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Aufbruch in Übersee

In den alten Hafenrevieren zeigt sich Bremen von seiner modernsten Seite. Unterwegs auf der größten Baustelle der Hansestadt.

Clemens Paul (li.) und Joachim J. Linnemann von der Justus Grosse GmbH glauben an das Potenzial der Überseestadt.
Clemens Paul (li.) und Joachim J. Linnemann von der Justus Grosse GmbH glauben an das Potenzial der Überseestadt.

Die Möwen sehen alle aus, als ob sie zornig wären. Kreischend beäugen sie von Büschen, Zäunen, Steinen die Spaziergänger, kreisen dicht über ihren Köpfen. Dieser entlegene Zipfel des früheren Bremer Überseehafens, er ist ihr Revier.

Die Möwenkolonie lebt am äußersten Ende von Bremens altem Freihafen am rechten Weserufer. Nur ein Trampelpfad führt über die schmale Landzunge bis zu einem kleinen, verlassenen Hafenaufseherturm aus den 1920er Jahren. So entlegen das Terrain ist, die Vögel dürften doch häufiger Besuch bekommen. In der Nähe sollen sich in wenigen Wochen Kräne in den Himmel recken, um Wohnungen mit unverbaubarem Weserblick und Büros zu bauen.

Gewaltiges Stadtentwicklungsprojekt

Das Wohnquartier mit authentischer Industriearchitektur und aktiver Hafenwirtschaft nahebei gehört zu einem der größten Stadtentwicklungsvorhaben in Europa. Die Bremer Investitionsgesellschaft (BIG) verplant ein Gebiet, das dreimal so groß ist wie die Innenstadt. Weil die Stadthäfen viel von ihrer Bedeutung an die Containerterminals in Bremerhaven verloren haben, werden nur noch 200 der insgesamt 288 Hektar von Speditionen, Produktionsbetrieben, Handels- und Umschlagsunternehmen genutzt. Auf dem restlichen Gelände, so hofft die Landesregierung, wird sich neues, anderes Alltagsleben entfalten.

"Es ist ein einzigartiger Standort – citynah und direkt an der Weser gelegen", erklärt Projektentwickler Jan Woortman von der H. Siedentopf GmbH, weshalb das Quartier neue Interessenten und Investoren anzieht. Clemens Paul von der Justus Grosse GmbH sagt zufrieden, bis zur vollständigen Vermarktung des ersten eigenen Objekts – eines gewaltigen, fünfstöckigen Speichers – habe man mit fünf Jahren gerechnet. Gedauert habe es nur eines, und selbst Hamburger seien in das Viertel gezogen, obwohl die Mieten für die Bürolofts zu den höchsten der Hansestadt gehören.

Stararchitekten-Hochhäuser, fensterloses Wellblech, Ziegelornamentik aus dem frühen 20. Jahrhundert, Klinkersachlichkeit der 50er, rauchende Schornsteine, rostige Spundwände, Edelgastronomie, Straßenstrich und Truckerkneipe, und mitten durch das Quartier rumpelt die Hafenbahn. Alt und neu sind nächste Nachbarn, so wie der neue Stadtteil an die City grenzt: Nur rund zwei Kilometer Luftlinie entfernt bewacht der Roland das Rathaus.

"Überseestadt" heißt das neue Viertel nach dem Überseehafen, der Ende der 90er Jahre zugeschüttet wurde, doch gehören weitere Hafenareale dazu. Erst 38 Hektar der freien Flächen sind bislang vergeben, schon seit einigen Jahren wird gebaut und saniert. Bis etwa 2020 sollen laut BIG 350 Millionen Euro EU-, Bundes- und Landesmittel in die Infrastruktur gesteckt werden, zwei Milliarden Euro private Investitionen werden erwartet.

"Genug Gestaltungsraum"

"Es ist ein geniales Fleckchen Erde – hier startet etwas, man spürt Entwicklungsdynamik", erklärt zum Beispiel der Organisationspsychologe Peter Kruse die Faszination der Überseestadt. „Es ist ja heute ein Problem, dass immer alles schon fertig ist – hier bot sich noch genug Gestaltungsraum.“ Seine Managementberatung "nextpractice" zog in eine 1.500 Quadratmeter große Halle im Schuppen 2 am Europahafen. 60 Menschen arbeiten hier ohne trennende Wände zwischen ihnen. Als Inseln in der Weitläufigkeit ließ Kruse Betonwürfel in die Halle bauen, mit Besprechungsraum und Küche im Innern und Sitzecken obendrauf, die über Treppen zu erreichen sind.

