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Ein ganzer Stadtteil im "Faust"-Fieber

Faust-Sprecher Dominique Horwitz (m.) bei den Proben mit Schülerinnen der Gesamtschule Ost
Faust-Sprecher Dominique Horwitz (m.) bei den Proben mit Schülerinnen der Gesamtschule Ost. Foto: Jörg Sarbach

In Bremen laufen die Proben für ein einzigartiges Projekt auf Hochtouren: Schülerinnen und Schüler aus Osterholz-Tenever erarbeiten mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und dem prominenten Schauspieler Dominique Horwitz die zeitgenössische Oper "Faust II".

Bremens Vorzeige-Orchester "Die Deutsche Kammerphilharmonie" redet nicht von der Krise. Gerade haben die musikalischen Botschafter Bremens mit ihrer revolutionären Lesart des kompletten Zyklus der Beethoven-Sinfonien unter der Leitung ihres Chef-Dirigenten Paavo Järvi im Théatre des Champs-Élysées die Herzen des anspruchsvollen Pariser Publikums im Sturm erobert. Und schon ist das Weltklasse-Orchester mittendrin im nächsten spektakulären Projekt: mit Kunst und Musik gegen die soziale Sinnkrise, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Im "Zukunftslabor" getauften Probenraum, den die Musikerinnen und Musiker vor einigen Jahren in der Gesamtschule-Ost (GSO) bezogen haben, laufen die Proben zu einem bisher wohl einzigartigen Projekt auf Hochtouren. Am 11. und 12. Juni wird in Osterholz-Tenever, einem multikulturell geprägten Stadtteil Bremens, Karsten Gundermanns Sprechoper "Faust II" als gigantisches Open-Air-Event über die Bühne gehen.

Proben im Zukunftslabor

Foto der Schüler beim Proben.
Die Schüler sind die gesamte Produktion eingebunden, vor und hinter der Bühne. Hier mit Solistin Etta Scollo. Foto: Jörg Sarbach

Das Außergewöhnliche an dieser Opernproduktion: Sie ist eine Gemeinschaftsarbeit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und rund 500 Schülerinnen und Schülern der GSO-Klassen 5 bis 11. Hinzu kommen prominente Künstler wie der Chansonnier und Schauspieler Dominique Horwitz und die italienische Sängerin Etta Scollo, die die Rolle der Helena verkörpert. Während Horwitz sprechsingend den "Faust"-Text groovt, wird Jean Sasportes die Titelfigur tanzen. "Als ich Karsten Gundermanns Musik hörte, brauchte ich keine 40 Sekunden, um mich zu entscheiden. Ich dachte mir, das ist so abgedreht, das muss ich machen!", begeistert sich der Schauspieler und Sänger.

"Goethe in Osterholz-Tenever, ist das ernst gemeint?", hatte der renommierte zeitgenössische Komponist und Kulturmanager Gundermann noch im Herbst letzten Jahres mit einer gesunden Portion Skepsis scherzhaft gefragt. Inzwischen ist ein ganzer Stadtteil auf den Beinen, um das prestigeträchtige "Faust II"-Projekt nach vorn zu bringen. Für jeden Themenschwerpunkt des auf rund ein Zehntel eingedampften, um Schülertexte ergänzten "Faust II" wurden 14 Paten aus den verschiedensten Bereichen des Stadtteils gesucht und gefunden. Gemeinsam mit diesen Beratungsexperten stemmt Regisseurin Julia Haebler, die schon am Theater Bremen inszenierte, das Riesenprojekt.

Auch ihre Regie-Assistenten kommen aus Osterholz-Tenever. Karim Boujibar hat gerade Jan Vater abgelöst, der sein Soziologie-Studium beenden will. Der bodygebuildete Schöngeist, der eine Vorzeige-Karriere hingelegt hat, avancierte besonders bei den Jungs zum Vorbild. "130 Schülerinnen und Schüler wirbeln hinter den Kulissen, sind mit für Bühnenbild, Kostüme, Maske und Spezialeffekte zuständig und dokumentieren unsere Produktion auf Video", erzählt die Regisseurin. "Die Mütter nähen sich für die Kostüme die Finger wund."

"Wir sind doch Profis!"

Auch die Eltern der Achtklässler Yoanna, Kevin und Mohamed, die mit ihren Schulkameraden seit 8 Uhr morgens mittlerweile dreieinhalb Stunden an der Inszenierung feilen, sind neugierig auf die Fortschritte ihrer Sprößlinge. "Wir sind doch Profis!", sagen die drei Schüler. Und schon geht's weiter im Text: Die Klasse 8.1 kommt bei der komplizierten Choreografie, die den Spiralnebel in Goethes "Faust II" illustrieren soll, ganz schön ins Schwitzen. "Ihr habt fünf Minuten Zeit, um von einer Position in die andere zu kommen", lautet die Ansage von Julia Haebler und Marion Armschwandt.

