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Des Ritters liebstes Hemd

Selbstgemachtes liegt im Trend: Junge Männer häkeln farbenfrohe Mützen, Mädchen nähen coole Taschen aus Wachstuch. Das Bremer Ehepaar Schaal fertigt im Wohnzimmer ebenfalls selbst an; die Produkte sind aber weder hip noch quietschbunt: Es sind Kettenrüstungen, und zwar so, wie sie im Mittelalter auch hergestellt wurden.

Wenn Dietmar Schaal sein selbstgefertigtes Hemd anziehen will, braucht er dafür Hilfe. Zu schwer und unhandlich ist es. Das hat seinen Grund: Es ist aus rund 24.000 Eisendraht-Ringen von einem Zentimeter Durchmesser geflochten und wiegt rund 18 Kilo. Doch damit nicht genug; obendrein zieht er noch eine 2,5 Kilo schwere Haube aus Eisenringen über seinen Kopf. Zusammen mit seiner Frau Mareike fertigt der Informatiker in der Freizeit Kettenrüstungen an – so wie die Ritter sie trugen, bevor diese durch starre Plattenpanzer ersetzt wurden. Auf Mittelaltermärkten zeigen sie den Besuchern ihre Handwerkskunst und ziehen auch schon mal ein Kettenhemd für einen Schaukampf mit Schwertern oder Äxten an.

Wie fast jeder Junge war Dietmar Schaal in seiner Kindheit von Rittern fasziniert. Die Begeisterung flammte wieder auf, als er zusammen mit seiner Frau vor ein paar Jahren im Urlaub Burgen besuchte und in einer eine Kettenrüstung sah. Es war die Initialzündung, selbst eine im heimischen Wohnzimmer in Bremen-Hemelingen zu bauen. Eine Anleitung fanden sie im Internet. "Innerhalb von zwei Monaten haben wir eine komplette knielange Kettenrüstung mit langen Ärmeln geflochten", erzählt die 42-jährige Mareike Schaal. Ein absoluter Rekord, den sie danach nie wieder schafften. Rund 140 Stunden sitzen sie an einem Kettenhemd – ein zeitaufwändiges Hobby. Heute dauert die Anfertigung einer Rüstung ein halbes bis ein Jahr.

Faszination fürs Mittelalter

"Ich finde es faszinierend, was die Leute im Mittelalter alles schon bewerkstelligen konnten", begründet Mareike Schaal ihre Leidenschaft für das alte Handwerk. "Die haben für alle Probleme Mittel und Wege gefunden." Bei Kämpfen schützten die Kettenrüstungen die Kontrahenten gegen Schnittverletzungen. Das war wichtig: "Wenn sich die Schnittwunden entzündet haben, war das damals lebensbedrohlich", sagt Dietmar Schaal. Gegen Einstiche von Pfeilen und Bolzen aus einer Armbrust bot das Kettenhemd allerdings keinen Schutz. Gegen schmerzhafte Hiebe trug ein Ritter unter der Rüstung einen gesteppten Überwurf. Aber meist sei es den Kämpfenden sowieso darum gegangen, den Gegner kampfunfähig zu machen statt ihn zu töten, ist sich Dietmar Schaal sicher.

Für die Kettenhemd-Herstellung gibt es verschiedene Techniken, Dietmar und Mareike Schaal entschieden sich für die "4 in 1"-Webart: In einen Ring werden vier weitere gebogen; später werden diese Flechtgebilde mit weiteren Ringen verbunden. Ein bisschen erinnert das Miteinanderverweben ans Häkeln. Aber etwas mit Wolle und Nadeln zu handarbeiten, wäre Mareike Schaals Sache nicht. "Auf Häkeln habe ich keine Lust", sagt die Mutter zweier Teenager. Aber wie beim Häkeln können die gelernte Erzieherin und ihr Mann ihrer Handwerkskunst abends auf dem Sofa nachgehen.

Originaltreue ist wichtig

Doch bevor mit dem Flechten begonnen werden kann, muss der 50-jährige Schaal noch in seine Werkstatt im Garten ihres Häuschens, um dort die Ringe aus geglühtem Eisendraht selbst herzustellen. Dazu wickelt er den Draht um eine Eisenstange und kneift dann Stück für Stück einzelne Ringe ab. Diese legt er anschließend in Leinöl. "Dadurch haben die Ringe eine Schutzschicht", sagt Dietmar Schaal. "Das hat man schon vor 1.000 Jahren so gemacht." Ihm ist es wichtig, originalgetreu zu arbeiten. Deshalb verwendet er auch keine Zinkringe, aus denen viele Kettenhemden gemacht sind, die im Internet zum Verkauf stehen. Sie sind beliebt, weil sie nicht rosten. Viele Ritterfans wollten so strahlende Rüstungen, wie sie sie aus dem Fernsehen kennen. Doch so hätten die Rüstungen im Mittelalter nie ausgesehen. "Sie haben Rost angesetzt und mussten gepflegt werden." Rostig sähen die Rüstungen ohnehin schöner aus, findet Schaal.

Doch Abstriche muss auch Dietmar Schaal machen: Eigentlich müssten die einzelnen Ringe nach dem Weben noch vernietet oder verschweißt werden, damit sie nicht wieder aufplatzen. Doch das ist dem Ehepaar definitiv zu aufwändig. Und es geht mit ihrer Technik und ihrem Material auch so, wie sie festgestellt haben. Auf Mittelaltermärkten zeigen sie aber als "Die Sarwürker" (historischer Name für Hersteller von Kettenrüstungen) Interessierten, wie früher geschweißt oder genietet wurde.

Ab 500 Euro für ein Kettenhemd

Sie seien zwar längst nicht die einzigen Sarwürker in Deutschland, aber einige der wenigen, die ihr selbst angeeignetes Wissen auf Mittelaltermärkten gerne im Detail weitergeben. Sie zeigen alle Arbeitsschritte von der Drahtherstellung bis hin zum Verschweißen. Dietmar Schaal hat teils eigenes Werkzeug entwickelt: "Es ist faszinierend, in die Welt unserer Vorfahren einzutauchen."

Das Ehepaar verkauft ihre maßgefertigten Kettenhemden zwar auch, aber ohne dass es sich wirtschaftlich lohnen würde – bei den vielen Stunden Arbeit. Ab 500 Euro kostet ein knielanges Kettenhemd. Kein Schnäppchen, aber "dafür bekommt der Käufer Maßarbeit", betont Dietmar Schaal. Kettenhemden in Unigrößen aus Billiglohnländern gibt es im Internet schon für 90 Euro.

Käufer kämen meist aus der Mittelalterszene, die in Deutschland gar nicht so klein sei. Die Rüstungen hängen dann entweder als Dekoration Zuhause oder werden für Schaukämpfe auf Märkten genutzt. Dass ausgerechnet er als Informatiker, der im Hightech zu Hause ist, sich so für eine mittelalterliche Handwerkskunst – also Lowtech – begeistern kann, erklärt Dietmar Schaal so: "Es ist ein Ausgleich."

Zeichen: 5.714; Autorin: Janet Binder

Mehr unter: www.die-sarwuerker.de

Pressekontakt:

Mareike und Dietmar Schaal

tahra[at]die-sarwuerker.de

Erstellungsdatum: 23.10.2015