mit dem Ziel Lehramt. Den Weg in die Schifffahrtsforschung wies ihm sein Doktorvater, der ihm nahe legte, seine Dissertation über die Geschichte des Schiffbaus in Bremerhaven zu schreiben. So kam er 1980 als Wissenschaftler ans Deutsche Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven.

Zu dem Zeitpunkt lag die "Seute Deern" bereits 14 Jahre im Alten Hafen der Seestadt. Der Hamburger Reeder John T. Essberger hatte den Dreimaster zuvor gleich nach dem Krieg zum Hotel- und Restaurantschiff umbauen lassen. 1954 wurde das Schiff von Hamburg ins niederländische Delfzijl verkauft, wo es als Jugendherberge diente. "Erst einige Jahre später wurde den Hamburgern bewusst, dass sie ein bedeutendes maritimes Kulturdenkmal und Wahrzeichen ihrer reichen Schifffahrtstradition verloren hatten", meint Peters.

Probleme mit der Feuchtigkeit

Kuriosität am Rande: Als Ersatz für den verlorenen Schatz holten die Hamburger die Bremerhavener Bark "Rickmer Rickmers" in die Hansestadt. Die einst Hamburger "Seute Deern" machte dagegen in Bremerhaven fest. Nach einem kurzen Zwischenspiel als geplantes schwimmendes Restaurant und Hotel in Emden hatte der Helgoländer Gastronom Hans Richartz den Dreimaster in die Seestadt geholt. Um eine Nasenlänge war Richartz damit einem Initiativkreis um den späteren DSM-Direktor Gerd Schlechtriem voraus. Dieser hatte allerdings mit dem Gastwirt sowie Unterstützern aus Politik und Wirtschaft ein Ziel gemeinsam und erreichte dies auch: "Die "Seute Deern" war das erste Schiff für das maritime Freilichtmuseum, aus dem sich später das Deutsche Schiffahrtsmuseum entwickelt hat", weiß Peters. Mittlerweile ist der Dreimaster das Flaggschiff des DSM und gleichzeitig – wie zu den Anfängen in Hamburg – ein beliebtes Restaurantschiff.

Bevor Peters als Wissenschaftler am DSM anfing, "habe ich die "Seute Deern" eigentlich gar nicht richtig wahrgenommen", räumt er offen ein. Doch als Leiter der Abteilung "Schifffahrt im Industriezeitalter" hatte er reichlich Gelegenheit, die Bark kennenzulernen. Im Detail kann er erklären, was wann wie und wo im Original gewesen und später dann umgebaut worden ist. Und er weiß um die Probleme des hölzernen Seglers. Wie viele Museumsschiffe hat die "Seute Deern" Probleme mit dem Wasser. Nicht mit dem, auf dem es schwimmt – sondern mit der Feuchtigkeit von oben. "Eine Restaurierung ist dringend erforderlich und seit Jahren überfällig", bringt es Peters auf den Punkt.

Aber das DSM hat dafür zurzeit kein Geld; es muss sich auf seine wissenschaftlichen Aufgaben als eines von neun nationalen Forschungsmuseen in der Leibnitz-Gemeinschaft konzentrieren. Peters ist zwar im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen, kennt jedoch das Dilemma des Museums. Andererseits weiß er wie kein anderer um die Symbolkraft der "Seuten Deern": "Historische Technik funktioniert auch ohne Computer", sagt Peters: "Das droht aber in Vergessenheit zu geraten, wenn ich keine Originale mehr habe."

Mit dem Werftensterben der vergangenen Jahre ist etwa die Hälfte der Zeugnisse der industriellen Entwicklung an der Küste unwiederbringlich verloren gegangen. Noch weniger Erinnerungsposten sind von der einstigen Arbeit in den Häfen vorhanden, und kaum etwas veranschaulicht noch die Welt der Schifffahrt seit Beginn der Industrialisierung. Peters hofft deshalb darauf, dass sich zum langfristigen Erhalt des Schiffes eine Bürgerinitiative bildet – ähnlich der, die sich einst dafür einsetzte, dass die "Seute Deern" nach Bremerhaven kam. "Das Schiff muss der Nachwelt erhalten bleiben", mahnt der Schifffahrtshistoriker.

Zeichen: 7.103: Autor: Wolfgang Heumer

Mehr unter: www.seutedeern.de und www.dsm.museum/ausstellung/museumshafen/seute-deern.395.de.html

Pressekontakt

Dr. Dirk J. Peters

Industriearchäologe und Technikhistoriker

E-Mail: petersrehe[at]nord-com.net

Erstellungsdatum: 28.09.2015