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Eine Frage des Respekts

Jugendliche bei der Nacht der Jugend im Rathaus
Breakdance im UNESCO-Weltkulturerbe-Gedenken geht auch anders. Foto: Senatskanzlei

2.000 Jugendliche strömen in ein Gebäude, das zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Kann das gut gehen? Es kann. Die Nacht der Jugend im Rathaus liefert seit zehn Jahren immer am 9. November den Beweis.

Jugendliche rappen zwischen filigranen Holzschnitzereien, verkaufen unter glänzenden Kronleuchtern selbst gebackene Muffins, spielen vor alten Gemälden Theater oder diskutieren im luxuriösen Kaminsaal mit Managern und Politikern über den Lehrstellenmangel. Und sie lassen die Besucher in all dem bunten Durcheinander immer wieder auf bedrückende Geschichten stoßen. Geschichten von Menschen, die verfolgt, gedemütigt, gequält und ermordet wurden. Die Nacht der Jugend, die seit zehn Jahren alljährlich im November im Bremer Rathaus stattfindet, vereint Gegensätze. Sie ist laut und nachdenklich, bringt junge Themen in ein historisches Gebäude und wirft Fragen nach Vergangenheit und Zukunft auf.

Fragen waren es auch, die Dr. Helmut Hafner und einige seiner Kollegen vor gut zehn Jahren auf die Idee brachten, das Rathaus für eine solche Veranstaltung zu öffnen. Im Mittelpunkt der Überlegungen stand ein grauenvolles Datum: der 9. November 1938, der Tag der Reichspogromnacht - Beginn der systematischen Judenverfolgung im Nationalsozialismus. "Die Idee war, das Erinnern in eine neue Form zu bringen", sagt Bürgermeister Jens Böhrnsen, der für die Jugendlichen das Rathaus zur "Nacht der Jugend" öffnet. "Wir wollen Jugendlichen das Gefühl vermitteln, dass dieses Erinnern wichtig für die Zukunft ist. Es soll nicht nur um die Vergangenheit gehen, sondern auch darum, wie wir heute eine menschenfreundliche Stadt schaffen können."

Dass die Bedenken in der Stadt anfangs groß waren - daraus macht Helmut Hafner, der als Referent im Rathaus für Erinnerungskultur steht, keinen Hehl. Als zum Beispiel zwei türkische Rapperinnen auf der Gedenkveranstaltung mit ihren rotzfrechen Liedern ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen wollten, schüttelten die jungen Mitglieder der jüdischen Gemeinde zunächst den Kopf. "Aber dann haben wir diskutiert, und am Ende überwog die Meinung, dass gerade solch ein Beitrag gegen Antisemitismus etwas Wertvolles ist." Doch auch im Rathaus selbst waren viele Mitarbeiter skeptisch. Sie fürchteten, dass die wertvollen Gemälde, Teppiche und Holzschnitzereien in dem 1405 bis 1410 errichteten Gebäude Schaden nehmen können. Nach zehn Jahren fällt die Bilanz aber moderat aus: "Wirklich nennenswerte Schäden hatten wir nicht", versichert Gebäudemanager Hauke Nehring. Mit kleinen Tricks beugen die Mitarbeiter Scherben und Verschmutzungen vor. Sie stellen Tische vor die weißen Wände, damit die Jugendlichen beim lässigen Anlehnen keine Fußabdrücke hinterlassen, oder bringen die kostbaren Vasen aus dem Kaminsaal in Sicherheit.

Chance und Risiko in einem ist die Veranstaltung dennoch jedes Jahr aufs Neue. Nachahmer gab es zwar bereits in Hamburg und Ritterhude bei Bremen, doch in keiner anderen Stadt wird eine Nacht der Jugend in einem so altehrwürdigen Ambiente gefeiert wie in Bremen. "Es liegt wohl an der Ausstrahlung des Rathauses und am Thema der Veranstaltung, dass hier noch nie größere Schäden entstanden sind", meint Nehring. Eine Einschätzung, die die 19-jährige Jonna Lüers bestätigen kann: "Vor ein paar Jahren habe ich mit meinem Darstellendes-Spiel-Kursus in der Oberen Rathaushalle zu 'We Will Rock You' getanzt. Da hatten wir richtig Respekt und haben uns fast ein bisschen gescheut, als wir uns für die Choreographie auf den Parkettboden knien mussten", erinnert sich die Abiturientin.

