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Hartes Training für 90 Sekunden Kür

Mehrere Stunden am Tag trainieren die Mädchen. Ihr Ziel: Gute Treppenplätze.
Mehrere Stunden am Tag trainieren die Mädchen. Ihr Ziel: Gute Treppenplätze. Foto: Focke Strangmann

14 Bremer Sportgymnastinnen bereiten sich intensiv auf die Deutschen Meisterschaften Anfang Juni in Frankfurt vor. Was geschmeidig aussieht, ist das Ergebnis harter Arbeit am Bundesstützpunkt Rhythmische Sportgymnastik.

Die Gymnastikhalle ist mit Teppich ausgelegt, aus den Lautsprechern schallt am frühen Nachmittag lebhafte Trommelmusik. An der Spiegelwand dehnen zwei Gymnastinnen die Beinmuskulatur zum Spagat. In der Mitte des Raums eine zierliche, kleine Person. Die 13-jährige Nastasia Schulz bewegt sich zum schnellen Rhythmus der Musik. Sie lässt einen goldenen Ball über den Körper rollen, prellt ihn auf den Boden, um selbst zum Sprung anzusetzen und wenig später die Kugel sanft im Rücken aufzufangen, auf dem Bauch liegend und mit nach hinten überstreckten Beinen und Kopf. Es sind nur einige Elemente ihrer "Übung mit Ball", die sie an diesem Tag zig Mal wiederholt. Wenn ihre Trainerin die Musik unterbricht, Details korrigiert, beginnt Nastasia von Neuem - und lächelt.

Trainingsalltag im Bundesstützpunkt Rhythmische Sportgymnastik. In diesen Wochen steht er ganz im Zeichen der Vorbereitung auf die Deutschen Meisterschaften, die Anfang Juni beim Deutschen Turnfest in Frankfurt ausgetragen werden. Auch Nastasia ist in mehreren Disziplinen dabei - und das bereits zum zweiten Mal. Ihr Ziel? "Gute Treppenplätze", sagt die 13-Jährige und schickt ein verstohlenes Lächeln hinterher. Mit fünf Jahren hat sie mit dem Sport angefangen, nachdem ihr Vater einen Flyer mit nach Hause gebracht hatte. Auf dem war ein Bild von einer Sportgymnastin zu sehen, die auf einem Bein stand und das zweite senkrecht und kerzengerade an ihrem Ohr vorbei in die Höhe streckte. "Da habe ich gesagt: Das will ich auch."

Körperbeherrschung: das A und O

Rhythmische Sportgymnastik wird oft belächelt. Wer sich eine anderthalbminütige Kür anschaut, ist eines Besseren belehrt. Wer dazu noch einem mehrstündigen Training beiwohnt, endgültig bekehrt. Was Anfang des 20. Jahrhunderts als anmutige Gymnastik zur Musik begann, ist längst ein Hochleistungssport. Bis zu fünf Mal in der Woche trainieren die Talente am Stützpunkt in Bremen und im Verein. "Körperbeherrschung ist das A und O", sagt Larissa Drygala, langjährige Stützpunkttrainerin in Bremen. Gymnastinnen wie Nastasia bringen eine überdurchschnittliche Grundbeweglichkeit mit. Grazil, biegsam. Sehr biegsam. Dazu sind Musikalität und Ausdruckskraft gefragt, werden Sprung-, Schnellkraft und das Beherrschen der "Handgeräte" trainiert - Seil, Reifen, Ball, Keule und Band. Und die werden immer wichtiger.
Der Trend: Weg von der Rumpfbeuge

Denn um die Randsportart attraktiver zu machen, wurden die Wettkampfbedingungen vom internationalen Dachverband FIG (Fédération Internationale de Gymnastique) geändert. "Das ist ein guter Weg", sagt auch die Stützpunkttrainerin. Der Sport soll weg von der extremen Rückenbeuge, hin zu mehr Geräten, die mit Bewegungselementen und Musik in Einklang gebracht werden müssen. "Es kommt jetzt mehr auf Musikalität und den spielerischen Umgang mit den Geräten an" erläutert Drygala. "Es wird zirzensischer. Der Ball wird zum Beispiel auf dem Finger gedreht oder mit allen Körperteilen gefangen, nur nicht mit der Hand."

Neue Anforderungen

Voller Vorfreude auf die Deutschen Meisterschaften: Lena Rübke und Nastasia Schulz.
Voller Vorfreude auf die Deutschen Meisterschaften: Lena Rübke (l.) und Nastasia Schulz (r.). Foto: Focke Strangmann.

Das erfordert zusätzliche Koordination. Die neuen Bedingungen sind eine Herausforderung für Trainerinnen wie Gymnastinnen. Training und Choreografien wurden angepasst, jetzt wird intensiv geübt - denn jedes Danebengreifen wird im Wettkampf mit Punktverlust bestraft. Für Gymnastinnen wie Lena Rübke ist die Änderung eine willkommene Herausforderung. Zu den Klängen fröhlicher Klezmermusik, die sie selbst ausgesucht hat, wirbelt sie gerade zwei Keulen in die Luft, um dann am Boden zu turnen und die sich neigenden Keulen an anderer Stelle wie selbstverständlich aufzufangen. "Es ist eine witzige, flippige Übung. Ich turne gern schnell", sagt die 15-Jährige. Als dreifache Jugendmeisterin will sie in Frankfurt ihre Titel verteidigen. Wie die meisten der rund 20 Talente der Bremer Leistungsklasse besucht sie eine sportbetonte Partnerschule des Stützpunkts. Das erleichtert ihr, Schul- und Trainingspensum unter einen Hut zu bekommen. Ein Internat gibt es am Stützpunkt nicht - die Mädchen kommen aus dem Land Bremen und dem niedersächsischen Umland.

Talentförderung mit Tradition

Seit 1990 betreibt der Deutsche Turner-Bund in Bremen einen von bundesweit vier Bundesstützpunkten. Die Bremer haben sich vor allem im Gruppen-Wettbewerb einen Namen gemacht und international erfolgreiche Gymnastinnen wie Juliane Weigel, Pia Böttcher, Merle Kock und Luise Stäblein hervorgebracht, die bei WM, EM oder Olympischen Spielen turnten. In deren Fußstapfen würden Nastasia Schulz, Lena Rübke und die anderen gern treten. Die Deutschen Meisterschaften sind ein Etappenziel. Lena Rübke hat schon den nächsten, großen Traum vor Augen: "Die EM im nächsten Jahr", sagt Lena. Sie wird in Bremen stattfinden.

Mehr unter www.bremer-turnverband.de
4.978 Zeichen, Autorin: Sonja Bleibenich

Pressekontakt:

Bundesstützpunkt Rhythmische Sportgymnastik

Leiter: Michael Wiatrek
Trainerin: Larissa Drygala

E-Mail: bsp-rsg[at]bremer-turnverband.de