Die Regisseurin und ihre Choreografin zählen den Countdown: "Fünf, vier, drei, zwo, eins - los!". Kevin, der eben noch quirlig durch die Aula der GSO wirbelte, übernimmt nun ganz selbstverständlich die Verantwortung für die Gruppe der Achtklässler und gibt das Marschtempo vor. Und siehe da: Das Ein- und Ausfädeln im Kreisverkehr klappt nach mehreren Anläufen schon ganz prima. Plötzlich beginnt die choreografische Figur zu fließen, ganz so, wie es bei Goethe heißt: "Freies Meer befreit den Geist!" Dazu proben die Achtklässler den Schlittschuhschritt, indem sie übers Parkett hin- und herwogen.

"Wir sind hier, wir sind wieder hier!", skandieren die Schülerinnen und Schüler an einer Stelle von "Faust II". Ausdruck von Selbstbewusstsein und Stärke. Eigenschaften, die allerdings in disziplinierter, harter Kärrnerarbeit erstmal in den wöchentlichen Proben erkämpft sein wollen. "Durch den Text müssen sich die Schülerinnen und Schüler erstmal durchbeißen", räumen Haebler und Armschwandt ein.

Ein "work in progress", an dem Komponist Gundermann und der Leiter der Musik-Koordination in der GSO, Henning Grossmann mit ihren Schützlingen zielstrebig arbeiten. Alles zu koordinieren, Goethe-Text, szenisches Spiel und Choreografie, das ist schon ganz schön schwierig, finden Yoanna, Kevin und Mohamed. Aber wie heißt es doch gleich in "Faust II"? "Der Erdenkreis gewährt noch Raum für große Taten!"

"Elite goes social"

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen wurde für ihr soziales Engagement in dem Multi-Kulti-Stadtteil bereits mit einer Reihe von renommierten Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2008 mit dem Deutschen Gründerpreis. Wissend, dass in solchen Referenzprojekten wie "Faust II" und der inzwischen zum Kult avancierten "Die Melodie des Lebens" - eine bunte Show, die die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit dem Komponisten Mark Scheibe und den Kammerphilharmonikern regelmäßig auf die Beine stellen - die Zukunft liegt. In einer von Unsicherheit geprägten Zeit, in der der Kitt zwischen den Schichten immer mehr zerbröckelt und die Entsolidarisierung der Gesellschaft dramatisch voranschreitet.

"Es ist nicht alles Harmonie", heißt es in der "Melodie des Lebens", in der die Schülerinnen und Schüler ein Stück weit die eigene Lebensrealität eingefangen haben. Die Kammerphilharmoniker sitzen mit ihnen im Zukunftslabor der GSO während der Probenphase oft bis nach Mitternacht und dann sind plötzlich alle Probleme, die in Osterholz-Tenever auch existieren, wie Kinderarmut und Perspektivlosigkeit wie weg gewischt.

"Wir versuchen, die sozialen Gruppen wieder stärker miteinander in Kontakt zu bringen. Dadurch wollen wir der Zersplitterung der Gesellschaft und damit dem Stillstand entgegenwirken", analysiert Albert Schmitt, Geschäftsführer der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, das Schlagwort, das der Tagesspiegel mit der Zeile „Elite goes social“ prägte.

Und das gelingt in Osterholz-Tenever auf das Schönste: Punker haben plötzlich keine Berührungsängste mehr mit der klassischen Musik. Die Gesamtschule Ost ist laut dem jüngsten Focus-Ranking unter die 20 besten Schulen Deutschlands aufgerückt. "Es gibt einen Anmeldungsrekord von musikinteressierten Kindern, auch aus anderen Stadtteilen", weiß Albert Schmitt und betont, dass das auch das "erarbeitete Glück" des tüchtigen Schulleiters Franz Jentschke sei. Er ergriff beherzt die Chance, dem Teufelskreis der Hartz-IV-Depression etwas entgegenzusetzen. In der GSO wird ein Stück weit der Traum von einer neuen Gesellschaft verbunden mit der Energie der Aufbruchsstimmung gelebt.

Mehr unter www.kammerphilharmonie.com

7.313 Zeichen; Autorin: Sigrid Schuer

Pressekontakt:

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

E-Mail: e.samp[at]kammerphilharmonie.com