Die äußerlich nüchternen Schuppen und Speicher gehören zur alten Bebauung des Reviers. Modegeschäfte, eine Galerie, PR-Büros, Werbeagenturen, Film- und Fernsehproduktionen, Architekten und Steuerberater zog es in die gewaltigem Läden und die Lofts darüber mit vier Metern Deckenhöhe, geölten alten Dielen und bodengleichen Fenstern. Für Kontrast sorgt modernste Architektur: Von den neuen Bürogebäuden am Europahafen etwa gleicht keins dem anderen, nur abends zeichnen allenthalben LED-Lämpchen Lichtmuster auf die Fassaden.

Aufbruch nach Übersee: Schon jetzt sind zu den bislang 6.000 mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze hinzugekommen. Gerade viele Kreative finden die Umgebung inspirierend. Längst etabliert hat sich die Hochschule für Künste. Als eine der ersten zog sie 2003 in den Speicher XI, unschwer erkennbar an der mannshohen Skulptur am Eingang zur Bildhauerabteilung.

Sinn für ungewöhnliche Orte

"Die Atmosphäre in den Hafenrevieren ist wunderbar", freut sich auch der Maler Tom Gefken. Vor vier Jahren richtete er sein Atelier im Schuppen 3 ein. Aus den Fenstern der 150 Quadratmeter großen früheren Kantine schaut er über eine gewaltige Brachfläche auf die Hochschule in einigen hundert Metern Entfernung. Viele Künstler hätten einen Blick für ungewöhnliche Orte, und wo nichts los sei, sei auch der Mietspiegel noch niedrig. "Darum sind sie oft die ersten, die solche Gegenden entdecken", sagt Gefken. "Gott bewahre, dass sie nicht auch die ersten sind, die wieder rausfliegen."

An den Schuppen 3 hat bis heute kein Bauarbeiter Hand angelegt. Am ursprünglichsten ist die Überseestadt aber rund um den Holz- und Fabrikenhafen. Regen Zuspruch findet die Gastronomie in der renovierten alten Hafenfeuerwache. Von der Terrasse aus erleben die Gäste Hafenbetrieb wie ehedem. Noch knapp eine Million Tonnen Holz, Öl, Kraftstoffe, Futtermittel, Zucker werden hier pro Jahr umgeschlagen. Täglich laden Lastschiffe Getreide an der Roland-Mühle ab, Deutschlands einziger Seehafen-Mühle. Das Unternehmen wird in sechster Generation von der Familie geführt. Seit Mitte der 20er leuchtet sein Name in – der Haltbarkeit wegen – vergoldeten Buchstaben vom Art-Déco-Turm.

Früher war die Mühle das Wahrzeichen der Hafenreviere. Die neue Landmarke entsteht derzeit am Eingang zur Überseestadt. Der komplett verglaste, 22-stöckige Weser Tower wird das höchste Bürogebäude der Hansestadt. Alltags soll sich drumherum und im gesamten Quartier reges Straßenleben entfalten, und auch abends soll es sich nicht entvölkern. Überall entstehen Cafés, Restaurants, ein Varietétheater, ein Hotel. Von der Penthouse-Bar eines 18-stöckigen Wohnhauses am Weserufer sollen bald Bremer und Besucher beim Cocktail dem Schiffsverkehr auf der Weser zuschauen.

Ziel: Konfliktfreies Miteinander

Gut und schön, sagen alteingesessene Firmen, doch sorgen sie sich gleichzeitig um ihre Entwicklungsmöglichkeiten. Was, wenn Angestellte und Anwohner ihnen künftig wegen Lärm oder anderen Emissionen Schwierigkeiten machen wollen? "Wir brauchen eine saubere Abstimmung, um ein konfliktfreies Miteinander hinzukriegen", sagt Roland-Mühlen-Chef Bernd Jürgen Erling. Cornflakes-Hersteller Kellogg zog wegen der Europahafen-Planung sogar vorsichtshalber vor den Kadi. Zunächst will man doch versuchen, sich außergerichtlich zu einigen. "Es ist unser ureigenstes Interesse, dass der industrielle Charakter erhalten bleibt", sagt Projektentwickler Clemens Paul.

Wally Hamer ist es recht. Die 62-Jährige gehört zu den wenigen, die mit ihrem Mann heute schon legal im alten Hafen lebt. Seit acht Jahren versieht sie Hausmeisterdienste für die traditionsreiche Firma Rickmers Reismühle und bewohnt ein Häuschen auf dem Gelände in der Nähe von Kellogg. Gelegentlich mache die Mühle pfeifende Geräusche oder sie hörten das Cornflakes-Werk Werk arbeiten, und fahre ein Partyschiff auf der Weser vorbei, sei das schon laut, berichtet Wally Hamer. Entschädigt wird sie mit Weserufer-Romantik, mit Grillen im Garten, der zum Fluss hin abfällt, und Sonnuntergang über den Hafenrevieren: "Wir wollen hier nicht mehr weg."

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Autorin: Imke Zimmermann

www.ueberseestadt.de

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