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Der Moderator

Ein Mann des Ausgleichs: Pastor Renke Brahms.
Ein Mann des Ausgleichs: Pastor Renke Brahms. Foto: R. Schiffler, Brem. Evangel. Kirche

Der Repräsentant der Bremer Protestanten ist ein Mann des Ausgleichs. Eine gute Eigenschaft für den ersten Friedensbeauftragten der EKD und den Chef der eigenwilligsten deutschen Landeskirche.

Als Bischof trägt man bunt: prächtige Stolen, goldene Gewänder, Ringe wie Klunker und spitze Hüte. Bremen allerdings hat dergleichen nicht. Nicht nur keinen Bischof, der so geschmückt vor die Seinen träte. Bremen hat überhaupt keinen Bischof, weder einen katholischen noch einen evangelischen. Dafür aber einen "Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche": Renke Brahms.

Der Schriftführer ist 52 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen in Bremen. Vater Arzt. Verheiratet. Zwei Kinder, die aus dem Gröbsten raus sind. Brahms ist ein nachdenklicher Mensch, ein Pastor in Anzug und gestreiftem Schlips. Er stützt den Kopf in die Hände, überlegt gründlich, spricht mit Bedacht. Und was er sagt, klingt immer irgendwie konsensfähig. Vielleicht hat ihn die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) deshalb zum "Friedensbeauftragten" gemacht. In Zeiten, in denen alles mit allem zu tun hat, sind Moderatoren gefragte Leute.

Friedensdenkschrift in der Diskussion

Als Überschrift über seine Tätigkeit wählt Brahms die These der EKD-Friedensdenkschrift "Aus Gottes Frieden leben - für gerechten Frieden sorgen". Brahms sagt: "Wo keine Gerechtigkeit und kein Recht herrschen, kann auch kein Friede herrschen." Für die EKD soll er eine jährliche Friedenskonferenz der evangelischen Kirche ins Leben rufen, "wahrscheinlich in Hannover", berichtet er. Auf der Konferenz sollen im kommenden Jahr erstmals die Grundgedanken der neuen Friedensdenkschrift konkretisiert werden. Galt es im Kalten Krieg noch, dem Wettrüsten das Vertrauen der Christenmenschen entgegenzuhalten, setzt die EKD in der neuen Friedensschrift den Schwerpunkt anders: "Gerechter Friede setzt in der globalisierten Welt den Ausbau der internationalen Rechtsordnung voraus."

Doch was bedeutet das? Gerechtigkeit, Recht und Frieden - die Diskussion um diese Trias soll auf die Kanzeln, in die Gemeinden und Kirchengruppen getragen werden. Verschiedene Initiativen und Institutionen sollen sich unter Brahms Führung auf der neuen Konferenz über die EKD-Friedensdenkschrift verständigen, die Inhalte auf die Kanzeln der vielen deutschen Gemeinden tragen und für Denkanstöße sorgen.

"Die Konferenz ist eine Organisations- und Moderationsaufgabe", erklärt Brahms. Und was für eine. Er soll zum Beispiel das Kunststück fertigbringen, als Friedensbeauftragter dem Beirat für die Seelsorge in der Bundeswehr und dem Beirat für die Seelsorge an Zivildienstleistenden vorzusitzen, zwei Gruppen, die sich nicht unbedingt grün sind. Oft schon kritisierten christlich motivierte Kriegsdienstverweigerer die Militärseelsorge, weil sie sich mit den Soldatinnen und Soldaten immer auch dem Dienst an der Waffe zuwende. Solle das etwa Friedensarbeit sein? Dem evangelischen Pressedienst epd sagte Brahms einmal, es gelte, "beide Bereiche im Sinne der Friedensverantwortung im Gespräch zu halten".

Bei solchen Antworten werden diejenigen ungeduldig, die Kernsätze erwarten, die festlegen, wo’s langgeht und was das Kirchenvolk zu tun hat. Doch Moderatoren, wie gesagt, sind anders. Herr Brahms, wie beurteilen Sie, dass deutsche Truppen in Afghanistan kämpfen? Er selber sehe das Ganze kritisch, sagt er und bezieht sich auf eine Frage des EKD-Vorsitzenden Bischof Wolfgang Huber: "Setzen wir nicht zu stark auf die militärische Karte?"

In Bremen sind Kompromisse nicht leicht

Brahms vor der Silhouette des St.-Petri-Doms.
Brahms vor der Silhouette des St.-Petri-Doms. Foto: R. Schiffler, Brem. Evangel. Kirche

Vor den Fenstern von Brahms’ Büro ziehen gemächlich die Binnenschiffe die Weser hinunter. Die Türme des Doms grüßen herüber und wer den Hals reckt, sieht auch die Dächer der traditionsreichen Kirchen St. Martini und St. Stephani. Das Leben könnte so entspannt sein. Die Bremische Evangelische Kirche hat aber nur noch 234.000 Mitglieder, Tendenz fallend. 2001 waren es noch rund 20.000 mehr. Abgesehen von seinen Aufgaben als Friedensbeauftragter muss Brahms auch die Zukunft der kleinen Bremischen Evangelischen Kirche im Auge behalten.

Die Anforderung dürfte vom gleichen Kaliber sein wie die verschiedenen Vorstellungen von evangelischer Friedensarbeit unter einen Hut zu bringen. Denn Bremens evangelische Kirchenlandschaft ist speziell. Die 64 Gemeinden sind, anders als im übrigen Bundesgebiet, seit der Reformation weitgehend selbstständig. Sie genießen Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit. Die Neigung zum Kompromiss ist denn auch eher mittelprächtig ausgeprägt, meinen Spötter.

Die bundesweiten Mitgliederschwund entkommt aber eben auch die BEK nicht. "Die Gemeinden in Bremen haben in den letzten 15 Jahren 35 Prozent ihrer Mitglieder verloren", erklärt Brahms. Man sei mitten drin in einer Strukturreform. "Die Gemeinden mussten sich dabei lange mit sich selber befassen. Ich hoffe, das wird sich jetzt ändern!"

Der Pastor weiß, wovon er redet. 16 Jahre lang arbeitete der Seelsorger in einer Kirchengemeinde in Bremen-Osterholz. Nach den Jahren im Gemeindedienst wechselte er zum Landesverband der evangelischen Tageseinrichtungen für Kinder, wo er für religionspädagogische Fragen zuständig war. 2007 wurde er Schriftführer.

Betätigungsfeld Kirchentag

Im kommenden Mai macht der Deutsche Evangelische Kirchentag in Bremen Station. Wie immer wird die alle zwei Jahre stattfindende Großveranstaltung ein Riesenfest werden, halb Konzert und Messe, halb frommer Taumel, halb Podiumsdiskussion. Bei vielen Menschen beobachte er "in Interesse an Religion, Glaube, Spiritualität und Kirche", hat Renke Brahms einmal vor Journalisten zum Thema Kirchentag in Bremen gesagt.

Die bunte Glaubensfete an der Weser wird unter dem Motto stehen "Mensch, wo bist Du?" Manche Kirchentagsbesucher werden mit der Gegenfrage antworten: "Und Du?", andere "Hier!" rufen oder "Wer will das wissen?" Beste Voraussetzungen für den Moderator Renke Brahms.

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5.952 Zeichen, Autor: Christian Beneker

Pressekontakt:

Bremische Evangelische Kirche

Sabine Hatscher

E-Mail: presse[at]kirche-bremen.de