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Wein oder nicht Wein

Foto von Ewald Briesch
Wein oder nicht Wein? Diese Frage beantwortet Ewald Briesch seit mehr als 20 Jahren täglich. Foto: Jörg Sarbach

Gezuckert, verwässert, gefälscht? Der Winzersohn Ewald Briesch würde es merken. Der Wahlbremer ist nicht nur Weinsachverständiger - er ist Deutschlands oberster Weinkontrolleur.

Auf dem Schreibtisch ein, zwei Flaschen Spätburgunder, auf einer Ablage mehrere Sorten Glühweine, auf dem Beistelltisch diverse Obstbrände - und keine einzige der vielleicht 20 Flaschen noch voll. Bei jedem anderen würden Besucher auf ein ernstes Problem tippen. Ewald Brieschs Büro sieht einfach nach Arbeit aus.

Der 53-Jährige ist Bremens Staatlicher Weinsachverständiger. Seit mehr als 25 Jahren prüft er im Landesuntersuchungsamt für Chemie, Hygiene und Veterinärmedizin Weine, die in Bremen im Handel sind, und weil es Personal spart, die Schnäpse gleich mit. "Erst kürzlich hat mein Chef gesagt, ich sei der richtige Mann am richtigen Platz", erzählt Briesch nicht ohne Stolz. "Ich lebe das wirklich." Das hat wohl auch Kollegen überzeugt: Briesch ist seit vielen Jahren Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Staatlicher Weinsachverständiger, organisiert für seine bundesweit rund 60 Kollegen Tagungen, Geschmacksfortbildungen und Weinfachexkursionen.

Für Wein und Spirituosen gelten ähnlich wie für Lebensmittel zahlreiche Vorschriften. Zum Beispiel hat Briesch darauf zu achten, ob die Etiketten alle amtlich vorgeschriebenen Angaben aufweisen. Stimmt die Schriftgröße, sind die Dokumente für die Einfuhr von Wein korrekt ausgefüllt, enthalten sie die anzugebenden Analysedaten?

Der geborene Experte

Foto von Ewald Briesch mit Weinglas
Für die sensorischen Tests muss Weinkontrolleur Ewald Briesch tief ins Weinglas schauen. Foto: Jörg Sarbach

Derlei trockene Fragen könnten viele klären. Doch Briesch muss von Amts wegen tiefer in die Flasche schauen, um Täuschungen auf die Schliche zu kommen und die Weine "sensorisch" zu untersuchen: Sind Aussehen, Geruch und Geschmack der Getränke so, wie sie sein sollen? Sind sie typisch für Herkunft, Jahrgang, Rebsorte und die Qualitätsangabe?

Aufgewachsen in einem 500-Seelen-Dorf an der Mittelmosel als Sohn eines Winzers ist Briesch quasi geborener Experte. Zudem studierte er nach dem Abitur Weinbau und Kellerwirtschaft, in der Fachsprache: "Önologie", und ging als zweiter Kellermeister in eine Großkellerei. Die fast industrielle Weinproduktion war nicht sein Fall, stellte er bald fest. Er bewarb sich auf eine Anzeige hin in Bremen und waltet hier nun schon seit 1982 seines Amtes.

"Wo Kabinett draufsteht, muss Kabinett drin sein, Merlot muss Merlot sein", erklärt Briesch den Arbeitsauftrag bündig. Junger Merlot etwa schmecke fruchtig, "nach roten Beeren, kirschartig". Wenn er laut Etikett aber fünf Jahre alt sein solle, stimme etwas nicht. Solle es sich um „Barrique“-Wein handeln, müsse man die typische Holzfassnote schmecken. "Sonst hat der vielleicht nur zwei Tage ein Fass von innen gesehen", sagt der Experte schmunzelnd.

Manche Fragen kann Briesch auch mithilfe der Analysemaschinerie des Landesuntersuchungsamtes klären, etwa wenn es um unzulässige Zusätze von Alkohol, Farb- und Konservierungsstoffen oder um unerlaubt hohe Schwefelgehalte geht. "Zudem hat jeder Wein eine eigene Dichte. Wenn dann meine Probe sehr stark von der Vergleichsprobe abweicht, kann ich sagen: Das ist nicht derselbe Wein." So kam Briesch zum Beispiel kürzlich einem Winzer auf die Spur. Der wollte ungern auf den Preisvorteil verzichten, den ihm eine Auszeichnung für einen bestimmten Wein eingetragen hatte. Als ihm der prämierte Wein ausging, versuchte er den Nachfolgejahrgang als teure Medaillenware unters Volk zu bringen - der Betrug flog auf.

Bei jedem fünften Wein ist etwas faul

Etwa 160 "Planproben" nimmt Briesch jährlich, regelmäßige, unangekündigte Stichproben bei Weinimporteuren oder -händlern. Hinzu kommen Verdachtsproben oder solche nach Kundenbeschwerden sowie Proben, die der Zoll veranlasst, weil er misstrauisch wird. "Beanstandungen gibt es in 15 bis 20 Prozent der Fälle, zumeist reine Kennzeichnungsfehler", berichtet Briesch. Sind Mängel gezielt verursacht, drohen den Urhebern Geld- oder gar Haftstrafen - je nach Schwere des Delikts.

Skandale von der Qualität der Glykolwein-Affäre vor mehr als 20 Jahren, als österreichische Winzer ihren Weinen Frostschutzmittel beisetzten, habe er seither nicht mehr erlebt. Doch auch heute tauchen verunreinigte oder schlicht ungenießbare Weine auf. Rotwein etwa, der zu Essig umgekippt ist und nun wie Nagellackentferner schmeckt, oder weiße Sorten, die zu langen in hellen und warmen Verkaufsregalen gelegen haben. "Durch Sauerstoffeinfluss oxidieren die Inhaltsstoffe und diese Weine schmecken bitter, oft sherryartig."

Kann verdorbener Wein die Lust auf mehr vergällen? Briesch winkt lachend ab - auch die Freizeit kreist viel um gute Tropfen. An der Bremer Volkshochschule veranstaltet er Weinkunde-Seminare. Aus der Berufsverbandsarbeit hat sich ein achtköpfiger Freundeskreis herausgebildet, der sich einmal im Jahr zur Privatfortbildung trifft. Briesch will in diesem Jahr mit ihnen erstklassige Spätburgunder unterscheiden üben und anschließend mit einem Sechs- bis Sieben-Gänge-Menü veredeln. Das dürfte ihn und seine Experten-Kollegen ungefähr 1.200 Euro für ein Dutzend Flaschen kosten, schätzt er. Aber dann zuckt die Schultern: "Andere haben ein teures Auto – ich fahre Rad."

Mehr unter www.lua.bremen.de

5.180 Zeichen, Autorin: Imke Zimmermann

Pressekontakt:

Landesuntersuchungsamt für Chemie, Hygiene und Veterinärmedizin

Ewald Briesch

E-Mail: ewald.briesch[at]lua.bremen.de