Respekt ist bei der Nacht der Jugend ohnehin ein wichtiges Wort - in mehrfacher Hinsicht: "Hier machen auch viele Jugendliche aus Brennpunktstadtteilen und schwierigen Familienverhältnissen mit", sagt Helmut Hafner. "Die bekommen in diesem Haus die Botschaft: 'Jeder von euch ist ganz wichtig in dieser Stadt. Wir brauchen euch alle.' Die spüren diese Anerkennung. Damit wächst ihr Selbstwertgefühl. Sie merken, dass sie nicht nur Essen vorbereiten oder Programmzettel verteilen, sondern, dass sie hier auch eine Idee vertreten."
Bereits im Februar lädt das Rathaus alljährlich zum ersten Vorbereitungstreffen für die Veranstaltung ein, die in diesem Jahr unter dem Motto "70 Jahre später" steht. Insgesamt sind jedes Mal rund 500 Jugendliche am Programm und an der Organisation beteiligt. Theatergruppen, Bands und Chöre proben für ihren Auftritt, Geschichts- und Kunstkurse erarbeiten Ausstellungen. Auch Zeitzeugen gestalten das Programm mit, indem sie von ihren Erlebnissen im Dritten Reich erzählen. Zudem konnte das Rathaus immer wieder auch prominente Unterstützer gewinnen, die in Bremen auftraten. Zum Beispiel Udo Lindenberg oder Wolf Biermann.

Foto von Siamak Tahmasian
Siamak Tahmasian macht Öffentlichkeitsarbeit für die Nacht der Jugend. Foto: Thomas Joppig

Eine Gratwanderung zwischen Party und Gedenken ist die Nacht der Jugend jedes Jahr. "Aber ich glaube, dass viele Jugendliche, die hier eigentlich nur feiern wollten, am Ende doch mit anderen Gedanken wieder rausgehen", sagt Siamak Tahmasian. Der Bremer Student mit persischen Familienwurzeln hat sich als Schüler erstmals bei der Veranstaltung engagiert. "Mittlerweile fühle ich mich schon ein bisschen zu alt, um bei den Diskussionen mitzumachen", verrät der 23-Jährige lachend. Dafür hilft er nun denen, die zum ersten Mal dabei sind, beim Auswählen der Themen und bei der Öffentlichkeitsarbeit. Die Vorbereitung sei jedes Jahr aufs Neue "eine echte Punktlandung", sagt er. "Es dauert bis zum Schluss, bis alles steht." Kein Wunder: Aus einem bunten Gewirr aus Ideen von Schulklassen, Jugendinitiativen, Vereinen und einzelnen Mitwirkenden muss schließlich ein Programm entstehen, das alle Veranstaltungsräume des Rathauses füllt.

Auch wenn die Vorbereitungen gerade in der Schlussphase stressig sind: Siamak Tahmasian mag die Nacht die Jugend: "Sie holt das Gedenken aus einem elitären Kreis heraus und trägt es an die Jugendlichen weiter. Sie ist einzigartig in ihrer Art, zu erinnern", findet er. "Nicht mit Schweigeminute und Kränzen, die da abgelegt werden", ergänzt Jonna Lüers. "Bei solchen starren Ritualen würden mir die Beine einschlafen."

Bereits bei der ersten Nacht der Jugend vor zehn Jahren war die Bremerin dabei. Damals ging sie noch zur Grundschule, war mit ihrer Mutter gekommen "und völlig überwältigt von den vielen Menschen, der Lautstärke und der edlen Halle". Jonna Lüers ist, wenn man so will, mit der Nacht der Jugend aufgewachsen. Mal trat sie im Rathaus mit einem Chor auf, mal spielte sie Theater. Und im vergangenen Jahr hat sie zusammen mit einem Freund erstmals die Eröffnungsrede gehalten. "Unsere Zukunft hat Geschichte", lautete das Thema. "Wenn man sich in der Schule für etwas engagiert, bleibt es in einem ganz kleinen Rahmen", sagt sie. "Aber bei der Nacht der Jugend hat man auf einmal so viele Zuhörer, die man sonst nie erreicht hätte." Spannend sei es auch, dass in den Diskussionsrunden Jugendliche aus den verschiedensten Stadtteilen und Schichten miteinander ins Gespräch kommen. "Auf den ersten Blick hat das Erinnern an die Reichspogromnacht zwar nichts mit den Diskussionen über unsere heutigen Probleme zu tun. Aber auf den zweiten Blick schon. Es geht immer um Respekt vor anderen Menschen - und darum, was passiert, wenn dieser Respekt verloren geht."

Mehr unter www.nachtderjugend.de

7.232 Zeichen, Autor: Thomas Joppig

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